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VĂ©libs in Paris (Malias,
paris-talk.blogspot.com)

Pariser Fahrradverleihsystem Vélib’ vom Scheitern bedroht

Berlin, 11. Februar 2009

Dem beginnenden Fahrradboom und der weltweiten Aufmerksamkeit für das Projekt folgt nun der Hilferuf des Betreibers JCDecaux: Vandalismus und Diebstahl haben ein ungeahntes Ausmaß erreicht

Mehr als 20.000 Leihfahrräder sollten eigentlich die Verkehrsprobleme in der Pariser Innenstadt lösen helfen. Als Vélib’ - ein Kunstwort aus Velo (Fahrrad) und Liberté (Freiheit) - im Juli 2007 mit mehr als 10.000 Leihfahrrädern startete, ging ein Raunen durch die Fahrradszene und die Verkehrsfachwelt. Nie zuvor wurde ein Fahrradverleih-Projekt dieser Größenordnung auf den Weg gebracht. Bereits Ende des Jahres 2007 sollten es mehr als 20.000 Vélibs an rund 1.500 Ausleihstationen sein - alle 300 Meter eine.

Das Radsportland Frankreich zählt zu den Schlusslichtern bei der Fahrradnutzung in Europa

"Zu langsam, man wird nass, die Luft ist schmutzig und es ist gefährlich", so beschrieb Gilles Duhem noch vor wenigen Jahren die Ablehnung des Radfahrens durch die Pariser in der Zeitschrift RadZeit. Im so genannten Radsportland Frankreich wurden pro Jahr und Einwohner bisher ganze 87 Kilometer mit dem Fahrrad zurückgelegt. In Deutschland sind es immerhin 300, in Dänemark 958 und in den Niederlanden 1.019 Kilometer.

Bis zum Jahr 2020 will Paris nun seinen Radverkehrsanteil um 400 Prozent auf dann sechs Prozent vervielfachen - von ursprünglich weniger als anderthalb Prozent. Zum Vergleich - in Berlin fahren täglich zwölf Prozent der Verkehrsteilnehmer mit dem Fahrrad.

Berliner besitzen im Vergleich zu Paris fast sechs Mal so viele Fahrräder

Mit Vélib’ wurde tatsächlich alles anders - nicht weniger als 42 Millionen Mal wurden die Leihräder bisher genutzt. Doch hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Berlin und Paris - in der französischen Hauptstadt besitzt kaum jemand ein eigenes Rad. Während pro 100 Berliner Haushalte immerhin 135 Fahrräder vorhanden sind, wird diese Zahl in Paris mit gerade einmal 25 angegeben. Die Vélibs sind also so etwas wie eine Starthilfe für ein Fahrradentwicklungsland.

11.600 Vélibs dem Vandalismus zum Opfer gefallen und 7.800 gänzlich verschwunden

Anfang dieser Woche schlug nun der Betreiber JCDecaux in der Tageszeitung Le Parisien Alarm. Innerhalb von nur 18 Monaten seien 11.600 Vélibs dem Vandalismus zum Opfer gefallen und 7.800 gänzlich verschwunden - in der Seine versenkt, auf Bäume gehängt, verbrannt, zerbrochen und einige der mit einem Preis von nur 400 Euro eher billigen Vélibs wurden schon in Osteuropa und sogar Afrika gesichtet.

"Wir haben das Ausmaß der zu erwartenden Schäden unterschätzt", sagt Albert Asseraf, JCDecaux Marketing-Direktor. Denn eigentlich hatte JCDecaux an ein gutes Geschäft geglaubt, als das Unternehmen als Gegenleistung für das Vélib-Projekt die Nutzungsrechte an 1.600 Werbetafeln für zehn Jahre bekam. Europas größter Außenwerbekonzern verlangt jetzt eine stärkere Beteiligung der Stadt Paris an den Unterhaltungskosten. Man könne nicht alle Einnahmen am Verleih der Stadt überweisen - immerhin 20 Millionen Euro - und selbst auf allen Ausgaben sitzen bleiben.

Weltweites Entsetzen über Massensterben der Vélibs

Das Entsetzen über das mögliche Scheitern von Vélib’ ist inzwischen weltweit genauso groß wie die ursprüngliche Begeisterung für das Projekt. Die Londoner Times widmet dem Thema unter der Überschrift Paris self-service bicycles are vandalised, stolen and sold gestern einen großen Artikel - das Leben sei brutal und kurz seit dem bejubelten und rauschenden Erfolg.

Die New York Times schreibt heute unter dem Titel Vandalism Vexes Paris Bike-Rental System, dass es neben Vandalismus auch noch andere Ursachen für das Massensterben der Vélibs geben könnte. Es sei eben auch eine Frage des Verschleißes und nicht nur von gezielter Zerstörung.

Tatsächlich lässt die Art der Schäden genau diesen Verschleiß vermuten - ein Fahrradrahmen darf nun mal nicht brechen, erst recht nicht an einem stark beanspruchten Leihfahrrad.