Login  
/uploads/21/Wl/21WlAf-tR36Y3OSZkg6Jbg/foto09555_Verkehrsopferbilanz_Berlin_Klang_Glietsch_Vorschau1.jpg
Verkehrsopferbilanz:
Glietsch, Klang

Berlin: Mehr Radfahrer, weniger tödliche Fahrradunfälle

Berlin, 16. Februar 2009

Mit schwarzem Humor kommentierte die Berliner Zeitung am Wochenende das Verkehrsverhalten von Radfahrern: "Unschuldige unterwegs". Das Blatt bezog sich auf die jährliche "Verkehrsopferbilanz", die Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch am Freitag vorstellte.

Radfahrer fahren oft bei Rot, sterben aber meist bei Grün im toten Winkel von Lkw - im vergangenen Jahr in Berlin allein fünf Mal unter Lastzügen und Sattelschleppern. Insgesamt verunglückten 2008 elf Radfahrer auf Berlins Straßen und Radwegen tödlich, im Jahre 2003 waren es mit 24 noch mehr als doppelt so viele.

Zu schnelles und zu dichtes Überholen treibt Radfahrer massenweise auf Gehwege

Es ist die Urangst von Radfahrern auf dem Radweg übersehen oder auf der Fahrbahn zu dicht überholt und mit zu hoher Geschwindigkeit an den Rand gedrängt zu werden. Radfahrer flüchten daher noch immer massenhaft illegal auf Gehwege und benutzen verbotenerweise Radwege auf der linken Fahrbahnseite - manchmal mit tödlichen Folgen.

Radfahren auf linken Radwegen ist lebensgefährlich

So befuhr Mitte September 2008 ein 51-jähriger Radfahrer den schmalen Radweg der Mahlsdorfer Straße (Berlin-Köpenick) unerlaubt in der Gegenrichtung und kollidierte mit einer in der richtigen Richtung fahrenden 63-jährigen Radfahrerin. Der Mann stürzte auf die parallele Straße und wurde von einem Pkw tödlich überrollt.

Polizeipräsident: Radfahrer seien überwiegend selbst an Fahrradunfällen schuld

In seiner Lageeinschätzung verstärkt Polizeipräsident Glietsch den Eindruck, Radfahrer seien überwiegend selbst an der Mehrzahl der Fahrradunfälle schuld - 57,8 Prozent der Unfälle wären von Radfahrern "verursacht" und "mitverursacht" worden.

Genau diese Mitverursacherquoten werden seit Jahren ausschließlich für Radfahrer genannt - und verschärfen bei letzteren das tiefe Misstrauen gegenüber jeglicher, eigentlich sinnvoller Polizeiarbeit.

Fahrradbeauftragter: Tatsächlich sind die für Radfahrer genannten Verursacherquoten die niedrigsten aller Verkehrsteilnehmer

Auf Nachfrage von Berlins Fahrradbeauftragtem Benno Koch musste der zuständige Polizeidirektor Wolfgang Klang später einräumen, dass die für Radfahrer genannten Verursacherquoten die niedrigsten aller Verkehrsteilnehmer sind - niedriger als die von Fußgängern und nur halb so hoch wie die der Kfz-Führer.

Fahrradfahrer nur an rund sechs Prozent aller Straßenverkehrsunfälle beteiligt

Radfahrer haben im Jahr 2008 genau 47,0 Prozent aller 7.672 Fahrradunfälle selbst "verursacht". Gemessen an allen 124.003 Straßenverkehrsunfällen in Berlin sind Radfahrer demnach an 6,2 Prozent aller Unfälle beteiligt - obwohl der Radverkehrsanteil mit offiziell zwölf Prozent doppelt so hoch liegt. Der Anteil der Fahrradfahrer in Berlin hatte sich von Anfang der 1990er Jahre von sechs Prozent auf nun zwölf Prozent verdoppelt.

Rund 92 Prozent aller Straßenverkehrsunfälle nur mit Kfz-Beteiligung

Dagegen werden die meisten Verkehrsunfälle von Autofahrern verursacht - an 113.571 Kfz-Unfällen (Pkw, Lkw, Bus, Tram, Motorräder) oder 91,7 Prozent aller Straßenverkehrsunfälle waren weder Radfahrer noch Fußgänger beteiligt. Bei Unfällen zwischen Rad und Kfz - also 75 Prozent aller 7.672 Fahrradunfälle - wurden Autofahrer in zwei Drittel der Fälle als Verursacher ermittelt.

Fahrradbeauftragter: Verkehrsklima verbessern

"Das Verkehrsklima und die Akzeptanz von Fahrradkontrollen können nur verbessert werden, wenn auch Radfahrer den Eindruck haben ernst genommen zu werden", so Berlins Fahrradbeauftragter Benno Koch. "Dazu gehören auch für alle Verkehrsmittel vergleichbare Unfallauswertungen, statt einseitiger Schuldzuweisungen. Und natürlich müssen sich Radfahrer darüber im Klaren sein, nicht als Fußgänger auf zwei Rädern, sondern mit dem Fahrrad als Fahrzeugführer unterwegs zu sein."

Verkehrsnachrichten müssen fahrradfreundlicher werden

Besonders deutlich wird dieses Ungleichgewicht in den täglichen Verkehrsnachrichten: "Als Autofahrer wird man praktisch pausenlos über so genannte Radarfallen informiert, um anschließend wieder ,normal' fahren zu können", so Benno Koch. "Für Radfahrer gibt es keinerlei vergleichbares Verständnis."

Die meisten Radwege sind nicht mehr benutzungspflichtig

Dagegen könnten die oft im 20-Minuten-Takt gesendeten Verkehrsnachrichten das Verkehrsklima und die Verkehrssicherheit deutlich verbessern: "Zum Beispiel mit dem Hinweis, dass Radfahrer berechtigterweise bereits seit der StVO-Änderung 1998 die meisten, keinerlei Mindeststandards entsprechenden Gehweg-Radwege nicht mehr nutzen müssen", so Benno Koch.

Hier scheint die Regelkenntnis vieler Führerscheinbesitzer immer noch mangelhaft zu sein - drei Viertel aller Radwege in Berlin sind nicht mehr benutzungspflichtig.

Radfahrer auf den Fahrbahnen mit mindestens 1,50 Meter seitlichem Sicherheitsabstand überholen, minimiert das illegale Rad fahren auf Gehwegen

"Auf der Fahrbahn müssen Radfahrer dann mit einem seitlichen Sicherheitsabstand von mindestens 1,50 Meter überholt werden", so Benno Koch. "Würden Radfahrer nicht mehr zu dicht überholt, wäre auch das Radfahren auf Gehwegen für die meisten nicht mehr nötig, die ständigen Belästigungen für Fußgänger beseitigt und die Gefahren des toten Winkels minimiert."

Hintergrund

- Unfallorte in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- Polizei-Pressemitteilung und Verkehrsopferbilanz unter www.berlin.de ansehen

- Bericht und Kommentar in der Berliner Zeitung Unschuldige unterwegs und Gefährliche Kreuzungen unter www.berliner-zeitung.de nachlesen