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Fahrradampel mit Restzeit
in Amsterdam

Schweres Erbe: Ampelschaltungen in Berlin wenig fahrradfreundlich

Berlin, 2. Juni 2009

Fahrradfahrer haben in Berlin meist die Rote Welle, kaum eine Ampelschaltung orientiert sich an der Fahrradgeschwindigkeit. So genannte Bettelampeln die erst auf Anforderung auf grün schalten machen Radfahrer zu Verkehrsteilnehmern zweiter Klasse.

Marko Rosteck kündigt heute in einem Interview mit der Berliner Zeitung an, man wolle Grüne Wellen auch für Radfahrer prüfen. Der Mann ist Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und drückt sich bewusst vorsichtig aus. Tatsächlich ist das Thema in mehrfacher Hinsicht ein heißes Eisen.

Betteln am Großen Stern

Als vor fast zehn Jahren der Große Stern für den Autoverkehr optimiert wurde, spielte der Fahrradverkehr in Politik und Verwaltung noch keine ernstzunehmende Rolle. Wer sich dort an die Regeln halten will, benötigt noch heute leicht zehn Minuten für eine komplette Umrundung. Zunächst müssen Radfahrer per Knopfdruck oder Induktionsschleife an jeder der fünf abgehenden Straßen grün anfordern - ein Hinweis darauf oder ein vernünftiger Grund für diese Schikane ist unbekannt. Später können sie zum Beispiel an der Altonaer Straße ganz entspannt beobachten, wie zuerst die gegenüberliegende Fahrbahn grün bekommt - während auf der zuerst zu querenden Richtungsfahrbahn bei rot kein einziges Auto zu sehen ist. Eigentlich ein leicht zu lösendes Problem, ohne Auswirkungen auf den Kfz-Verkehr.

Rätseln am Hauptbahnhof

Auch am stark von Fußgängern und Radfahrern frequentierten, erst 2006 eröffneten Hauptbahnhof gibt es auf jeder Seite eine dieser so genannten Bettelampeln. Wer vom Radweg an der Invalidenstraße nur mal schnell zum Haupteingang möchte, kann hier schon mal länger warten. Oft wissen nicht einmal Berliner und noch weniger Touristen, ob eine Ampel von alleine auf grün schaltet - es gibt ja auch die irgendwie ähnlich aussehenden Blindenampeln ...

Sofortkasse am Rosenthaler Platz

Als die Ampelanlage am Rosenthaler Platz vor gut drei Jahren neu gebaut wurde, vergaßen die Planer der Verkehrslenkung Berlin die Hauptroute der Radfahrer vollständig - 6.400 Fahrradfahrer fahren noch heute täglich illegal aus dem Weinbergsweg auf die Kreuzung, eine Ampel gibt es hier nur für die Straßenbahn. Die Kreuzung ist deshalb ein beliebter Treffpunkt von Polizei und Ordnungsamt, um in Schwerpunktkontrollen vermeintliche Fahrrad-Rowdys zu jagen - zuletzt sogar mit bundesweitem Medieninteresse in der ZDF-Drehscheibe.

Sightseeing Unter den Linden

Bis zu 15.000 Radfahrer werden inzwischen täglich Unter den Linden gezählt - doch wer vom Großen Tiergarten zum Alex fährt, hat als Radfahrer an keiner Ampel etwas zu lachen. Egal in welcher Geschwindigkeit Radfahrer unterwegs sind, haben sie die Rote Welle: Wer bei grün aus dem Großen Tiergarten über den Platz des 18. März durchs Brandenburger Tor fährt, erreicht die Wilhelmstraße immer bei rot. Auch die folgende Glinkastraße ist weder mit Tempo 30, noch mit Tempo 10 bei grün zu erreichen. Ein paar Meter weiter kreuzt die Friedrichstraße - keine Chance, auch hier ist für schnelle, langsame und durchschnittliche Radfahrer leider immer rot. Wer sich nun beeilt, kann die Fußgängerampel an der Deutschen Staatsoper sogar bei grün erreichen - na also!

Wissen, ob überhaupt irgendwann mal grün kommt ...

Grüne Wellen für Radfahrer beinhalten also gleich mehrere Aufgaben:

1. Bettelampeln für Radfahrer abschaffen, auch Autofahrer müssen nicht aussteigen um an einer Ampel grün anzufordern. Da wo sich spezielle Fahrradampeln nicht vermeiden lassen, können zum Beispiel Restzeitanzeigen in Sekunden - wie in Amsterdam am Hauptbahnhof - Rotlichtverstöße vermeiden helfen. Schließlich weiß man jetzt, dass überhaupt irgendwann mal grün kommt.

2. Viel billiger als Fahrradampeln sind die neuen, um fünf Meter vorgezogene Haltelinien für Radfahrer - hier gibt's automatisch ein bis zwei Sekunden Vorsprung für Radfahrer und Abbiegeunfälle im toten Winkel werden vermieden. Anders als Radfahrerampeln können diese Markierungen auch nicht dazu missbraucht werden, Radfahrern früher rot zu geben - die Fahrbahnampel gilt für alle Fahrzeuge. Diese so genannten ASLs (Advanced Stop Lines) waren zuerst an vielen großen Kreuzungen in London zu finden und - nach Änderung der entsprechenden Regelpläne - mit einem ersten guten Beispiel jetzt auch an der Berliner Oranienburger Straße in Mitte.

3. Können grüne Wellen wirklich alle Wünsche berücksichtigen? Mit Sicherheit nicht, auch Autofahrer beklagen sich, obwohl viele Regelungen für sie auch in der Fahrradstadt Berlin nach wie vor an erster Stelle stehen. Tests wie im vergangenen Jahr auf der Leipziger Straße haben aber gezeigt, dass eine insgesamt niedrigere Höchstgeschwindigkeit für alle, die Leistungsfähigkeit von Kreuzungen erhöhen kann - auch für Radfahrer.