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Teltow-Route
Emil-Schulz-Brücke

Dumm gelaufen: Schifffahrtsamt sperrt Teltow-Route

Berlin, 16. Juni 2009 [zuletzt aktualisiert 18.06.09, 13:23 Uhr]

Mag das Wasser- und Schifffahrtsamt keine Radfahrer? Der Eindruck entsteht, nachdem die Behörde eine Hauptroute des Berliner Fahrradroutennetzes scheinbar über Nacht gesperrt hat. Berlins Fahrradbeauftragter Benno Koch hat nachgefragt.

Der Ärger von Anwohnern und Pendlern ist seit einigen Tagen besonders groß. Die erst vor einem Jahr offiziell eingeweihte Fahrradhauptroute von Berlin-Mitte nach Teltow - die Radialroute RR12 oder kurz Teltow-Route - wurde an der stark befahrenen Königsberger Straße in Lichterfelde mal eben gekappt. Bereits seit anderthalb Jahren sollten Bauzäune die Unterführung unter der Emil-Schulz-Brücke sperren - tatsächlich waren keine Bauarbeiten erkennbar und so wurde der Zaun von Radfahrern und Joggern irgendwie ignoriert und beiseite geschoben.

Seit Anfang Juni versperren nun fest eingebaute Umlaufsperren Radfahrern den Weg, die Fahrradwegweiser an den Zufahrten wurden durchgestrichen: "Betriebsgelände - Betreten nur für Fußgänger gestattet. Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin."

Alles aus Sorge um die Verkehrssicherungspflicht - ist es wirklich so wie es scheint?

Was ist hier eigentlich passiert? "Vor anderthalb Jahren habe ich bei einer Begehung am Teltowkanal festgestellt, dass der Weg in einem schlechten Zustand und eine Gefährdung für Radfahrer und Fußgänger nicht ausgeschlossen ist", sagt der freundliche Mitarbeiter vom Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA). Der Mann sagt auch, er würde selbst Radfahren - und hat jetzt die Sperren einbauen lassen. Ist es so wie es scheint?

Frist des Schifffahrtsamtes - hat sich der Bezirk nicht für die Teltow-Route eingesetzt?

Im Februar habe es einen Vororttermin des WSA mit einem Mitarbeiter des Grünflächenamtes Steglitz-Zehlendorf gegeben. Das WSA hatte zuvor festgestellt, dass es keinen Nutzungsvertrag für die Unterführung unter dieser Brücke gebe. Auch sei eine Wartung von Flüssen und Kanälen in Berlin nicht vom Ufer aus erforderlich - ein Ausbau von Uferwegen sei daher nicht Sache des WSA, sondern des Landes Berlin oder der Bezirke. Der freundliche Herr vom WSA habe daher dem Bezirk Steglitz-Zehlendorf eine Frist gesetzt - für eine Nutzungsvereinbarung und die damit verbundene Verkehrssicherungspflicht - die unbeantwortet verstrichen sei.

Verringert die Sperrung der Unterführung nicht die Verkehrssicherheit?

Beim Grünflächenamt Steglitz-Zehlendorf gibt man sich gelassen. Ja, man habe auch Beschwerden über die Sperrung erhalten, zuständig sei aber die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung - und man werde die Sperren nicht einfach selbst abbauen. Der Uferweg entlang des Teltowkanals liegt in der Zuständigkeit des bezirklichen Grünflächenamtes, die Brückenunterführung irgendwie nicht. Die vierspurige Königsberger Straße hat an der Stelle der Teltow-Route keine offizielle Querungsmöglichkeit, Bordabsenkungen gibt es nicht, der Mittelstreifen ist zu schmal für eine Fahrradlänge. Mit zweihundert Metern Umweg wäre die nächste Ampel erreichbar. Ganze Familien stehen nun auf dem schmalen Mittelstreifen oder versuchen irgendwie die Umlaufsperren zu umkurven.

Verhinderte Idee - Radwege an Bundeswasserstraßen

"Der Bund fördert nach wie vor die Herrichtung von Betriebswegen an Bundeswasserstraßen auch für den Radverkehr", heißt es Anfang 2007 vom Bundesverkehrsministerium (BMVBS). Vorausgegangen war ein jahrelanger Streit um die erstmals 2003 für diesen Zweck vom Bund zur Verfügung gestellten 10 Mio. Euro - sie waren praktisch nicht auszahlbar. Wie jetzt in Berlin erklärte das Schifffahrtsamt, man brauche keinen Ausbau der Betriebswege zur Wartung der Flüsse und Kanäle. Der Etat wurde inzwischen auf 4 Mio. Euro reduziert - bundesweit. Die freundliche Mitarbeiterin des BMVBS kennt den Teltowkanal, doch die Sperrung überrascht sie. Ja, man sei in Gesprächen mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und es handle sich doch um ein aufwändiges Ingenieurbauwerk das Zeit brauche ...

Sollen so wirklich Hauptrouten für den Fahrradverkehr aussehen?

Wie ernst wird Fahrradverkehr eigentlich genommen und sehen so wirklich Hauptrouten aus? Die vermeintlich aus Verkehrssicherungsgründen aufgestellten Umlaufsperren und Verbotsschilder haben das Problem verschärft - jetzt geht's eben über eine stark befahrene Hauptstraße.

Immer am Wasser entlang - gute Beispiele auch in Berlin

Dabei wären gerade die Routen am Wasser nicht nur die attraktivsten, sondern vor allem die sichersten Wege für Radfahrer - ohne Kreuzungen und zur Abwechslung mal wirklich autofrei. Der in Berlin jetzt fast fertiggestellte Radweg Berlin-Kopenhagen am Hohenzollernkanal entlang (es laufen gerade die Restarbeiten an einer neu errichteten Spundwand kurz vor dem Saatwinkler Steg in Spandau) ist ein Beispiel dafür - mit nur kleinen Abstrichen.

Beispiel Europa - 1,7 Mio. Radfahrer pro Jahr auf dem Salzach-Radweg in Salzburg

Wie es in Europa zurzeit vielleicht am konsequentesten geht, zeigt die Mozartstadt Salzburg - nur wenige Meter hinter der deutschen Grenze. Die Stadt an der Salzach bezeichnet sich selbst als Österreichs Radstadt Nr. 1 - und ist es wohl nicht nur dort. Nach ähnlichen Diskussionen wie zurzeit in Berlin unterqueren inzwischen breite Rampen an beiden Seiten der Salzach sämtliche Innenstadtbrücken.

Automatische Zählschleifen im Salzach-Radweg dokumentieren den Erfolg - im letzten Jahr wurden hier 1,754 Mio. Radfahrer gezählt, Tendenz stark steigend. An Spitzentagen sind jetzt rund 11.000 Radfahrer auf den beiden Uferwegen unterwegs - vor dem Bau der ersten Unterführung waren es maximal 900 pro Tag. Wie würde Falco sagen: Come on and rock me, Amadeus ...

 

Hintergrund Teltow-Route

- unter www.benno-koch.de nachlesen

- Bilder von Peter Dörrie und Benno Koch zur Unterführung Emil-Schulz-Brücke in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- Beispiel Salzburg in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen