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Škoda Velothon
21. Juni 2009 in Berlin

Velothon - 120 Kilometer, mal schnell fahren ...

Berlin, 22. Juni 2009

Rund 12.300 Teilnehmer machten den zweiten Škoda Velothon zu einem neuen Highlight für Radfahrer in Berlin - 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Berlins Fahrradbeauftragter Benno Koch war dabei - 120 Kilometer auf dem wohl schnellsten Reiserad der Stadt ...

Schon beim Start am Sonntag Morgen Getuschel. Im Block F stehen ein Faltrad und ein Reiserad nebeneinander - der Rest der 7.456 Teilnehmer auf der 120-Kilometer-Runde scheint einen Abstecher von der Tour de France zum Brandenburger Tor gemacht zu haben: Perfekt ausgerüstet auf dem sieben Kilogramm leichten Rennrad, naja, hin und wieder auch das eine oder andere Trekking- und Fitnessrad. Mein Reiserad wiegt zehn Kilo mehr, hat Schutzbleche, Licht, Gepäckträger und einen Stahlrahmen sowie einen Fahrer mit mindestens fünf Kilo Übergewicht ...

Es ist der schönste Sommerbeginn

Los geht's durch das Brandenburger Tor Richtung Westen. Dicke Wolken am Horizont könnten den versprochenen Regen bringen. Später werden sich alle Vorhersagen, naja, als falsch herausstellen - es ist der schönste Sommerbeginn! So ist das eben mit Astrologie ... äh ... Meteorologie - fragen sie ihren Meteorologen immer wie das Wetter war, nie wie es wird.

"Fahr rechts ran!" zischt es neben mir

Von Berlin-Mitte in Richtung Spandau ist der eine oder andere Höhenmeter zu bewältigen. Dann biegen wir nach Wannsee ab, wo die Hügel der Havelchaussee die in Berlin vielleicht größte Herausforderung darstellen. Von Tempo 40 geht's runter auf 14 km/h. "Fahr rechts ran!" zischt es neben mir, als ein Pulk gut gelaunter Freizeitprofis vorbei rollt.

Kurz vor Kilometer 32 erwäge ich mich von einem märkischen Sandhügel zu stürzen ...

Kurz vorm ersten Verpflegungspunkt in Zehlendorf bei Kilometer 32 erwäge ich aufzugeben oder mich alternativ von einem märkischen Sandhügel zu stürzen. War im letzten Jahr nicht alles viel leichter? Stecken mir etwa noch der 40 Kilometer kurze Abschnitt des Havel-Radweges vom Samstag Abend und die ebenfalls kurze Nacht in den Knochen?

... noch nie habe eigentlich furchtbar schmeckende Sportdrinks mehr genossen

Noch nie habe eigentlich furchtbar schmeckende Sportdrinks mehr genossen als auf diesem Parkplatz in Zehlendorf! Und wie munden doch die radsportgerechten Orangenviertel - waren es eigentlich zehn oder zwanzig? Ich rolle weiter und scheine aufgewacht zu sein. Wir fahren über die Stadtgrenze nach Brandenburg. In Stahnsdorf haben sich nun ganze Siedlungsgemeinschaften an den Kreuzungen versammelt und jubeln uns zu.

"Hast du 'ne Wette verloren?" fragt mich ein netter Cannondale-Biker

Auf den Brandenburger Alleen ist plötzlich auch der Asphalt besser und ich schließe mich drei professionell aussehenden Frauen an. Jetzt finde ich meinen Rhythmus abseits des Imponiergehabes mancher männlicher Teilnehmer. Und plötzlich kommen andere Rennradfahrer auf mich zu: "Hast du 'ne Wette verloren?" fragt mich ein netter Cannondale-Biker. "Nö, ich wollte nur mal testen wie schnell so ein Reiserad ist", versuche ich lange Erklärungen zu vermeiden. "Ich beobachte dich schon seit einiger Zeit, du fährst gut!", bekomme ich jetzt sogar Anerkennung.

Radfahrer haben an 364 Tagen des Jahres rund um Großbeeren nicht ganz so viel zu lachen

Anders als später von der Märkischen Allgemeinen dramatisiert, entdecke ich auch keine Autostaus an den Kreuzungen der Strecke - im Gegenteil scheint die Absicherung durch die Velothon-Ordner professionell und entspannt zu sein. Normalerweise haben Radfahrer an den 364 sonstigen Tagen des Jahres zwischen Teltow, Großbeeren und Genshagen nicht ganz so viel zu lachen. Viele Landes- und Bundesstraßen wurden als perfekte Zubringer zum Berliner Ring ausgebaut - wie man legal  und sinnvoll mit dem Fahrrad über die eine oder andere nun als "Kraftfahrstraße" (für Radfahrer verboten) ausgeschilderte Piste kommt, scheint weniger zu interessieren.

Doch heute kümmern sich in Großbeeren - wie zuvor in Zehlendorf - Dutzende Velothon-Helfer liebevoll um verdurstende oder verhungernde Radfahrer. Inzwischen bin ich so fit, dass ich mich Meter um Meter nach vorne arbeite.

Die kaputten Straßen der Hauptstadt sind noch immer besser als die meisten Radwege im Normalzustand 

Zwischen Mariendorf und Tempelhof werden die Straßen wieder schlechter - wir sind zurück in Berlin. Doch trotz aller Schlaglöcher sind die kaputten Straßen der Hauptstadt noch immer besser als die meisten Radwege im Normalzustand - mit Betonplatten und -steinen sind die Rüttelpisten bei letzteren schon zur Eröffnung eingebaut. Der Tempelhofer Damm - sonst ein No-go-Area für Radfahrer - fährt sich jetzt perfekt. Wann kommt eigentlich der neue Radfahrstreifen auf der Fahrbahn zwischen Alt-Tempelhof und dem neuen Tempelhofer Hafen?

Der Wind scheint mir am Alexanderplatz mit Sturmstärke ins Gesicht zu blasen

Jetzt geht es zur Zieleinfahrt: Kaum ein Berliner hat sich an die Piste verirrt, der Wind scheint mir an der East-Side-Gallery und später am Alexanderplatz mit Sturmstärke ins Gesicht zu blasen. Das Feld ist zersprengt, es gibt keinen Windschatten mehr. Mit Tempo 25 quäle ich mich über die Torstraße, bis - wie aus dem Nichts - eine gut gelaunte Gruppe fitter Rennfahrer an mir vorbeizieht. Irgendwie schaffe ich den Anschluss und fahre durchs Garmin-Tor kurz vor der Siegessäule - noch zwei Kilometer!

33 Kilometern pro Stunde - auf einem 17 Kilogramm schweren Reiserad

Am Brandenburger Tor dann mehr Jubel als bei der Sternfahrt - 120 Kilometer in drei Stunden 30 Minuten! Macht einen Schnitt von 33 Kilometern pro Stunde und Platz 4.239 (nach Altersklasse sogar Platz 1.707 ...) - auf einem 17 Kilogramm schweren Reiserad ...

Tausende Teilnehmer entspannen sich jetzt bei schönstem Sonnenschein auf dem Rasen vor dem Reichstag. Voll mit Endorphinen werde ich der Berliner Morgenpost in den Block diktieren: "Das Ding ist eine Super-Nummer!"

"Warten, Hupen, Ausweichen" - Nörgeln, Jammern und Meckern in der Abendschau

Ganz anders später in der RBB-Abendschau - Berlin stand irgendwie im Stau, wird der Tenor lauten: "Warten, Hupen, Ausweichen - auch heute wieder waren Berlins Straßen kein gutes Pflaster für Autofahrer" - die Hälfte des Beitrages bestand aus Nörgeln, Jammern und Meckern. Waren da nicht die meisten der 12.300 Teilnehmer mit ihren Familien extra aus dem gesamten Bundesgebiet nach Berlin gekommen und lassen viel Geld in der Stadt? Lebt Berlin nicht genau von diesen Events?

B.Z.: "Diese immer gleichen Demonstrationen können genauso gut auf dem Bürgersteig abgehalten werden"

Besonders ärgert sich Gunnar Schupelius. Der Mann ist Chefreporter der B.Z. und darf sich schon von Berufs wegen täglich in seinem Blatt ärgern. Sein Kommentar "Mein Ärger" ist diesmal sogar mit dem "Berlin-Foto des Tages" kombiniert: Ein paar Radfahrer gurken an einem scheinbar endlosen Autostau vorbei. Wie immer behauptet der Mann: "Ich fahre auch gerne Fahrrad" und empfiehlt "Diese immer gleichen Demonstrationen für oder gegen was auch immer können, bitteschön, genauso gut auf dem Bürgersteig abgehalten werden und für die Massenradlerei werden sich sicherlich ein paar schöne Straßen am Stadtrand finden lassen!"

Berliner Zeitung: "Ein Gewinn für Berlin" - den Ausnahmezustand zur Regel werden lassen

"Ein Gewinn für Berlin" wird später die Berliner Zeitung kommentieren. Der Velothon sei eine gute Werbung "in wirtschaftlich kargen Zeiten". Und der Ausnahmezustand an Tagen wie diesen solle zur Regel werden - dann werden sich auch Autofahrer rechtzeitig informieren und nicht überrascht an Straßensperren stehen.

Velothon: Ausbrechen aus dem Alltag der endlosen alten Holperradwege Berlins

Na also, geht doch! Einfach 120 Kilometer mal schnell fahren - das ist der Velothon an einem Tag im Jahr, auch auf einem ganz normalen Fahrrad! Im Alltag der endlosen alten Holperradwege Berlins ein scheinbar weit entfernter Traum - auch wenn die ersten 100 Kilometer Radspuren auf den Fahrbahnen und viele neu asphaltierte Wege durch Grünverbindungen das Radfahren einfacher gemacht haben.

Vielleicht fährt ja Gunnar Schupelius wirklich Rad und vielleicht kämpft die B.Z. auch mal für Radfahrer - Berlin würde es gut tun. Bis zum nächsten Velothon können wir nun ein Jahr gemeinsam üben - versprochen, Herr Schupelius!

 

Hintergrund Škoda Velothon

- auf der offiziellen Website unter www.skoda-velothon-berlin.de nachlesen

- und natürlich die schnellsten Velothon-Fotos in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen