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BILD übernimmt
Fahrradkontrollen

BILD: "Musik hören lenkt vom Verkehr ab" ... aha!

Berlin, 23. Juni 2009

Neuerdings übernimmt die BILD-Zeitung die Fahrradkontrollen in Berlin. Wie? Was? Ach so ... BILD-Reporter Thomas Hoffmann gab sich dabei übrigens richtig Mühe - und merkt nicht, wie lustig es wäre, wenn auch Autofahrer seine Regeln beachten müssten.

Berlin, Prenzlauer Berg - Pappelallee Ecke Raumerstraße. Die Straße ist eine Hauptverbindung für Radfahrer - mehr als 6.000 Radler werden hier täglich gezählt. Ob Radfahrer hier angemessen berücksichtigt werden, hat noch niemanden interessiert. Wer von der Schönhauser Allee in der normalen Fahrradgeschwindigkeit zur Kreuzung Raumerstraße radelt, hat hier immer die Rote Welle - is' eben auf Tempo 50 für Straßenbahn und Autofahrer optimiert.

Pappelallee - ob Radfahrer hier angemessen berücksichtigt werden, hat noch niemanden interessiert

Natürlich gibt es hier auch keine Radspur auf der Fahrbahn - Radfahrer fühlen sich meist an den schmalen Rand gedrängt, rechts der Straßenbahnschienen und links der parkenden Autos. Fahrradkuriere zählen wie oft sie gedoort wurden - also von Autofahrern vom Rad geholt wurden, die irgendwie beim Türöffnen den Schulterblick vergessen haben.

Pappelallee - wann kommen die Fahrradpiktogramme zwischen den Straßenbahnschienen? 

Wie wäre es mal mit Fahrradpiktogrammen zwischen den Schienen - wo Radfahrer schon heute berechtigterweise fahren dürfen, wenn sie den Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos einhalten wollen? Auf der anschließenden Kastanienallee gibt's die ja schon - einfach mal abgucken ...

BILD-Zeitung zählt 166 Rotlichtverstöße von Radfahrern in zwei Stunden

In nur zwei Stunden hat die BILD-Zeitung 166 Radfahrer gezählt, die bei Rot über die Kreuzung Raumerstraße fuhren - weitere sieben fuhren nebeneinander und zwei hörten Musik. "Ich unterstütze das Falschfahren nicht, verstehe es aber", sagt Berlins Fahrradbeauftragter Benno Koch dem Boulevardblatt.

Grüne Wellen: Natürlich müssen auch Radfahrerinteressen berücksichtigt werden

Natürlich müssen auch Radfahrerinteressen berücksichtigt werden, wenn es um Grüne Wellen geht - dann gibt es weniger Rotlichtverstöße. Und natürlich geht es um die Verkehrssicherheit - Radfahrer werden meist bei Grün im toten Winkel von Lkw- und Pkw-Fahrern übersehen.

Fünf Meter vorgezogene Haltelinie für Radfahrer an Kreuzungen markieren

Aus dieser Erfahrung heraus fahren viele Radfahrer einfach bei Rot - wenn die Kreuzung frei ist. Eine bessere Lösung sind um fünf Meter - also zwei Fahrradlängen - vorgezogene Haltelinien vor dem Kfz-Verkehr an allen Kreuzungen, wie es sie in London und an der ersten Kreuzung in Berlin bereits gibt. Dann sind - zusammen mit der Grünen Welle - die Ursachen für die meisten Rotlichtverstöße beseitigt.

Dürfen Radfahrer eigentlich nebeneinander fahren?

Doch was ist mit den anderen "Verkehrsregeln" der BILD-Zeitung? Dürfen Radfahrer - wie Insassen im Auto selbstverständlich - eigentlich nebeneinander fahren? "Radfahrer müssen nach der dringend reformbedürftigen Vorschrift des §2 Abs. 4 StVO hintereinander fahren", schreibt Rechtsanwalt Dr. Dietmar Kettler im Standardwerk "Recht für Radfahrer". "Nebeneinander dürfen sie nur fahren, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird und in Fahrradstraßen uneingeschränkt."

Wie müssen Autofahrer eigentlich Radfahrer überholen?

Haben die nebeneinander fahrenden Radfahrer also andere Verkehrsteilnehmer behindert? Und vor allem: Was ist eine Behinderung? Kfz-Führer müssen Radfahrer in jedem Fall mit einem seitlichen Sicherheitsabstand von 1,5 Meter überholen. Hinzu kommt die Fahrspur des Radfahrers von einem Meter und der Sicherheitsabstand von einem weiteren Meter zu parkenden Autos - macht zusammen 3,5 Meter. Autofahrer müssen Radfahrer also generell auf der zweiten Spur oder auf der Gegenfahrbahn überholen - macht das die Mehrzahl der Autofahrer?

Ist Musik hören beim Radfahren wirklich illegal?

BILD wirft Radfahrern zudem vor, sie würden illegal Musik hören - ist das wirklich verboten? In der Straßenverkehrsordnung (StVO) §23 Abs.1 heißt es dazu: "Der Fahrzeugführer ist dafür verantwortlich, dass das Gehör nicht durch Geräte beeinträchtigt wird." Diese Regelung gilt für Auto- und Radfahrer gleichermaßen.

Warum sind eigentlich die Sirenen von Rettungsfahrzeugen so laut?

Gibt es eigentlich noch Kraftfahrzeuge ohne Radio? Und warum sind die Sirenen von Rettungsfahrzeugen eigentlich so laut, dass einem als Radfahrer beim bloßen Vorbeifahrern ein Hörschaden droht? Vielleicht damit man im Auto in Ruhe Musik hören kann, während die gut gedämmte Karosserie Lärm und Elend auf der Straße lässt?

Ganz klar, auch Radfahrer dürfen Musik hören, "wenn die überlaute Benutzung von Tonübertragungsgeräten" nicht eine "künstliche Schwerhörigkeit" schafft, wie es in "Recht für Radfahrer" heißt.

Regeln sind berechtigt - aber nicht einzig zur Optimierung des Kfz-Verkehrs

Natürlich ist die Forderung zur Einhaltung von Verkehrsregeln berechtigt - auch von der BILD-Zeitung. Gerade in einer Großstadt wie Berlin. Es gibt aber auch viele Regeln, die nicht der Sicherheit des Fahrradverkehrs, sondern einzig der Optimierung des Kfz-Verkehrs dienen.

Radwegebenutzungspflicht wurde aufgehoben, Einbahnstraßen in Gegenrichtung geöffnet

Einige Regeln wurden in den vergangenen Jahren geändert: Es gibt keine generelle Radwegbenutzungspflicht mehr - Radfahrer können in den meisten Fällen zwischen Radweg und Fahrbahn wählen. Radfahrer dürfen in vielen Einbahnstraßen entgegengesetzt fahren - wer sich sieht fährt sich nicht um. Auch dürfen die neuen fünf Meter vorgezogenen Haltelinien für Radfahrer in Berlin markiert werden.

Warum werden noch immer Zebrastreifen durch Fußgängerampeln ersetzt?

Und natürlich sind Zebrastreifen und kleine Kreisverkehre sinnvoller für die Verkehrssicherheit als manche Ampel die nur eine Verkehrsart bevorzugt - meist den Autoverkehr. Mit der Begründung, Autofahrer würden Zebrastreifen nicht akzeptieren - also bewusste Verkehrsverstöße begehen - werden noch immer Zebrastreifen durch Fußgängerampeln ersetzt. Zum Beispiel am Bahnhof Mahlsdorf.

Rotlichtverstöße von Radfahrern sind teurer geworden - BILD scheint ahnungslos ...

Doch so lange eine vorhandene Ampel rot zeigt, kann es bei einem Verstoß richtig teuer werden - Radfahrer sind mit Bußgeldern zwischen 45 und 180 Euro dabei. BILD schrieb übrigens "mindestens 25 Euro" - naja, man kann ja nicht alles wissen. Die nächsten Schwerpunktkontrollen der Polizei - also die echten - gibt es in Berlin übrigens im Juli ...

 

Hintergrund "BILD-Radfahrer-Kontrollen in Berlin"

- unter www.bild.de nachlesen (ja schade, ist der Artikel etwa gar nicht online gestellt worden ...?)