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Die ganze Wahrheit ├╝ber
Sonnenuntergangstouren

Aus Beates Tagebuch: Neulich auf der Tour Brandenburg

Berlin, 16. Oktober 2008 [zuletzt aktualisiert 30.06.09, 18:30 Uhr]

Die ganze Wahrheit über eine fast perfekte Sonnenuntergangstour ...

Geboren im Hochsommer hat sie im Indian Summer den Höhepunkt erreicht - die samstägliche Sonnenuntergangstour! Sie ist so etwas wie der Geheimtipp unter den Rad fahrenden Genießern dieser Stadt geworden.

Frühestens am Donnerstag jeder Woche wird ein neuer Radweg in Berlin und Brandenburg ausgesucht und auf diese Website gestellt, bevor das Wochenende am Samstag Mittag auf seinen Höhepunkt zusteuert. Bestens ausgebaute Radwege durch eine oft atemberaubend schöne Natur, vorbei an Bilderbuch-Schlössern, verbunden mit dem einen oder anderen kulinarischen Highlight - und dem perfekten Sonnenuntergang wahlweise auf einem Kirchturm, am Müggelsee und an der Oder. So zunächst der Plan ...

Schonungsloser Bericht bis zum sicheren Hungertod ...

Neun Frauen und zwei Männer wollten am vergangenen Samstag die Tour Brandenburg in den Sonnenuntergang testen. Eine von ihnen ist Beate. Ungeschminkt schreibt sie nach der Tour in ihrem Tagebuch von "wundervollen Landschaften in warmen herbstlichen Farben", "Brotsuppe" und dem "sicheren Hungertod" - hier ist ihr schonungsloser Bericht:

"Was soll ich Euch sagen! Voll motiviert und mit in freudiger Erwartung zittriger Waden und aufgeregt feuchten Füssen, lustig mit der Fahrradklingel andere Fahrgäste belästigend, bin ich gestern in meine geliebte Regionalbahn gestiegen, um mir die absolute Oberkante zum Thema Radfahren im Herbst zu geben. Ja, was lechzten Körper, Geist und Seele geradezu nach dieser Herausforderung!

In Strausberg Nord ging's los: aber hallo! Die Sonne schien, meine Nierchen wurden von meinem Rucksack geschützt, in den ich vorsichtshalber einige selbst zubereiteten Brote gepackt hatte – die allerdings schon in der S-Bahn vernichtet wurden. Denn - auch wenn als vorläufiges Endziel ein polnisches Restaurant, Partner des Oder-Culinarium, östlich der Oder angepeilt war - wollte ich mich nicht darauf verlassen, dass das als bodenständig angepriesene Essen auch anständig ist. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Knallrote Hagebutten, die ich alle gerne als Strauß in meiner Küche gesehen hätte

Yes! Wat für'n Spaß! Ich habe es geahnt. Meine strammen Beinchen taten wacker wie ihnen geheißen und traten, was das Zeug hielt in die Pedale. Das frisch geölte Ritzel blinzelte fröhlich mit der Herbstsonne um die Wette und ab ging die Post. Im Affenzahn sausten und brausten wir durch wundervolle Landschaften in warmen herbstlichen Farben, auf hauptsächlich gut asphaltierten radtauglichen Wegen, rechts und links Felder und Wälder und knallrote Hagebutten, die ich alle gerne als Strauß in meiner Küche gesehen hätte. Mal ein kleines Dorf, eine hübsche Kirche, ländlich idyllischer Jauchegeruch ... und eine Steinofenbäckerei, in der jeder ein biologisch-dynamisch-glückliches Brot für die Lieben daheim kaufte.

Nach einer Kaffeepause im Schloss Reichenow – gebaut im Tudorstil, was in der brandenburgischen Landschaft etwas albern aussieht – ging's weiter. Und dann wurde es anstrengend. Puste hatte ich schon länger nicht mehr, aber um die Fähre nach Polen zu bekommen, mussten wir noch 'nen Zahn zulegen. Hat aber nicht gereicht.

Von wunderschönster Herbstsonne eskortiert nach Hawaii ... äh ... zur Oder

Nachdem wir von wunderschönster Herbstsonne eskortiert den Deich beradelt hatten, mussten wir am Oderufer warten, und ich kam wieder zu mir. Und dann kam die Fähre zu uns, und die Sonne wollte nun doch Feierabend machen, und als wir auf polnischer Seite ankamen, wurde es gar arg kitschig. Ich könnte euch jetzt 27 Sonnenuntergangsbilder schicken, aber ihr Banausen würdet nur sagen, ja, kenne ich, ich war auch schon auf Barbados, Hawaii, Bali. Kennt man einen Sunset, kennt man alle ...

Crash-Kurs Polnisch und die Reste einer Hochzeitstorte

Noch drei Kilometer trennten uns vor dem sicheren Hungertod. Im Culinarium – anheimelnden sozialistischen Beton-Charme ausstrahlend – konnten wir dann aber aus Zeitnot nur ein Rote-Beete-Süppchen schlürfen, das seines gleichen sucht. O.k., hab' keinen Vergleich, aber ich war so fertig, hätte auch voller Begeisterung Schappi gefressen – und bekamen einen Crash-Kurs Polnisch und vernichteten die Reste der Hochzeitstorte vom Nachmittag.

Inzwischen waren wir zu neunt, vorwiegend frühes Mittelalter und ich frage mich, woher die alle so viel Energie und Kondition haben. Bescheiden, wie es meine Art ist, fragte ich nach einer motorisierten Beförderungshilfe. Ja, unsportlich, ich weiß, aber ich war alle. Gab's leider  nicht, also hieß es, hopp hopp noch dreizehn Kilometer bis zum Bahnhof, letzter Zug.

In der Ferne das langgezogene Heulen eines einsamen Wolfes

Und nun ging das Abenteuer erst richtig los. Dass auf Sonnenuntergang Dunkelheit folgt, darauf hätte ich selber kommen können. Kein Licht. Und alle weg. Und berghoch. Und finsterer Wald und wallende Nebelschwaden. Und in der Ferne das langgezogene Heulen eines einsamen Wolfes. Fledermäuse, die uns links und rechts um die Ohren flogen. Und Panik wuchs in meinem furchtsamen Herzen, die jener auf der Insel im Titicacasee vor fünf Jahren gleich kam – wir hatten uns verlaufen und rabenschwarze Nacht umgab uns und nur das absolute Wissen, dass wenn wir im Nirgendwo verrecken, unsere Kinder im Waisenhaus geschlagen werden und Brotsuppe essen müssen, gab mir damals und heute die Kraft zum Weiterstolpern.

Das volle Programm von "Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle" bis "There's a light ..."

Und ich: am Ende, die allerletzte. Nur Florian - unser 19jähriges Küken, der in seinem jugendlichen Wahn immer vor und zurück fuhr - und Ute, die als einzige Licht hatte, waren bei mir. Das Lied "Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle" bekam eine völlig neue Bedeutung. Aber als wir nach einer gefühlten Ewigkeit das erste Haus sahen, waberte sofort ein hoffnungsfrohes "There's a light ..." durchs Hirn und meinen gepeinigten Körper. Lange Rede, fünf haben den Zug bekommen, vier nicht.

Wir durchstöberten das Dorf nach einer Transportmöglichkeit, aber die Polen – und das muss ich ihnen zugute halten – sind vorsichtig. Alle hatten 'ne Bierflasche am Hals, und dann steigen die nicht mehr ins Auto. Außerdem lief ein Fußballspiel in der Glotze – später hat Polen 2:1 gewonnen.

Ich schüttelte und bedrohte den Fahrer und redete mit Hand, Fuß und Engelszunge

Und während ich mich schon nach einem gemütlichen Gasthaus umsah – welches es in dem Kaff allerdings nicht gab – tat unser Guide einen Maurer samt Lieferwagen auf, der uns gegen harte Währung zum dreißig Kilometer entfernten Bahnhof bringen sollte. Die Kerle wurden hinten zu den Rädern reingeschoben, hatten aber ein Navi und konnten so verfolgen, dass der Fahrer blöderweise über die Oder fuhr. Da wir aber auf dem polnischen Bahnhof unsere Mitfahrer treffen wollten, schüttelte und bedrohte ich den Fahrer und redete mit Hand, Fuß und Engelszunge, bis er umkehrte. Wieder fünf Minuten vertan, aber wir kamen zur Überraschung aller drei Minuten vor der Abfahrt an, stellten fest, dass es auf dem Bahnhof kein Bier gab und fielen in den Zug.

Die Ohrläppchen sind o.k.

Das waren 80 Kilometer, etwa gefühlte 77 davon bergauf, da staunt ihr, wa? Hab ich geschafft. Und bin geschafft. Als positiv denkender Mensch habe ich, auf meinem geliebten Heizkissen liegend, geforscht, welches Körperteil mir nicht weh tut, und siehe an, die Ohrläppchen sind o.k. Das ist doch schön. Ich bin an eine Grenze gestoßen, die mir meine nicht vorhandene Kondition und meine Gangschaltung gezeigt hat.

Ein Bericht der übernatürlich artigen Art von der nächsten radioeins-Ostseefahrt - versprochen!

An der mangelnden Kondition bin ich selber Schuld und das Rad werde ich überholen lassen. Und damit ich meinen Kindern und Kindeskindern noch mehr aus meinem Nähkästchen erzählen kann, werde ich im nächsten Jahr bei der legendären radioeins-Ostseefahrt mitmachen. Das verspreche ich mir selbst. Und euch verspreche ich, dass ich überlebe und euch einen Bericht der übernatürlich artigen Art zukommen lasse.

Nur noch rasch das gelbe Trikot aufbügeln und einen fettigen Speiseplan aufstellen

Und was ich kann, könnt ihr auch! Tretet los! Ich heute nicht, ich muss noch rasch das gelbe Trikot aufbügeln. Außerdem habe ich so viele Kalorien verbrannt, dass ich mir sofort einen fettigen Speiseplan für heute aufstellen muss. Liebe sportliche Wochenendgrüße an Euch alle von einer muskelverkaterten Beate."

 

Hintergrund Sonnenuntergangstouren und Tour Brandenburg

- Sonnenuntergangstour auf der Tour Brandenburg unter www.benno-koch.de ansehen

- Fotos geführter Radtouren in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- mehr Fotos der Tour Brandenburg in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- die nächste Sonnenuntergangstour unter www.benno-koch.de finden oder unter kontakt@benno-koch.de erfragen