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ARD-Tagesthemen
Unfallstatistik

Fahrradunfälle: ARD-Tagesthemen ahnungslos?

Berlin, 8. Juli 2009

Zugegeben, es kommt nicht oft vor, dass sich das Radfahren im Alltag an die Speerspitze deutscher Nachrichtenkultur verirrt. Nicht in der Klima- oder Mobilitätsdiskussion und schon gar nicht als sexy Lifestyle. Doch plötzlich berichten die Tagesthemen über "immer mehr" tote Radfahrer ...

Wie werden die Nachrichten der Zukunft aussehen? Wird es vermeintlich ungeprüftes Gezwitscher via Twitter sein? Oder garantieren nur klassische Medien mit einer großen Redaktion - sagen wir mal die der ARD-Tagesthemen - den deutschen Pressekodex? Also Unabhängigkeit und Freiheit, Sorgfalt und Richtigkeit? Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt, heißt die auch von der ARD unterschriebene Grundregel.

Tagesthemen: "Immer mehr Unfälle, immer mehr Tote. Helmpflicht, ja oder nein?"

Mittwoch, 8. Juli 2009, 22:15 Uhr: Die Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr ist auf dem niedrigsten Stand seit 1950, wird der Tagesthemen-Beitrag zur Unfallstatistik überschrieben. "Die schlechte Nachricht, der Anteil der tödlich verletzten Radfahrer ist gestiegen ... Immer mehr Unfälle, immer mehr Tote. Helmpflicht, ja oder nein?", heißt es.

Fahrradhelm: Allheilmittel für Schädel-, Augenhöhlen-, Schlüsselbein- und Rippenfraktur?

"Ich habe eine Schädelfraktur, eine Augenhöhlenfraktur, eine Schlüsselbeinfraktur und die dritte bis sechste Rippe gebrochen", sagt Peter Krause. Krause wird als eines von zwei Fahrradunfallopfern präsentiert. Wie es zum Unfall kam, wird nicht erwähnt. "Also wenn man die Unfallstatistiken sieht, wer alles ohne Helm sich verletzt, wär' ich für eine Helmpflicht", wird Krause am Ende des Beitrages zum Kronzeugen - aber wofür eigentlich?

Ohne Helm: Fahrradverkehr in Deutschland überdurchschnittlich sicherer geworden

Fahrradverkehr boomt in Deutschland. In Berlin hat sich der Anteil am Gesamtverkehr von 6 Prozent Anfang der 1990er Jahre auf jetzt 12 Prozent verdoppelt. Gleichberechtigt gefördert wurde und wird er dabei nicht - auch wenn vieles schon besser geworden ist. Vor allem ist der Fahrradverkehr gemessen an der gestiegenen Zahl der Radfahrer überdurchschnittlich sicherer geworden - ohne Helm.

Im schwärzesten Jahr 1978 starben 1.595 Radfahrer auf deutschen Straßen

Das schwärzeste Jahr war 1978 - kurz nach der ersten Ölkrise trauten sich die Deutschen wieder zaghaft auf's Fahrrad und genau 1.595 Radfahrer bezahlten diesen Versuch mit ihrem Leben. Insgesamt starben in jenem Jahr 17.303 Menschen auf deutschen Straßen.

In 30 Jahren Rückgang um 71,5 Prozent auf zuletzt 456 getötete Radfahrer

Seitdem verdreifachte sich der Radverkehrsanteil bundesweit von 3 auf jetzt 10 Prozent. Und gleichzeitig ging die Zahl der tödlich verletzten Radfahrer auf 456 im vergangenen Jahr zurück - also genau um 71,5 Prozent. Nur einmal, nämlich im Jahr 2007, wurden mit 425 weniger Radfahrer im Straßenverkehr getötet. Damit reduzierten sich die tödlichen Fahrradunfälle etwa im gleichen Maße wie alle Straßenverkehrsunfälle zusammen - letzere nämlich um 74 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 1978 auf nun 4.477 im Jahr 2008. Was könnten also die Tagesthemen-Redakteure mit "immer mehr" toten Radfahrern meinen?

Wie wichtig ist den Tagesthemen das Thema Fahrrad?

Wie wichtig ist den Tagesthemen das Thema Fahrrad? Tatsächlich hat es die Berliner Fahrradsternfahrt als größte Fahrraddemonstration weltweit schon mehrfach in die Tagesthemen geschafft - als Kurzmeldung. Doch wurden schon einmal die VeloCity-Konferenzen, die Hintergründe zu Fahrradkonzepten, die Fahrradmitnahme im ICE oder der erste Nationale Radverkehrskongress vom Mai diesen Jahres in den Tagesthemen diskutiert?

Radfahrer werden oft im toten Winkel von Lkw übersehen und überrollt - auch mit Helm

Jetzt thematisiert die ARD in ihren Hauptnachrichten eine Helmpflicht für Radfahrer. Doch wie ist es um die Kompetenz der Redaktion zum Thema Fahrradunfälle bestellt? Weiß sie, dass Opfer von schweren und tödlichen Fahrradunfällen meist im toten Winkel von Lkw übersehen und überrollt werden? Mit Helm sieht das auch nicht schöner aus. Als im März 2004 eine große öffentliche Diskussion zur Beseitigung des toten Winkel an Lkw begann - mit Hilfe des DOBLI-Spiegels für weniger als 150 Euro - haben die Tagesthemen jedenfalls geschwiegen.

Die Mehrzahl der Experten lehnt eine Helmpflicht für Radfahrer ab

Die Mehrzahl der Experten lehnt eine Helmpflicht für Radfahrer ab - deswegen gibt es auch keine Fahrradhelmpflicht in der Straßenverkehrsordnung (StVO). Obwohl fast jährlich im Sommerloch Irgendwer diese Forderung erhebt. Zu schlecht sind die Erfahrungen aus Teilen Australiens, der USA oder Spaniens - in diesen Ländern wird das Fahrrad im Alltag kaum genutzt. Nach Einführung einer Helmpflicht ging dort der Radverkehrsanteil weiter zurück - das Risiko für die verbliebenen Radfahrer an tödlichen Kopfverletzungen zu sterben stieg. Man rechnete einfach noch weniger mit ihnen.

Helmhersteller Giro warnt vor tödlichen Verletzungen auch mit Helm

Selbst Helmhersteller wie Giro möchten sich lieber nicht so genau auf die Schutzwirkung ihrer Produkte für Fahrradfahrer festlegen: "Kein Helm vermag es den Träger bei allen vorstellbaren Unfällen zu schützen - einschließlich solchen, bei denen Fahrräder mit Kraftfahrzeugen kollidieren. Je nach Aufprall kann es selbst bei Unfällen bei sehr geringen Geschwindigkeiten zu schweren oder gar tödlichen Verletzungen kommen", heißt im Benutzerhandbuch von Giro. "Dieser Helm ist dafür konzipiert, den Kopf zu schützen und bietet keinen Schutz vor Halswirbel-, Wirbelsäulen- oder anderen Verletzungen, die sich aus Unfällen ergeben können."

 

Hintergrund Tagesthemen und Straßenverkehrsunfälle

- den Tagesthemenbeitrag vom 8. Juli 2009 zur Unfallstatistik unter www.tagesschau.de ansehen

- die Unfallentwicklung beim Statistischen Bundesamt unter www.destatis.de nachlesen

- mehr zur Beseitigung des toten Winkel an Lkw und zum DOBLI-Spiegel unter www.dobli.com erfahren