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Nord-Süd-S-Bahn S21
Berlin-Hauptbahnhof

Lichtblick im Chaos: Mit der S21 zum Berliner Hauptbahnhof

Berlin, 21. Juli 2009

Die Berliner S-Bahn ist das fahrradfreundlichste Verkehrsunternehmen der Welt - und wurde dafür in diesem Frühjahr mit der Auszeichnung Fahrradstadt Berlin geehrt. Wie man nun in nur wenigen Monaten die erfolgreiche Arbeit vieler Jahre verspielen konnte, bleibt ein Rätsel - eine Bestandsaufnahme.

Berlin ist am gestrigen Montag nicht im Chaos versunken - auch wenn es mit dem Komfort oder der einen oder anderen verschiebbaren S-Bahnfahrt vorbei ist. Das liegt auch daran, dass Berlin nach wie vor eines der vorbildlichsten Nahverkehrssysteme der Welt hat.

Zehn Mal mehr Fahrgäste in Berliner S- und U-Bahnen im Vergleich zu Kopenhagen

Zum Vergleich: Die Metro in Kopenhagen befördert jährlich nur 36 Millionen, die S-Bahn der dänischen Hauptstadt nur 86 Millionen Fahrgäste pro Jahr. In Berlin sind mit 388 Millionen bei der S-Bahn und 907 Millionen bei der BVG mehr als zehn Mal so viele Fahrgäste pro Jahr wie in Kopenhagen unterwegs. In der fahrradfreundlichen Hauptstadtregion von Kopenhagen leben mit 1,6 Millionen Einwohnern etwa halb soviele Menschen wie in Berlin. Auch wer schon einmal in Paris oder London mit der U- und S-Bahn unterwegs war - übrigens nahezu ohne Fahrradmitnahme - weiß das Nahverkehrssystem der deutschen Hauptstadt zu schätzen.

Mobilitätskette aus Fahrrad und S-Bahn - wichtiger Baustein der Fahrradstadt Berlin

Berlin entwickelt sich zu einer echten Fahrradstadt - im Vergleich zum Anfang der 1990er Jahre hat sich der Radverkehrsanteil von damals sechs auf heute zwölf Prozent verdoppelt. Wichtiges Element dabei ist die Mobilitätskette aus Fahrrad und S-Bahn - allein 18 Millionen Fahrgäste nehmen pro Jahr ihr Fahrrad in der S-Bahn mit, mehr als doppelt so viele fahren mit dem Rad zum Bahnhof und steigen dort um. Und die S-Bahn ist für viele andere Radfahrer die sichere Rückfallebene - man könnte umsteigen, was gerade für weniger geübte Radfahrer ein wichtiges Argument für die Fahrradnutzung ist.

Berlin: Erfolgsgeschichte Fahrrad und S-Bahn seit der Bahnreform 1994

Die aktive Vernetzung von Fahrrad und S-Bahn Berlin begann mit der Bahnreform 1994. Damals wurden die Sperrzeiten für die Fahrradmitnahme aufgehoben. Und es begannen die Planungen für die neuen S-Bahnzüge der Baureihe 481 mit großen Mehrzweckabteilen für die Fahrradmitnahme - im Januar 1996 wurden die ersten Züge ausgeliefert. Wenig später im Jahr 1999 startete das Fahrradabstellanlagenprogramm der S-Bahn an Brandenburger und später an Berliner Bahnhöfen.

Seit 2007 wurden die S-Bahnzüge kürzer

Während sich so die Fahrgastzahlen bei der zur Deutschen Bahn gehörenden S-Bahn Berlin GmbH irgendwie unbemerkt verdoppelten - wer druckt schon gute Nachrichten - stand die landeseigene BVG lange in der Kritik. Heute scheint es umgedreht. Spätestens mit dem etwas überraschenden Führungswechsel bei der S-Bahn im Mai 2007 - der langjährige S-Bahn-Chef Günter Ruppert wurde mit nur 62 Jahren in den Ruhestand geschickt - wurden viele Züge kürzer und die Verspätungen häufiger.

Noch 2009 wollte die S-Bahn mehr Platz für die Fahrradmitnahme schaffen

Doch auch seinem Nachfolger Tobias Heinemann war die Vernetzung von Fahrrad und S-Bahn wichtig - noch Ostern 2009 wurde das erste umgebaute Mehrzweckabteil für die Fahrradmitnahme vorgestellt, alle anderen sollen folgen. Rund 2000 neue Fahrradabstellplätze (also 1000 Fahrradbügel) werden in diesem Jahr an S-Bahnhöfen neu errichtet.

Neuer S-Bahnchef Buchner verbietet die Fahrradmitnahme

Ist nun Berlins neuer S-Bahn-Chef Peter Buchner - seit knapp drei Wochen im Amt - weniger fahrradfreundlich? Als eine der ersten Amtshandlungen will Buchner Fahrräder aus den Entlastungszügen und den S-Bahnen verbannen, die Fahrradmitnahme sei "derzeit leider nicht möglich", heißt es in der S-Bahn-Kundenzeitung Punkt3 vom 17. Juli 2009 (Seite 2 unten rechts). Schon einmal - Anfang Juni 2007 zum G8-Gipfel in Heiligendamm - sperrte Buchner als Regionalleiter der DB Regio Nordost Fahrradtouristen auf den RegionalExpress-Linien von Berlin und Hamburg nach Rostock sowie aus den S-Bahnen Rostocks aus (Punkt3 Nr. 10/2007, Seite 2). Ist ein Fahrradverbot wirklich sinnvoll?

Fahrradbeauftragter: "Call a Bikes kostenlos zur Verfügung stellen"

"Wir sind doppelt bestraft", kritisiert Berlin Fahrradbeauftragter Benno Koch in der heutigen Ausgabe der Berliner Morgenpost das Chaos bei der Berliner S-Bahn. Nach den derzeitigen Planungen würden Fahrrad-Monatskartenbesitzer auch auf deren Kosten sitzen bleiben. In der BILD-Zeitung vom Montag schlägt Koch daher vor: "Die Deutsche Bahn sollte ihre 1.700 Call a Bikes jetzt umsonst zur Verfügung stellen, da man ja zurzeit sein eigenes Fahrrad nicht in die überfüllten Züge nehmen soll."

Getestet: Fahrradmitnahme im S-Bahn-Chaos

In einem Test war Koch am gestrigen Montag mit Fahrrad und Bahn in Berlin und Brandenburg unterwegs. Die Fahrradmitnahme in der U5 von Hönow zum Alexanderplatz klappte trotz Einschränkungen bei der parallelen S-Bahnlinie S5 problemlos. Weiter ging es auf der Stadtbahn mit den S-Bahn-Ersatz-Doppelstockzügen nach Potsdam - es reichte am frühen Nachmittag sogar für einen Sitzplatz samt Fahrrad. Am Abend ging es zurück mit der S1 von Griebnitzsee nach Wannsee - der Sechs-Wagen-Zug war überraschend leer. Richtig eng wurde es von Wannsee zum Berliner Hauptbahnhof - im planmäßigen RegionalExpress RE7 mit offizieller Fahrradmitnahme. In allen getesteten Zügen waren Fahrgäste mit Fahrrädern unterwegs.

Fahrradmitnahme: Rücksichtnahme sinnvoller als Verbote

"Es macht offensichtlich keinen Sinn einzelne Züge pauschal für die Fahrradmitnahme zu sperren - vor allem entgegen der Lastrichtung ist auch in diesen Tagen ausreichend Platz", so Berlins Fahrradbeauftragter. "Und natürlich sind auch Fahrgäste mit Fahrrad in der Lage selbst zu entscheiden, wann ein Zug voll ist - mit gegenseitiger Rücksichtnahme ist das einfacher als mit Verboten."

S21 zum Berliner Hauptbahnhof: Attraktives Angebot mit Fahrradmitnahme

Von den Fahrgästen und auch den meisten Medien nahezu unbemerkt hat sich das Angebot der S-Bahn in diesen Tagen sogar verbessert. Zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen, Berlin Hauptbahnhof und Südkreuz verkehren S-Bahnzüge aus München mindestens im 15-Minuten-Takt - gestern Abend nahezu leer und mit viel Platz für die Fahrradmitnahme.

Deutsche Bahn verschweigt die S21 in ihrer Reiseauskunft

Wer sich über die S21 in der Reiseauskunft von www.bahn.de informieren will - bleibt leider ahnungslos. Etwas besser sieht es beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg unter www.vbb-fahrinfo.de aus - die Züge der S-Bahnlinie S21 werden gefunden, eine Information zur Fahrradmitnahme fehlt jedoch. Auch auf den improvisierten Fahrplanaufstellern der Bahn fehlen die Fahrradpiktogramme.

S21 als wichtige Nord-Süd-S-Bahn dauerhaft erhalten

Bei allem - offensichtlich ohne Not von der Deutschen Bahn selbst verursachten - Chaos bei der Berliner S-Bahn bleiben so auch positive Erkenntnisse. Mit der S21 gibt es schon heute eine leistungsfähige neue Nord-Süd-S-Bahn zum Berliner Hauptbahnhof - ohne einen Euro zusätzliche Investitionen für einen neuen Tunnel.

Die Stadt Berlin sollte dieses Angebot jetzt nicht loslassen - vor allem, wenn auch die Deutsche Bahn den schweren Imageschaden für ihr Tochterunternehmen S-Bahn Berlin GmbH begrenzen und noch einmal die Hoffnung auf einen neuen Verkehrsvertrag haben will.

Und es muss Schluss sein mit beliebigen Fahrradverboten in S- und Regionalbahnen - nicht die Bahn, sondern die Länder Berlin und Brandenburg sind schließlich Besteller von Nahverkehrsleistungen.

 

Hintergrund Fahrrad und Bahn

- Fotos der S21 in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen