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Fahrradwache am Bahnhof
Königs Wusterhausen

Video-Kameras vs. Hartz-IV-Wache

Berlin, 5. August 2009

Das Sommerloch begann in diesem Jahr am 8. April 2009 in der BILD-Zeitung. Claudia Hämmerling, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen in Berlin befand, Hartz-IV-Empfänger seien ein ideales Mittel potenzielle Fahrraddiebe abzuschrecken. Benno Koch hat mal nachrecherchiert ...

Der Fahrraddiebstahl in Berlin hat im vergangenen Jahr den zweithöchsten Stand seit 1998 erreicht - 23.645 Fälle wurden der Polizei gemeldet, ein Zuwachs von 16,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Berliner Polizei scheint weitgehend ahnungslos - nur 5,4 Prozent der Fälle gelten als aufgeklärt, 1998 waren es 7,0 Prozent. Allerdings hat auch die Fahrradnutzung in Berlin stark zugenommen - seit 1990 um mindestens 100 Prozent.

BILD kämpft irgendwie ein bisschen für Radfahrer ...

BILD kämpft nun auch für Radfahrer - irgendwie ein bisschen zumindest. "Was halten Sie von Hartz-IV-Fahrradwachen?", werde ich Anfang April gefragt. Diese Fahrradwachen gäbe es an einigen Orten in Brandenburg. Natürlich bin ich gegen prekäre Beschäftigungsverhältnisse: "Ich bin für Videoüberwachung an Bahnhöfen, die ja auch in Zügen gut funktioniert", sagt Benno Koch. Darf das auch so in der BILD-Zeitung stehen? Nö ...

Berliner Grünen-Abgeordnete will mit Hartz-IV-Wachen Fahrraddiebe vertreiben

Die Berliner Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling hält dagegen Hartz-IV-Empfänger für ein "ideales Mittel", um "potenzielle Täter abzuschrecken" - und schon passt die BILD-Schlagzeile: "Hartz-IV-Empfänger sollen Fahrrad-Diebe verjagen".

Anfang Juli greift die Berliner Woche wie auch der Berliner Kurier das Thema auf - und Hämmerling fordert wieder Hartz-IV-Empfänger als "Rad-Aufpasser", so "wie es in Brandenburg schon üblich ist". Seit 2003 sei so die Zahl der Fahrraddiebstähle um 10.000 gesunken.

Auch der Berliner ADFC lässt sich zunächst von BILD irgendwie einwickeln und glaubt "eine Bewachung wäre von Vorteil". Noch am Tag der Veröffentlichung folgt der Widerspruch der Hartz-IV-Gegner: "Man könnte glauben, die BILD-Zeitung hat den ersten April verpasst."

Fahrradwache Brandenburg: Auf der Suche nach dem Hartz-IV-Modellprojekt ...

Haben wir in Berlin etwa was verpasst? Tatsächlich gab es am Bahnhof Königs Wusterhausen seit dem Jahr 2000 zunächst ein Modellprojekt der Stadtverwaltung mit zehn Sozialhilfeempfängern, die dort zwischen 7 und 19 Uhr die rund 500 täglich abgestellten Fahrräder bewacht haben. Ab dem Jahr 2005 übernahm das Arbeitsamt in Kooperation mit einem Verein das Projekt der ersten "Fahrradwache" Brandenburgs - mit Hartz-IV-Empfängern.

... und einer Erfolgskontrolle der Hartz-IV-Maßnahme

Wie erfolgreich sind denn nun die Fahrradwachen in Brandenburg wirklich? Genaue Zahlen könne sie nicht nennen, wird eine Sprecherin der Stadt Königs Wusterhausen später auf Nachfrage der Tageszeitung taz sagen.

Auch meine Recherche ist zunächst nicht von Erfolg gekrönt. Die Polizei in Königs Wusterhausen hätte keine Diebstahlzahlen und man hätte noch nie einen Hinweis der Fahrradwache zur Aufklärung eines Fahrraddiebstahls erhalten. Auch die Stadtverwaltung Königs Wusterhausen sowie das Innenministerium Brandenburg und das Polizeipräsidium Potsdam sind zunächst ratlos.

Vor Ort in Königs Wusterhausen: "Die meisten Fahrräder werden am Wochenende geklaut" ...

Es sind ein paar Wochen vergangen. Ich entscheide mich, mir die Sache vor Ort in Königs Wusterhausen anzuschauen: Ein bisschen komisch sehen sie schon aus. Den Blick streng geradeaus gerichtet stehen zwei Fahrradwächter in gelben Warnwesten vor dem Bahnhof.

Ob sie denn schon einmal einen Fahrraddieb erwischt oder der Polizei gemeldet hätten? Nein, aber sie sollen ja durch ihre Anwesenheit vor allem abschrecken. Aha! Er hätte sich freiwillig gemeldet, sagt einer der beiden. Meine Russisch-Kenntnisse reichen nicht mehr - trotz einstmaligen Gewinns der Russisch-Olympiade - um auch seinem Partner eine Meinung zu entlocken. Später erfahre ich, die meisten Fahrräder würden am Wochenende geklaut - gleich am Bahnhof gibt's eine Diskothek.

Bahnhof KW: Achterbahnfahrt der Fahrraddiebstahlzahlen trotz Fahrradwache

Kay Kutschbach, Sachgebietsleiter im Ordnungsamt Königs Wusterhausen, hatte 1999 die Idee für eine Fahrradwache - naja, aus Dinslaken abgeguckt.

Er sucht mir die Diebstahlzahlen raus: Im Jahr 2000 gab es 77 Fahrraddiebstähle am Bahnhof Königs Wusterhausen, 2003 waren es mit 190 fast zweieinhalb Mal so viele, 2006 dann 56 und im vergangenen Jahr wieder 123 geklaute Fahrräder. Die Zahlen machen eine Achterbahnfahrt - auf hohem Niveau.

Zum Vergleich: Am Bahnhof Schönhauser Allee - dem Berliner Spitzenreiter - wurden in den ersten acht Monaten des verangenen Jahres 81 Fahrräder gestohlen, am Jahresende dürften es ähnlich viele wie in Königs Wusterhausen gewesen sein. Mit zwei Unterschieden: Am Bahnhof Schönhauser stehen mit 1.000 Fahrrädern täglich etwa doppelt so viele Räder von Pendlern wie in KW - und es gibt keine Hartz-IV-Wachen. Im Ergebnis sind die Diebstahlzahlen nahezu gleich.

Auf der Suche nach dem zweiten Modellprojekt - diesmal mit Video-Kameras

Ist Fahrradklau eigentlich eine Art Naturgesetz? Sollten Fahradfahrer vielleicht einfach aufs Auto umsteigen? Die werden in Berlin vier Mal seltener geklaut als Fahrräder ...

Doch es gibt noch ein zweites Modellprojekt in Brandenburg: Der Hauptbahnhof Potsdam wird seit Ende 2001 videoüberwacht. Hier stehen rund um den Bahnhof ebenfalls gut 1.000 Fahrräder von Pendlern. Auch hier ist die Abfrage der Diebstahlzahlen zumindest einer Bachelorarbeit würdig.

Hauptbahnhof Potsdam: Videoüberwachung und weniger Fahrraddiebstähle

Seit gestern liegen nun die Zahlen auch für den Hauptbahnhof Potsdam vor: Im Jahr 2005 waren es 31 Fahrraddiebstähle, ein Jahr später wurden 18 und im vergangenen Jahr 51 gestohlene Fahrräder im videoüberwachten Bereich des Potsdamer Hauptbahnhofs registriert. Schon alleine die Abschreckung scheint größer zu sein als die durch Hartz-IV-Fahrradwachen - und dank der Videos wohl auch die Aufklärungschancen.

Zum Vergleich: In der gesamten südlichen Innenstadt Potsdams - also inklusive des Hauptbahnhofs und einiger dort nicht videoüberwachter Bereiche sowie des Wohngebietes Zentrum Ost und des Leipziger Dreiecks - wurden im Jahr 2005 genau 101 und im vergangenen Jahr 118 Fahrräder als gestohlen registriert.

Vergleich Berlin-Brandenburg: Fahrradwachen vs. sichere Fahrradschlösser

Doch wie sieht es nun mit dem von Hämmerling genannten Rückgang der Fahrraddiebstähle seit 2003 um 10.000 Stück in Brandenburg insgesamt aus? Tatsächlich sind es nur 8.885 Fälle weniger. Und auch die Hartz-IV-Regelungen traten erst im Januar 2005 in Kraft - bezogen darauf wäre der Rückgang um 6.520 Fahrraddiebstähle nicht mehr ganz so spektakulär.

Aber auch in Berlin gingen die polizeilich erfassten Fahrraddiebstähle zunächst zurück - von 2003 bis 2006 um 4.388 Fälle. Haben hier mehr sichere Fahrradabstellanlagen und mehr geprüfte Bügelschlösser zu einem Rückgang geführt? Und hat der dann wieder einsetzende Anstieg der Diebstahlzahlen nicht vielleicht mit der starken Zunahme des Fahrradverkehrs in Berlin zu tun? Offiziell betrug die Zunahme der Fahrradfahrten damals 20 Prozent, das Angebot hat sich also vergrößert.

Fahrraddiebstahl gemessen an der Einwohnerzahl in Berlin und Brandenburg im Jahr 2008 etwa gleich häufig

Und hatte nicht Brandenburg sogar einen größeren Nachholbedarf bei der Diebstahlprävention? Im Jahr 2003 wurden - bezogen auf die Einwohnerzahlen - in Brandenburg 10,1 Fahrräder pro 1.000 Einwohner gestohlen, in Berlin waren es damals nur 6,8 Räder. Im Jahr 2008 sind diese Zahlen fast gleich - 6,6 in Brandenburg und 6,9 in Berlin.

Fahrraddiebstahl ist für die betroffenen Radfahrer ein großes Problem - nicht nur ihr Verkehrsmittel ist weg. Auch die Entscheidung, ob es nicht überhaupt viel zu gefährlich sei künftig mit dem Fahrrad zu fahren und dieses zum Beispiel an einem S-Bahnhof abzustellen, steht im Raum.

Fahrradbügel: Berlin hat Vorschriften für Bauherren verschärft

Das Land Berlin hat daher die Berliner Bauordnung geändert und schreibt für Neubauten von Wohnungen, Büros oder Verkaufsflächen eine verbindliche Anzahl Fahrradbügel (zum Beispiel so genannte Kreuzberger Bügel) vor. Diese bieten eine Anschließmöglichkeit für den Fahrradrahmen - so genannte Felgenkiller (hier wird nur das Vorderrad mehr schlecht als recht fixiert) sind verboten.

Nicht alle Bauherren halten sich an die neuen Regelungen - wie zum Beispiel die der neuen Mall am Tempelhofer Hafen. Für nicht auf eigenem Baugrund errichtete Fahrradbügel muss daher eine Ablösesumme gezahlt werden - im inneren S-Bahnring sind 500 Euro pro nicht errichteten Fahrradstellplatz fällig.

Fahrradschlösser: Auch Radfahrer sind mitverantwortlich - zum Beispiel beim Kauf sicherer Bügelschlösser

Aber auch Radfahrer machen es Dieben oft einfacher als nötig: "Nur wer sein Fahrrad immer mit einem geprüften Bügelschloss mit dem Vorderrad und dem Rahmen an einen der sicheren Fahrradbügel anschließt, macht es Dieben so schwer wie möglich", so Benno Koch. "Einfache Spiralschlösser heißen unter Insidern übrigens ,Geschenkbänder', weil sie so leicht zu knacken sind." Und genau diese Spiralschlösser und andere minderwertige Fahrradschlösser werden auch von namhaften Herstellern trotzdem weiter gerne angeboten und vom Fahrradhandel scheinbar eben so gerne verkauft.

Mehr Fahrraddiebstähle in KW mit Fahrradwache als an jedem Berliner Bahnhof ohne Fahrradwache

Und welche Art der Überwachung hat gewonnen? Als Ergebnis der Brandenburger Modellversuche scheinen Video-Kameras eindeutig effektiver als prekäre Beschäftigungsverhältnisse zu sein. Das vermeintliche Erfolgsmodell Fahrradwache Brandenburg ist eine nette Beschäftigungsmaßnahme - so lange sie freiwillig ist. Mehr nicht. Denn trotz der Fahrradwache am Bahnhof Königs Wusterhausen werden dort mehr Fahrräder geklaut als an jedem anderen Bahnhof in Berlin.

 

Hintergrund und Fahrrad-Diebstahlzahlen im Vergleich

- Bahnhof Königs Wusterhausen mit Hartz-IV-Fahrradwache (hier stellen Pendler täglich rund 500 Fahrräder ab): 77 (im Jahr 2000), 65 (2001), 114 (2002), 190 (2003), 147 (2004), 106 (2005), 56 (2006), 132 (2007), 123 (2008)

- Hauptbahnhof Potsdam mit Videoüberwachung (hier stellen Pendler täglich rund 1.000 Fahrräder ab): 31 (im Jahr 2005), 18 (2006), 21 (2007), 51 (2008)

- Südliche Innenstadt Potsdam (mit den Video überwachten Bereichen am Hauptbahnhof und den dort nicht überwachten Bereichen sowie dem Wohngebiet Zentrum Ost und dem Leipziger Dreieck): 124 (im Jahr 2004), 101 (2005), 85 (2006), 105 (2007), 118 (2008)

- Kriminalitätsstatistik Berlin 2008 (Fahrraddiebstahl in der pdf-Datei im Acrobat Reader Seite 59, sonst Seite 57) unter www.berlin.de ansehen

- Kriminalitätsstatistik Brandenburg im Jahresvergleich (Fahrraddiebstahl in der pdf-Datei im Acrobat Reader Seite 2) unter www.internetwache.brandenburg.de ansehen

- ältere Artikel zum Fahrraddiebstahl in Berlin unter www.benno-koch.de nachlesen

- Hintergrund Fahrradparken in Berlin unter www.benno-koch.de nachlesen

- Fotos der Fahrradwache Königs Wusterhausen sowie Fahrradabstellanlagen an Bahnhöfen in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen