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Beates Ostseefahrt
im Auge des Orkans

Ostseefahrt 2009 experimental - aus Beates Tagebuch vorgelesen

Berlin, 10. September 2009

Ihr kennt sie. Wir haben uns auf den Sonnenuntergangstouren vor einem Jahr kennengelernt. Danach berichtete sie von rabenschwarzer Nacht, dem nahen Hungertod und dem Heulen eines einsamen Wolfes. Und es sollte schlimmer kommen - Beate wagte die Ostseefahrt, experimental ...

Beates Tagebuch ist seit dem letzten Oktober fast so legendär wie die Ostseefahrt selbst. Schonungslos packte sie die ganze Wahrheit über eine fast perfekte Sonnenuntergangstour von Berlin zur Oder aus. Nachdem die Sonne tatsächlich perfekt in der Oder versunken war, begann der Horror - der auf der Ladefläche eines polnischen Lieferwagens endete ...

Trotzdem hatte sie sich, ihren Kindern und den geplanten Kindeskindern versprochen, die Ostseefahrt nicht nur mitzumachen, sondern auch zu überleben und das Ganze in einem schonungslosen Bericht der Nachwelt zu überliefern - hier ist Beates Tagebuch!

 

Ostseefahrt experimental - bietet der schnöde Alltag nicht genug Abenteuer?

Endlich war es soweit, Benno ließ uns wissen, dass die Ostsee wartet, und Dutzende Gleichgesinnter in der Lebensmitte (und Florian - unser Quotenküken) hatten nichts besseres zu tun als mit Ortlieb und Fahrrad und dem Mut der Verzweifelten die Ostsee zu suchen.

Wie kann das sein? Warum sind Anstrengungen so beliebt? Sollte man überhaupt an seine Grenzen gehen? Bietet der schnöde Alltag nicht genug Abenteuer? Muss man gleich transpirieren? Selbstzweifel ob der großen sportlichen Herausforderung peitschten mein gemütliches Gemüt.

Entsetzen bei Edvard Munch und allen anderen ...

Und wer kennt nicht Edvard Munch: Der Schrei? Genau dieser Blick: Erstaunen, Fassungslosigkeit, Entsetzen bei allen, denen ich von meinem Jahresurlaubs-Plan erzählte.

Reibungslos guter Service für die zurückgebliebenen Lieben auf der Kippe ...

Noch immer klingt das Schluchzen meiner unmündigen Kinder in meinen Ohren, welche da ungläubig jammerten und sich sorgten, ich würde das nie schaffen und völlig fertig wiederkommen und könnte dann womöglich nicht mehr den reibungslos guten Service bieten wie in all den letzten Jahrzehnten … Aber, wir müssen alle Opfer bringen. Und die zweite Lebenshälfte hält neue Aufgaben für uns bereit.

On the Road - der erste Tag

Den ersten Treffpunkt in Bernau hatte ich verweigert, aber ab Groß Schönebeck war ich nicht mehr zu halten. Als die pitschenasse Gruppe eintraf, hatten sie bereits zwei Plattfüße hinter sich, was Benno zu der Mahnung bewegte, dass man doch sein Fahrzeug gecheckt und fahrtüchtig haben sollte für solch ein Tour. So, das war geklärt, geschmeidig und unauffällig fügte ich mich in die Gruppe ein.

Hollodiewaldfee, ich hatte mir ausgerechnet, dass ich nun etwa auf dem Energieniveau der anderen lag, die in Bernau gestartet sind und schon 30 Kilometer hinter sich hatten. Und so war es auch, ich fuhr vorneweg und wurde gleich von Benno ausgebremst, der bestimmte, dass das Durchschnittstempo bei 20 Kilometer pro Stunde liegen sollte. Also, dass ich zu schnell bin, hat mir noch keiner gesagt ...

Cats and dogs fielen vom Himmel, na und, einem echten Seemann macht sowas nichts aus.

Per Fahrrad und Boot durch den Regen ins Gewitter ...

Es dauerte nicht lange, und die nächste Panne bremste uns: unser Chef war platt. Nach einer Mittagspause, in der er uns einholte und nun "dem Fisherman sein Friend" war - er wurde beim Trampen von einem Boot samt Angler mitgenommen - ging es richtig los: fieses Gewitter, Blitze links und rechts und ohrenbetäubender Donner genau über uns.

Ich bin nicht empfindlich, aber irgendwann tauchte sogar ich in einer Bushaltestelle unter. Ich war ganz in Gummi gekleidet, aber merkwürdigerweise trotzdem nass, ich hätte nie gedacht, dass man am Knie schwitzen kann, und nicht nur da. Wenn ich es nicht besser wüsste, hätte ich auf senile Inkontinenz getippt, unglaublich. Ich schwamm in Kondenswasser! Die Mitradler waren ebenfalls durchweicht, die Stimmung trotzdem gut.

Flucht im Auge des Orkans zur nächsten Bushaltestelle

Im Auge des Orkans flüchtete ich mich zum nächsten Haltestellenhäuschen. Und nun verpasste ich den schönsten Regenbogen der Welt, der sich dann auch noch verdoppelte, er war genau hinter meinem Häuschen, aber ich bin sicher, dass alle ihn gesehen und fotografiert haben. Das Bett im nassen Kornfeld lockte nicht unbedingt - und so wurde weiter getreten.

Das Ziel ist das Ziel - über den einen oder anderen Hügel nach Neubrandenburg

Was ich nicht so wadenfreundlich finde und auch überhaupt nicht genossen habe, sind die Hügel und Berge unseres Umlandes. Und kein Ende abzusehen ... Aber: das Ziel ist das Ziel, und der Weg bis dahin sollte schnellstmöglich überwunden werden, dachte ich mir. Und irgendwann ging mir dieser Regen so was von auf die Eier, so dass ich wie bescheuert losgestrampelt bin, ohne auf die anderen zu warten. Ich wollte eine heiße Dusche und ein kuscheliges Bett, und bin im Windschatten von Sabine und Kerstin nach Neubrandenburg vorgeradelt.

Ehrlich gesagt wollte ich noch nie keine Oberschenkel haben, aber an diesem Abend habe ich dann doch mal kurz einige Gedanken in diese Richtung gehegt. Mit Schenkel-Schmerzen und Popo-Aua der fiesen Art und saft- und kraftlos erreichten wir mit der Abendsonne Neubrandenburg. Und ich muss sagen, gar nicht mal so übel, eine schöne alte Stadtmauer, in die kleine Häuser reingearbeitet worden sind.

Durch die Abendsonne zur Après-Bike-Party

Viele von uns hätten fast auf das Après-Bike-Abendprogramm verzichtet, aber der Hunger trieb uns dann doch nochmal aus dem Haus. In der Nacht habe ich wie 'ne Tote geschlafen. War ich fertig!!!

On the Road - der zweite Tag

Klar muss jeder Mensch irgendwann mal aufstehen, aber warum gerade ich und auch noch gerade jetzt? Ich war jämmerlich wie ein Lappen, dabei sollte ich doch nur mal wieder 110 Kilometer radeln. W as habe ich mir bloß dabei gedacht?

Beam me up, Scotti, ist mein Zauberwort des Tages ...

... und außerdem ist Stralsund echt klasse. Also wird die Strecke dorthin auf der rechten Arschbacke abgesessen, und zwar bei schönstem Sonnenschein. Ja, ich habe mir sogar noch eine Sonnenbrille kaufen müssen, mit so gutem Wetter hatte ich einfach nicht gerechnet.

Mit Rückenwind in die richtige Richtung jagen

Der Rückenwind jagte uns wie trockene (nicht welke) Buchenblätter in die richtige Richtung, wir blieben alle zusammen und das war richtig schön. Immer wieder gute Gespräche, gute Laune, gutes Fahren.

Nach der Besichtigung der wirklich schönen Burg Klempenow mit einem gemütlichen Kaminzimmer im Turm, und mit Plumpsklo (Design "freier Fall Richtung Feind"), wurden wir bei Dianas Mutter im Garten mit Kaffee bewirtet.

Foto ohne Bügeleisen - aber trotzdem mit Ehrenplatz!

Diese 83jährige Dame tauchte mit Lockenwickler, Kittelschürze und Bügeleisen völlig verschreckt ob des wilden Haufens fremder Menschen auf, was Benno wahrhaft umhaute. Jedem seine Vorlieben: mit leuchtenden Augen bettelte unser Vorfahrer um ein gemeinsames Foto, und ich könnte wetten, das bekommt einen Ehrenplatz!

Abseits der Verlockungen der lockenden Bundesstraße

Ich muss ehrlich sagen, ich bin ziemlich anspruchslos, was Radwege angeht und befahre alles, was mir in den Weg kommt. Christoph aber nicht, und aus Sorge um Leib und Seele aller haben wir die Verlockungen der lockenden Bundesstraße verlassen und einen Weg in der Karte gefunden, der nur leicht grau war, was Benno interpretierte mit: O-Ton: "Hier ist schon mal jemand langgelaufen".

Durch die Pampa - Felder in allen Pflügestadien

Da diese Tour als experimental angekündigt worden war, haben wir diese Strecke bekämpft, und wieder hatten einige was zu meckern. Kaum war der Trampelpfad bewältigt, führte uns der Weg in einen Wald - auch schön. Wieder Meckerei. Meine Güte - so sieht man doch wenigstens was, die ollen abgeernteten Felder rechts und links der Landstraßen kannte ich nun schon in allen Pflügestadien. Ich fand's Klasse.

Aber: Irgendwann hinter Greifswald kamen wir auf einem kopfsteingepflasterten permanent leicht ansteigenden Radweg an, die alte Bundesstraße 96. Und nun wusste nicht mal ich was Positives zu sagen. Das Einzige, was uns Frauen in der zweiten Lebenshälfte einfiel war, dass das Rütteln wahrscheinlich gut gegen das Winkefleisch ist.

Kopfsteingepflasterte Berge - Eis für die Radler, Bier für die anderen

Der Eisstopp in einem Dorfladen hat uns zu denken gegeben: Die Menge an leeren Pfandflaschen, die dort am Freitag Abend reingetragen werden - unglaublich. Aber wenn ich jeden Tag kopfsteingepflasterte Berge hochradeln müsste, würde ich wahrscheinlich auch so viel Bier trinken.

Viele nette Gespräche mit fremden und doch gleichgesinnten Menschen verkürzen die gefühlte Zeit, und ehe man es sich versieht, kommt man an. Naja. Es war schon anstrengend, kann man nicht anders sagen.

Tanzabend mit der Arbeitsagentur im Juniorhotel ...

Wir sind dann zu sechst in dem Juniorhotel in Stralsund untergekommen, und hatten zusammen 39 Betten. Ja, jeder hatte mindestens ein Sechs-Bett-Zimmer alleine. Guter Standard und sauber für 25,00 Euro - mit Frühstück. Und bevor wir dann beim Tanzabend der Arbeitsagentur im Garten des Hotels mitgemischt haben, bekamen wir ein paar Meter weiter in der berühmten Kogge einen wunderbaren Seniorenteller ... Unsere große Gruppe hatte sich verstreuselt, aber das ist ja o.k. so. Jeder darf kommen oder gehen, wie er will, das macht die Sache so spannend.

On the Road - der dritte Tag

Am nächsten Morgen trafen sich dann doch noch fast 20 wackere Helden, die den Rügendamm und die Insel Rügen bezwangen, bevor der leichte Niesel in schweren Niederschlag umschlug. Am nahen Bahnhof Bergen war nun Trennung angesagt. Und mit Regentränen in den Augenwinkeln winkte ich den Kameraden der schwersten Stunden hinterher, bevor ich mich auf den Weg zu meiner Tante auf dem Darß machte.

Abschied mit der Bahn zum Darß, mit dem Schiff nach Hiddensee und natürlich nach Malmö

Gönn' dir was, bat ich mich selbst - und schwupps saß ich in der Bahn. Geht doch. Schööön. Sitzen auf Plüsch, nicht Gel. Beide Beine gleichzeitig lang ausgestreckt, ohne Anstrengung - obergeil!

Ja, so kann es gehen - neun Radler sind dann zum erklärten Endziel Malmö weiter gefahren, einige nach Hiddensee, einige nach Binz oder sonstwohin.

Schöne Tour oder wahre Tortour, das muss jeder für sich selber entscheiden.

Stolz den Schweinehunden getrotzt - und immer schön das Rad pflegen!

Eins ist klar. Wir können alle stolz sein, dass wir dem Regen und den Schweinehunden getrotzt und mitgemacht haben und angekommen sind.

Natürlich hat jeder hin und wieder gedacht, Stralsund hätte man erstens anders und zweitens gemütlich erreichen können. Aber wir haben durchgehalten, ich finde uns klasse!

Und vielleicht komme ich nächstes Jahr wieder mit.

Bis dann - Radler - immer schön das Rad pflegen! und ich hoffe, den einen oder anderen bei trockenem Herbstwetter und einer hügelfreien Radtour wieder zu treffen.

Sportliche Grüße von Beate