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Stadtwächter Guben
Oder-Neiße-Radweg

Die Nachtwächter kommen

Berlin, 12. Oktober 2009

Sie sind ein Kindertraum für Erwachsene. Sie arbeiten freiwillig am Wochenende und nachts. Und es werden immer mehr – die Nachtwächter Brandenburgs. Sie liefern in historischen Kostümen das passende Bild – zum früher gerne langweiligen Ton von langweiligen Stadtführungen.

Jetzt ist Schluss mit langweilig – Benno Koch hat sich in der Nachtwächterszene umgesehen.

Touristiker alter Schule verabschieden sich gerne Freitag mittags an den heimischen Kamin ...

Immer mehr Kleinstädte Brandenburgs erstrahlen mit ihren sanierten historischen Altstädten in – vermutlich nie zuvor gesehenen – neuem Glanz. Und wirken trotzdem irgendwie leblos. Die Touristiker alter Schule verabschieden sich noch immer gerne Freitag mittags von ihrem Schreibtisch in der Touristinfo ins Wochenende. In die eigene Datscha oder an den heimischen Kamin. Und klagen, es lohne sich ja alles nicht. Genaugenommen suchen sie immer dann das Weite, wenn die Ausflügler kommen könnten die Geld haben Zeit hätten.

... doch in der Dämmerung zieht ein Nachtwächter durch die Gassen Altlandsbergs

Alles begann im Sommer 2008 im Barnim östlich von Berlin. Ich traute meinen Augen kaum. In der Dämmerung zieht ein Nachtwächter durch die Gassen  Altlandsbergs. In schwarzer Kutte, mit funzliger Laterne, glitzerndem Horn und furchteinflößender Hellbarde. Ein paar Abende später ziehen wir gemeinsam mit einer Handvoll neugieriger Großstädter durch die mittelalterliche Stadtkulisse und hören uns beim Umtrunk im einstigen Armenhaus die neuesten Nachtwächtergeschichten an.

Ende Oktober bei nieseligen zehn Grad am Lagerfeuer alle Erwartungen übertroffen

Altlandsbergs Nachtwächter Horst Hildenbrand ist ein Macher und ungewöhnlich begeisterungsfähig für neue Ideen. Der einstige Marketingleiter berät heute als Senior Experte unter anderem Firmen am Ural.

Oder er veranstaltet gemeinsam mit Benno Koch unvergessliche Radtouren – wenn sich andere längst in den Winterschlaf verabschiedet haben. So folgte Ende Oktober 2008 die Radio Eins Radtour 100 nach Altlandsberg – maximal 100 Radio Eins Hörerinnen und Hörer sollten mitkommen. Mit 160 begeisterten Radfahrern, die bei nieseligen zehn Grad am Lagerfeuer und mit heißer Kürbissuppe den Spuren des Nachtwächters folgten, wurden alle Erwartungen übertroffen.

Altlandsberg im Lichterglanz - und zuvor mit dem Nachtwächter ins Armenhaus

Anfang März 2009 holte Hildenbrand schließlich die Deutsche Gilde mit 25 Nachtwächtern, Türmern und Figuren zum Bundestreffen nach Altlandsberg und damit erstmals nach Ostdeutschland.

Nicht ganz gereicht hat es für das Berliner Festival of Lights in diesen Tagen, zu dem Altlandsberg auf einen Laserstrahl aus der Metropole gehofft hatte – zu teuer. Jetzt gibt’s die sympathische Mittelaltervariante – am 17. Oktober 2009 heißt es rund ums Gutshaus und das historische Marktreiben selbstbewusst und eigenständig: "Altlandsberg im Lichterglanz".

Und bereits am Freitagabend (16. Oktober 2009) zuvor gibt’s ab 17 Uhr vom U-Bahnhof Hönow eine geführte Radtour (25 Kilometer) mit Benno Koch zum Nachtwächter nach Altlandsberg – klein und bescheiden. So wie damals in der Sommernacht 2008 – natürlich mit Umtrunk im Armenhaus, versprochen!

Gourmet-Radtour zum Nachtwächter nach Wittenberge in die Prignitz

Es gibt noch mehr Nachtwächter in Brandenburg. Im November 2008 sollte auf einer Gourmet-Radtour der Nachtwächter in Wittenberge ausfindig gemacht werden.

Jürgen Schmidt wandelt heute auf den Spuren seines Vorgängers Louis Brandenburg, der bis 1931 ganz offiziell vier Jahrzehnte als Nachtwächter und Polizeiwachtmeister zu einem Original der Prignitzstadt wurde. So geht es mit Nachtwächter Schmidt vom Rathaus durch die bäuerlichen Höfe der Stadt zum Steintor, in dem sich einst das Stadtgefängnis befand. Dort kann man noch heute Zinken verlunschen – die Geheimsprache der Verbrecher lernen. Ganz zufällig – wenn man sie gebucht hat – tauchen an mehr oder weniger dunklen Ecken der Stadt sogar weitere Originale Wittenberges auf: Fährmann Hildebrand, Paul Lincke, Ackerbürgerin Mathilde oder Fabrikant Karl Singer.

Und gerne endet die Nachtwanderung auch am alten Hafen im Kranhaus – wo Küchenchef Knut Diete höchste Ansprüche an seine Cuisine Naturelle stellt. Ein unvergessliches Erlebnis aus Radfahren in der Prignitz, Straßentheater im Angesicht des Nachtwächters und ungewohnt edler, auch ein bisschen gewagter Küche in Brandenburg!

Mit dem Angermünder Nachtwächter auf den Spuren der Franziskanermönche durch die einstige Ketzerstadt ...

Von der Prignitz geht’s weiter in die Uckermark. Steffen Tuchscherer erwartet uns vorm Wallenstein in Angermünde. An einem lauen Augustabend 2009 öffnet sich für uns die mittelalterliche Welt 80 Kilometer nördlich von Berlin. Tuchscherer ist Schriftsteller und an diesem Abend der Nachtwächter von Angermünde. Beim Rundgang durch die am Mündesee gelegene historische Altstadt ist diese kaum wiederzuerkennen. Noch zum Mauerfall 1989 scheinbar unrettbar verlassene Ruinen sind in schönster Fachwerkpracht restauriert und zu neuem Leben erweckt worden.

Ganz anders sind die schaurigen Geschichten Tuchscherers. So verbrannten Franziskanermönche in einem großen Ketzerprozess 1336 auf dem Markt der Stadt 14 Waldenser. Auf der Suche nach Andersgläubigen wurde damals fast jeder dritte Angermünder zum Inquisitionstribunal vorgeladen. Wir sind diesmal freiwillig hier und haben an diesem Abend sogar den Schlüssel zum Franziskanerkloster – heute eines der bedeutendsten Baudenkmäler Brandenburgs und beeindruckender Veranstaltungsort.

... und selbst der spätere Hauptmann von Köpenick war im Angermünder Stadtgefängnis zu Gast

Vergleichsweise glimpflich kam ein paar Meter weiter Wilhelm Voigt davon. Ausgerechnet im hiesigen Postamt wurde der spätere Hauptmann von Köpenick im Januar 1867 beim Scheckbetrug erwischt – und in der noch heute erhaltenen Zelle Nummer 17 des Stadtgefängnisses inhaftiert. Und auch Wallenstein war tatsächlich in Angermünde – am 23. Juni 1628 weilt er während des Dreißigjährigen Krieges in der Stadt, im Wesentlichen zur "rücksichtslosen Requirierung von Geld und Proviant".

Nachtwächter Tuchscherer hat für heute Schichtende – und knapp zwanzig begeisterten Großstädtern mehr einen Blick hinter die Kulissen der Kleinstadt gezeigt. Doch bevor es mit der Bahn zurück nach Berlin geht, wartet im Wallenstein am Markt noch die gute Uckermärkische Küche auf nächtliche Gäste …

Mit dem Gubener Stadtwächter als modernem Grenzgänger zwischen Deutschland und Polen ...

Weiter geht es in die südöstlichste Ecke Brandenburgs – in die Niederlausitz. Eine grenzüberschreitende Stadtführung der ganz besonderen Art etabliert sich links und rechts der Neiße zwischen dem deutschen Guben und dem polnischen Gubin. Andreas Peter hat Ende September 2009 direkt an der einstigen "Friedensgrenze" sein Stadtwächter-Stübchen eröffnet.

So wie der Oder-Neiße-Deich zu DDR-Zeiten Genzgebiet und auch für Radfahrer gesperrt war, so war auch nach der Öffnung des Eisernen Vorhanges 1989 zwischen Ost und West der Grenzübertritt nach Polen nur mit mehr oder weniger umständlichen Grenzkontrollen verbunden.

Heute, zwei Jahre nach Inkrafttreten des Schengener Abkommens und dem Wegfall der Grenzkontrollen zwischen Deutschland und Polen ist alles anders. Die Grenzabfertigungsanlagen an der Großen Neißebrücke sind verschwunden, stattdessen entsteht hier gerade der Grüne Pfad Guben-Gubin.

... hinauf auf die einstigen Gubener Weinberge und hinab zum frisch sanierten alten Rathaus im polnischen Gubin

Stadtwächter Peter kennt sich aus. Der Gubener Geschichtslehrer beschäftigt sich seit dem Jahr 2000 in seinem Niederlausitzer Verlag mit der Stadtgeschichte und der Region. Und genau die ist in der Doppelstadt Guben-Gubin so spannend wie lange nicht mehr.

Über die Neißebrücke laufen wir hinauf zur Katholischen Kirche und noch höher zum Engelmanns Berg. Hier in den einstigen Gubener Weinbergen stand seit 1860 die Gaststätte des Tuchmachers Eduard Engelmann. Daran erinnern heute in 100 Meter Höhe nur noch die Randsteine der einstigen Terrasse. Mit einem atemberaubenden Blick über Gubin zum alten Rathaus, zur Ruine der Hauptkirche und weiter zur einstigen Industrievorstadt im deutschen Guben.

Wieder 60 Meter weiter unten am Neißeufer erstrahlt das alte Rathaus in neuem Glanz. Der Ratskeller ist mit seinem Restaurant Tercet die erste Adresse für gutes Essen. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Altstadt zu 90 Prozent zerstört. Jetzt ist hier der Aufbruch mit Händen zu greifen: Vor einem Jahr hat ein paar Meter vom Rathaus entfernt das Hotel und Restaurant Retro eröffnet – mit beeindruckenden Gewölben, jung und engagiert. Und so lebendig, wie man sich die perfekt sanierten, aber oft seltsam leblosen Städte mit historischem Stadtkern in Brandenburg wünscht. Allein an der Einwohnerzahl kann die Lebendigkeit jedenfalls nicht liegen - im deutschen Guben leben rund 20.000 Menschen, im polnischen Gubin gut 3.000 weniger ...

Lebendige Kleinstädte machen Großstädtern Lust aufs Land

Engagierte Brandenburger Stadt- und Nachtwächter machen die Kleinstädte lebendig – freiwillig am Wochenende, gerne nachts und manchmal grenzüberschreitend. Einfach dann, wenn Ausflügler aus der Metropole Berlin Zeit und Lust haben auf's Land nach Brandenburg zu fahren - und immer öfter übrigens mit dem Fahrrad ...

 

Kontakte und Infos - Nachtwächter in Brandenburg

NACHTWÄCHTER ALTLANDSBERG

- www.nachtwaechter-altlandsberg.de oder Tel. 033438/67786 (Horst Hildenbrand)

NACHTWÄCHTER WITTENBERGE

- www.wittenberge.de via Touristinformation Wittenberge oder Tel. 0172/4708307 (Jürgen Schmidt)

NACHTWÄCHTER ANGERMÜNDE

- www.angermuende.de via Tourismusverein Angermünde oder Tel. 0162/8215124 (Steffen Tuchscherer)

STADTWÄCHTER GUBEN

- www.niederlausitzerverlag.de oder Tel. 03561/551304 (Andreas Peter)

RADTOUREN ZU DEN NACHTWÄCHTERN BRANDENBURGS

- gibts an vielen Samstagen als geführte Radtour in den Sonnenuntergang mit Benno Koch, aktuelle Infos jeweils spätestens freitags vor der Tour unter www.benno-koch.de

- die nächste Radtour (25 km) führt auf dem Europaradweg R1 zum Nachtwächter nach Altlandsberg am Freitag, 16. Oktober 2009, Treffpunkt 17.00 Uhr am U-Bhf. Hönow, Anmeldung per SMS an 0157/73746049 (Benno Koch), weitere Infos unter www.benno-koch.de

- und am Samstag, 24. Oktober 2009 geht's zum Gubener Stadtwächter und auf dem Oder-Neiße-Radweg weiter nach Forst, Treffpunkt 10.00 Uhr am Berliner Hauptbahnhof (Washingtonplatz, Ausgang Spreeseite), Anmeldung per SMS an 0157/73746049 (Benno Koch), weitere Infos unter www.benno-koch.de