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Synthie-Pop-Legende
Heaven 17
im Berliner Postbahnhof

Soundtrack einer Radtour

Berlin, 1. April 2010

Es ist Frühlingsanfang und – wie bei kaum einem anderen Thema – die Zeit, Klischees zu bestätigen. Dass vor drei Wochen eine so genannte Fahrradsaison begonnen haben soll, stimmt diesmal sogar. Die Fahrradstadt Berlin hat sich einfach drei Monate lang geweigert Radspuren und Radwege vom Schnee und Eis zu befreien.

Jetzt ist aber auch die Zeit, in der der unglaublichste Mist zum Thema Fahrrad in hunderttausender Auflage gedruckt werden darf. Weil es schon immer so war, weil es keine echte Lobby fürs Fahrrad gibt und weil es in den alten Medienhandbüchern noch immer so steht.

So lässt sich die Berliner Zeitung am vergangenen Wochenende zu der Schlagzeile hinreißen: "Im Märzen die Radler ..." In einem fünfspaltigen Artikel der "AutoMobil"-Beilage werden gewagte Tipps für einen "sicheren Saisonstart" gegeben:

"Zuerst sind Rahmen, Sattel und Lenker zu säubern", heißt es gleich am Anfang etwas forsch. Na klar, ein blitzeblankes Fahrrad hebt sich immer gut sichtbar von der mausgrauen Masse ab! Als ich mein Fahrrad das letzte Mal richtig geputzt habe, wurde es noch am selben Abend geklaut.

Doch dann wird's wirklich praktisch: "Radler können dies [das Licht] kontrollieren, indem sie das Bike auf den Kopf stellen. Der Dynamo wird dabei an den Reifen gedrückt und die Pedale per Hand bewegt." Gemeint ist hier ein so genannter Seitenläufer-Dynamo, wie er bis Mitte der 1990er Jahre zumindest an jedem zweiten Fahrrad ab Werk montiert war. Der Rest waren Mountainbikes mit einfachen Batterielampen oder schlicht ohne Licht. Das ist lange her. Heute ist ein Nabendynamo im Vorderrad Standard – und der rubbelt nicht mehr am Reifen und kann auch nicht mehr mit der Pedale getestet werden.

Ähnlich kompetent zeigt sich die Boulevardzeitung B.Z. in dieser Woche: "5 Tipps für eine sichere Radtour", lautet die Schlagzeile. Und so geht es gleich mit knallhartem Staccato los: "Kette nachspannen. Ritzelpaket, Zahnkranz, Schaltwerk, Kette und Kettenblätter mit Entfetter säubern ..." Wirklich?

Haben die meisten Fahrräder keine Kettenschaltung mehr? Und spannt sich die Kette bei letzteren nicht automatisch? Und sind Ritzelpakete und Zahnkränze nicht die identischen Dinger, in denen sich die Gänge verkrümeln? Wer zudem in seinem Leben schon jemals eine Kette mit einem Entfetter entfettet hat, wird diesen Tipp gar nicht lustig finden.

Kaum weniger praktisch ist der B.Z.-Bekleidungstipp: "Ein Regencape schützt rundum. Am besten in Signalfarben!" Logisch! Aber auch an die Folgen denken – es gilt Backbord vor Steuerbord und Lee vor Luv! Regencapes rufen heute bestenfalls noch Mitleid hervor – als gefährliche Windfänger gegen den Sturm und im toten Winkel an der Kreuzung, wenn deren Kapuzen die Sicht zusätzlich einschränken.

Wozu gibt es eigentlich Funktionsbekleidung in jedem Discounter? Ist es wirklich schon 30 Jahre her, dass die erste Gore-Tex-Jacke auf den Markt gebracht wurde? Und verdient nicht inzwischen an jeder Ecke ein Jack-Wolfskin-Laden mit praktischeren Klamotten für "Draussen zu Hause" richtig Geld?

Und was war doch gleich noch mal der richtige Soundtrack einer Radtour? In den Medien klingt der meist wie im legendären Oktoberklub: "Die Partei hat immer Recht". Wenn wenigstens Katie Melua mit ihren "Nine Million Bicycles" Radio- und Fernsehbeiträge zum Thema Fahrrad begleiten dürfte. Tatsächlich müssen wir noch immer "Ja, mir san mi'm Radl do" und - kaum weniger grausam -  "Bicycle Race" von Queen ertragen. Wird eigentlich beim Autopapst im Radio oder bei Formel-1-TV-Übertragungen mit Schumi noch immer "Hoch auf dem gelben Wagen" gespielt?

Apropos Soundtrack "meiner" Radtour ist seit letztem Freitag wieder Heaven 17 mit Temptation. Seit ihrem großartigen Revival im Berliner Postbahnhof steht die 80er Jahre Synthie-Pop-Legende aus Sheffield bei mir wieder ganz oben auf meiner Hitliste. Neben Sänger Glenn Gregory begeisterte vor allem Neuzugang Billie Godfrey mit ihrer Performance und ihrer Soulstimme – die neue Tina Turner, wie vielleicht nicht nur Bandleader Gregory findet. Und vielleicht ist Rad fahren sogar die besungene Versuchung ...

Der Soundtrack einer Radtour ist längst nicht so plump, klischeehaft und oft auch noch schlecht recherchiert, wie wir es jedes Jahr neu in vielen Medien vorgesetzt ertragen müssen. Es geht schlicht um das wahre immer mehr Menschen begeisternde Lebensgefühl des Rad fahrens jenseits billiger Political Correctness und drittklassiger Informationen. Und dieses Lebensgefühl ist eigentlich gar nicht so schwer zu transportieren – wenn man es will.