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von Königs Wusterhausen
mit Bus und Rad
in den Spreewald

Test: Der Fahrrad-Ersatzbus in den Spreewald

Königs Wusterhausen, 30. Mai 2010

Die wichtigste Bahnlinie von Berlin in den Spreewald ist länger als ein Jahr komplett gesperrt. Doch erstmals gibt es auch den Versuch, einen echten Fahrradbus als Ersatzverkehr anzubieten - mit größeren Startschwierigkeiten. Benno Koch hat das Angebot zwischen Brand (Niederlausitz) und Königs Wusterhausen getestet.

Es ist ein wunderbar sonniger Samstag Nachmittag. Ich will mir den Baufortschritt am Hofjagdweg ansehen, einem der zumindest theoretisch wichtigsten Radfernwege am Südrand Berlins. Vom Bahnhof Königs Wusterhausen folgt ein 68 Kilometer langer Weg den Hofjagden, wie sie der preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Anfang des 18. Jahrhunderts in den Spreewald nach Lübben unternommen haben soll.

Doch das was bereits seit 2003 durch den Landkreis Dahme-Spreewald als Radweg vermarktet wird, ist in Wirklichkeit ein Test für Mensch und Material - zumindest auf den ersten 20 Kilometern zwischen Königs Wusterhausen und Groß Köris praktisch unbefahrbar. Die Mischung aus Kopfstein, Sand, Schotter, Dreck, unebenen Betonplatten und Schlaglöchern ist derart anstrengend zu befahren, dass die Piste eigentlich Schmerzensgeld pflichtig sein müsste.

Ende 2009 sollte nun ein Ausbau des Hofjagdweges beginnen - passiert ist bis heute nichts. In Groß Köris erreiche ich den rettenden Bahnhof. Die zwanzig Fahrradkilometer fühlen sich an wie achtzig. So war Rad fahren früher. Würden Hauptrouten für den Kfz-Verkehr so aussehen, wäre die nächste Revolution sicher.

Es ist 18.00 Uhr, in drei Minuten fährt der nächste Bus zurück nach Königs Wusterhausen. Doch Fahrradtouristen müssen leider draußen bleiben - und noch zwei weitere leere Busse ziehen lassen. Bis um 20.22 Uhr endlich ein umgebauter Bus mit 22 Fahrradstellplätzen vorfährt, lädt die Tankstelle am Bahnhof zur Grundversorgung mit Kaffee und den ortsüblichen Spezialitäten der Convenience-Küche ein.

Ich entscheide mich die Zeit lieber auf dem Fahrrad zu verbringen und auf dem Weg zum Bahnhof Halbe einen neuen, gut zwei Kilometer langen Radweg durch den Ort Schwerin zu testen. Zwischen Groß Köris und Teupitz können Radfahrer nun zwischen der gepflasterten und sanierungsbedürftigen Straße und einem neuen 2,5 Meter breiten Asphaltstreifen wählen - eine Benutzungspflicht gibt es nicht. Genaugenommen ist der Radweg auch eher ein normaler innerörtlicher Gehweg.

Obwohl der Weg sehr gut befahrbar ist - auch auch die Grundstückseinfahrten sind für die vorfahrtsberechtigten Radfahrer asphaltiert - wäre nicht nur in touristisch geprägten Ortschaften wie Schwerin eine andere Lösung sicherer und entspannter: Tempo 30 und Mischverkehr auf der Fahrbahn. Wenn dann noch regelmäßig an die Mindestabstände beim Überholen erinnert wird, gibt's auch keine Fahrradunfälle im toten Winkel mehr. Weil man noch immer angeblich den Radfahrer beim Abbiegen auf dem zum Radweg erklärten Gehweg übersehen hat ...

Nach zwölf Kilometer erreiche ich den Bahnhof Halbe. Doch obwohl hier der Hofjagdweg direkt am Bahnhof entlang führt und auch der Dahme-Radweg - vom vier Kilometer entfernten Märkisch Buchholz kommend - hier einen eigentlich wichtigen Bahnanschluss hat, hält der Fahrrad-Ersatzbus hier leider nicht. Das Gleiche gilt für den nächstgelegenen Bahnhof Oderin, an dem der Dahme-Radweg unmittelbar vorbei führt.

Jetzt wird es knapp. Um den Fahrradbus nach Berlin noch zu erreichen, muss ich weitere elf Fahrradkilometer bis nach Brand zurücklegen. Hier am Südseestrand der Tropical Islands mitten in der Mark Brandenburg startet der Ersatzbus für Fahrräder laut Fahrplan um 19.59 Uhr. Vorher ist drei Stunden Pause, der erste Bus geht sowieso erst eine Minute vor 13 Uhr, der letzte Fahrradbus macht sich um 20.59 Uhr auf den Weg.

Die Abfahrtszeiten und auch die ausgelassenen Bahnhöfe erinnern nicht an einen mitteleuropäischen Taktfahrplan im Jahre 2010, sondern an die letzte Schlacht gegen den Fahrradtourismus. War Brandenburg nicht das selbst ernannte "Fahrradland", in dem sich "Freizeit-Pedalritter verwöhnen lassen" können - wie die aktuelle Broschüre Zeitfahren Marke Brandenburg verspricht?

Am Bahnhof Brand (Niederlausitz) trifft der erste Bus ein. Anders als die sonst verkehrenden modernen Niederflur-Doppelstock-Züge mit breiten Türen, Niveau gleichem Einstieg, Mehrzweckabteilen und viel Platz zwischen den Sitzen, sind Reisebusse für Reisende mit Gepäck eine Quälerei. Die Türen sind schmal und ein paar Stufen hoch, die Sitzabstände eng und das Mehrzweckabteil klein. Obwohl das Kinderwagen-Symbol an der Tür klebt, ist der dafür vorgesehene Platz heute mit Sitzen vollgestellt - leider kein Einzelfall.

Busfahrer finden es offenbar zu anstrengend, werktags nach dem Schülerverkehr mit maximaler Sitzplatz-Kapazität, die Stühle abends und am Wochenende wieder auszubauen. Zwei Fahrräder passen sonst problemlos in diesen Mehrzweckbereich. Heute sitzt in diesem Bus niemand, doch Fahrräder könne man leider nicht mitnehmen.

Warum das so sei, liege an "denen da oben" erfahre ich von einem Service-Mitarbeiter der Bahn. Der Mann sitzt in einem modernen Container auf dem Bahnhof, an dem es sonst bereits seit Jahren kein Personal mehr gab. So richtig viel los ist hier eigentlich nicht und beschwert habe sich auch noch niemand. Ob er meine Beschwerde zur fehlenden Fahrradmitnahme in den normalen Ersatzbussen einfach mal zur nächsten Dienstbesprechung mitnehmen könne, wehrt er lautstark, vielleicht auch etwas zu lallend ab. Vermutlich die üblichen "Vorschriften" der Deutschen Bahn - ich bekomme ein Kärtchen vom "Kundendialog", ohne direkten Ansprechpartner.

Endlich trifft der Fahrradbus ein. Zwei Reisebusse habe man kurzfristig umgebaut, sagt der Busfahrer, so dass jeweils 22 Fahrräder transportiert werden können. Die Konstruktion aus Fahrradhalterungen sieht gewaltig aus - und irgendwie unpraktisch. Anstatt die Räder - wie im Mehrzweckabteil der sonst verkehrenden Doppelstockzüge - einfach längs an die Wände zu stellen und mit Spanngummis zu befestigen, werden hier die Räder quer hintereinander gestellt. Wenn der erste eingestiegene Fahrgast mit seinem Rad vor dem Endbahnhof aussteigen will, hat er Pech gehabt.

Fünf Minuten nach der angekündigten Abfahrtszeit startet der Bus mit drei Fahrrädern und den dazugehörigen Touristen in Richtung Königs Wusterhausen. Der Busfahrer ist nett, wir kommen uns wie auf einer Sightseeingtour durch Brandenburg vor: Links steht das älteste Fachwerkhaus eines Dorfes, rechts der beste Landgasthof und dahinten das Schloss der einstigen Cargolifter-Bosse, erfahren wir.

Wir fahren auf kleinen ruhigen Landstraßen, auf denen ich zuvor mit dem Fahrrad in der Gegenrichtung unterwegs war. Zwei Mal müssen wir rechts ranfahren, da zwei Busse breiter als die Fahrbahn sind und nur knapp aneinander vorbeipassen. Die Zeit reicht auch für einen kleinen Feierabendplausch zwischen Busfahrern durchs offene Fenster. Alles geht entspannt zu. Wir fahren auch direkt an den Bahnöfen Oderin und Halbe vorbei. Warum die Busse hier nicht offiziell halten, will ich wissen? Das wisse er auch nicht, sagt der Busfahrer, vielleicht weil die Bürgermeister der Orte kein Interesse am Fahrradbus haben.

Um 20.44 Uhr haben wir nach 40 Kilometern den Bahnhof Königs Wusterhausen erreicht - sechs Minuten vor der geplanten Ankunft. Von hier fahren nun wieder die "normalen" RegionalExpress-Züge der Linie RE2 weiter nach Berlin.

Bis zur Abfahrt um 21.20 Uhr muss ich nur noch irgendwie die Zeit totschlagen. Als ich mit Umsteigen in die U-Bahn schließlich kurz nach 22 Uhr zu Hause ankomme, habe ich für die knapp 60 Kilometer kurze Strecke vom ursprünglich geplanten Bahnhof Groß Köris mit Bus, Bahn und Fahrrad genau vier Stunden nach Berlin gebraucht - ein neuer Rekord!

 

Hintergrund

- wie gut und einfach Fahrrad und Bus zusammen passen können, zeigt die Firma Franz Harbeck mit modernen Fahrrad-Heckgepäckträgern und -Anhängern

- nachzulesen im Artikel Test: Fahrrad und Bus in der Hauptstadtregion auf www.benno-koch.de

- alle Bauinfos zur Bahnlinie Berlin-Cottbus unter www.bahn.de nachlesen

- Impressionen vom Hofjagdweg in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- Bilder der Fahrradmitnahme im Ersatzbus Richtung Spreewald zwischen Brand (Niederlausitz) und Königs Wusterhausen unter www.benno-koch.de ansehen