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Oder-Neiße-Radweg
im Hochwasser südlich
von Schwedt bei Stützkow

Das Oderhochwasser und der Oder-Neiße-Radweg

Berlin, 11. Juni 2010

An diesem Wochenende wird in Ratzdorf eine neue Hochwasserwelle erwartet - und möglicherweise erneut die zweithöchste Alarmstufe 3 ausgerufen. Doch ist der Oder-Neiße-Radweg in diesen Tagen eigentlich mit dem Fahrrad befahrbar? Benno Koch hat auf einer Recherchetour für die Ostseefahrt 2010 den Test gemacht.

Seit einigen Tagen stagniert das Hochwasser an der Oder. Noch am vergangenen Wochenende galt in den Brandenburger Landkreisen Barnim und Uckermark die Hochwasser-Alarmstufe 3, in Märkisch-Oderland gab es mit der Alarmstufe 2 bereits etwas mehr Entwarnung.

Doch was bedeuten diese Alarmstufen für den Oder-Neiße-Radweg und für die jetzt im Sommerhalbjahr normalerweise zahlreichen Fahrradtouristen? Während einer Recherche-Radtour für die diesjährige Ostseefahrt Berlin-Bornholm am vergangenen Wochenende gab es ganz unterschiedliche Eindrücke. Ein Ehepaar aus Seelow kam uns gut gelaunt bereits vor dem Oder-Neiße-Radweg auf der Tour Brandenburg entgegen: "Es ist alles frei, ihr könnt an der Oder entlang radeln!"

Auf dem Oderdeich geht dann alles entspannt zu. Die Bundeskanzlerin und der Deichgraf sind längst abgereist und mit neuen Katastrophen beschäftigt. Hin und wieder trauen sich nun einzelne Fahrradtouristen auf den Oder-Neiße-Radweg, aber es ist jetzt noch ruhiger als sonst. Deichläufer oder Deichbaustellen sind bisher nicht zu entdecken. Auf dem Weg ins polnische Stettin liegen rund 100 Kilometer vor uns - und drei Landkreise allein in Brandenburg.

An der Schleusenanlage Hohenwutzen gibt es theoretisch drei Radwege in Richtung Norden - nur einer ist der richtige und eine Fahrradwegweisung fehlt. Abgesehen von einem winzigen DIN-4-Zettel irgendwo im Gras ist kein offizieller Hinweis zu entdecken. Wir entscheiden uns für eine Pause und beobachten am Horizont Rad fahrende Familien. Nach einer Weile bemerken sie meist ihren Fehler und kehren um. Nach und nach kommen wir mit einigen von ihnen an unserem Rastplatz ins Gespräch.

Ein Ehepaar aus Düsseldorf berichtet, die Polizei hätte ihnen sogar bei einer Reparatur der gerissenen Fahrradkette geholfen: "Auf der deutschen Seite brauchen sie erst gar nicht nach einem Fahrradladen zu suchen, die machen am Wochenende alle zu." Schließlich wurde ihnen auf der polnischen Seite unkompliziert geholfen - Polen ist dienstleistungsorientiert, ein Ladenschlussgesetz wie es in Berlin die Sonntagsöffnung verbietet, kennt das katholische Land nicht. Die Kirchen sind trotzdem immer voll.

Die Düsseldorfer müssen an diesem Tag noch nach Schwedt - das Hotel und die einwöchige Radtour waren längst vor dem Oderhochwasser gebucht. Und die Polizei hatte ihnen heute noch einmal bestätigt: "Der Oder-Neiße-Radweg ist für Fahrradtouristen frei, ihr dürft fahren."

Kurz hinter Hohenwutzen stoßen wir das erste Mal auf ein Verbotsschild: "Verkehrsverbot, Baustellenfahrzeuge frei." Das Schild scheint noch von der Deichsanierung ein paar Kilometer weiter übrig geblieben zu sein - vor dem Oderhochwasser. Darunter hängt ein kleiner Zettel des Landkreises Barnim, das unbefugte Befahren des Deiches sei eine Ordnungswidrigkeit. Was gilt nun eigentlich - die Freigabe durch die Polizei oder ein handgeschriebener Zettel?

Ein paar Kilometer weiter kommt uns ein zivil aussehender Jeep entgegen. Sind es etwa Deichtouristen, die bis an die Oderkante ranfahren - so wie wir es in Hohenwutzen mit Campingstühlen, Zelten und dem Auto daneben erleben durften - die eigentlich immer für Kraftfahrzeuge gesperrt ist? Nein, diesmal sind es Einsatzkräfte gegen das Hochwasser.

Wir müssen anhalten, berichten von der Freigabe des Oder-Neiße-Radweges durch die Polizei und die auf die Alarmstufe 2 reduzierte Gefahreneinschätzung. Das Oderwasser fließt träge vor sich hin, vielleicht drei Meter unter der Deichoberkante. So richtig klar scheinen die Befehle an die Freiwilligen irgendwie nicht. Für die bezahlte Freistellung von ihrer sonstigen Arbeit, für eine Schwimmweste und ein kostenloses Essen schieben sie hier 8-Stunden-Dienste am Deich. Manche sind gut gelaunt und entspannt, andere bestehen auf ihre Befehle.

Auf den nächsten Kilometern ist jeder Biberbau mit Fähnchen markiert und manchmal mit Sandsäcken verbarrikadiert. Wir lernen alle Deichläufer kennen, die verschiedenen Einsatzleiter der verschiedenen Landkreise und auch die Polizei. Wir scheinen inzwischen die Einzigen zu sein, die sich auf der inzwischen 30 Kilometer langen Strecke über den Deich durchgekämpft haben - in Stützkow ist dann Schluss mit dem Oder-Neiße-Radweg. Hier gibt es sogar einen Zaun, der die Zufahrt über eine Brücke blockiert.

Auf einem schmalen Wanderweg treffen wir auf den letzten zehn Kilometern zum Bahnhof Schwedt nur Radfahrer. Hier wird's richtig gefährlich: Von Schlammlöchern über steil abfallende Trampelpfade bis hin zu märkischem Treibsand ist so ziemlich alles dabei - natürlich nur zu unserer eigenen Sicherheit ...

In Schwedt nehmen wir für die allerletzten Kilometer den Zug nach Stettin - in gut anderthalb Stunden sind wir in der polnischen Oder-Metropole und genießen im Sonnenuntergang auf der Terrasse einer Blockhütte bei frischem Dorsch und Roter-Beete-Suppe unser kleines Oder-Abenteuer.

Doch wie steht es um den Oder-Neiße-Radweg und den Fahrradtourismus in diesen Tagen ganz offiziell? Ein Anruf am heutigen Freitag in der Pressestelle des Brandenburger Umweltministeriums soll Klarheit bringen. Er sei selbst Radfahrer und könne mein Anliegen verstehen, sagt ein freundlicher Sprecher. Eine klare Regelung sei auch ihm nicht bekannt, er werde mal nachfragen.

Tatsächlich schweigt sich die offizielle Website des Ministeriums für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg über mögliche Einschränkungen für den Fahrradtourismus auf dem Deich während der verschiedenen Alarmstufen aus. Klar ist natürlich, dass die Einsatzkräfte bei einer akuten Hochwasser-Gefahrenabwehr nicht behindert werden dürfen. Ganz offensichtlich ist eine Behinderung aber bei den Alarmstufen 1-3 nicht der Fall - es wird in der Regel nur beobachtet. Und dabei könnten auch Fahrradtouristen mit ihrem Mobiltelefon im Ernstfall sogar den entscheidenden Hinweis geben - und so Gefahren minimieren.

Doch was wird nun aus der Ostseefahrt vom 2. bis 5. September 2010 von Berlin nach Bornholm - erstmals auf dem Oder-Neiße-Radweg? Bis dahin sei das Oderhochwasser mit Sicherheit abgeflossen, ist sich der Ministeriumssprecher ganz sicher.

Und sicherlich wird es dann die möglicherweise schönste, in jedem Fall aber die abwechslungsreichste und spektakulärste Ostseefahrt der vergangenen fünf Jahre geben. Es wird autofrei auf bestens asphaltierten Radwegen von der Berliner Stadtgrenze zum Oder-Neiße-Radweg geradelt und mit mehreren Fähren erstmals auf die Ostseeinsel Bornholm gehen. Vormerken lassen für die Ostseefahrt kann man sich bereits jetzt - maximal 100 Teilnehmer dürfen dann mitkommen.

 

Hintergrund

- Fotos der Recherche-Radtour zum Oder-Neiße-Radweg und zur Ostseefahrt 2010 von Strausberg Nord nach Stettin in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- bis Ende Juni wird noch recherchiert, alle verfügbaren Infos zur Ostseefahrt 2010 sind bereits jetzt unter www.benno-koch.de zu finden