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E-Bike im Test:
Großglockner
Hochalpenstraße
Movelo Swiss-Flyer

Großglockner vs. Movelo Swiss-Flyer 4:1

Zell am See, 30. Juni 2010

Pedelecs und E-Bikes sind der Hype des Jahres 2010. Zwischen den Kitzbüheler Alpen und dem Nationalpark Hohe Tauern ist die weltweit größte E-Bike-Region zu finden. Benno Koch hat jetzt einen Test unter Realbedingungen gemacht - auf einem Movelo Swiss-Flyer von Zell am See über die Hochalpenstraße zum Großglockner.

Nein, zum Großglockner sei noch keiner ihrer Kunden mit einem E-Bike gefahren, sagt der freundliche Verkäufer von Intersport in Zell am See.

Das Sportgeschäft ist eine von 400 Movelo-Verleihstationen in Österreich und Teilen Europas. Von den offiziell 2.500 europaweit angebotenen E-Bikes sind in der Region Kitzbüheler Alpen 350 Räder in 68 Verleihstationen zu finden, hinzu kommen 31 Wechselstationen für die Akkus.

Movelo verleiht seit 2005 Elektrofahrräder der Schweizer Marke Flyer. Wie bereits ein paar Tage zuvor auf einer Pressereise durch die Kitzbüheler Alpen entscheide ich mich für ein Flyer-Mountainbike. Das Fahrrad macht einen robusten Eindruck, ist mit Hydraulik-Scheibenbremsen und Straßenausrüstung zu haben. Und nicht ganz unwichtig: Die Optik könnte schon fast als sportlich durchgehen.

Mein Flyer ist nagelneu, keine 50 Kilometer gefahren. Ich bin also so etwas wie ein Testfahrer und entscheide mich für einen zweiten Akku in meinem Daypack. Ob zwei Akkus reichen, wissen die Intersport-Mitarbeiter leider nicht. Zusammen mit einer Flasche Wasser wiegt der Flyer nun 29,6 Kilogramm. Hinzu kommt der leicht übergewichtige Fahrer - mit Schuhen und Fahrradklamotten heute mit 89,1 Kilogramm dabei.

Zügig und flach geht's zunächst mit mehr als 30 Kilometern pro Stunde von Zell am See nach Fusch an der Großglocknerstraße. Ich fahre in der maximalen Unterstützungs-Variante "high", denn der Intersport-Shop in Zell schließt bereits um 18 Uhr. Und wo bleibt sonst der Spaß auf einem doppelt so schweren E-Bike im Vergleich zu meinem guten Reiserad?

Von den gut 50 Kilometern bis zum Fuß des Großglockners sind bis hier rund zwölf Kilometer absolviert. In Fusch liegt auch die letzte mögliche Akkuwechselstation hinauf zum Großglockner. Franz Scherer betreibt in dem kleinen Ort einen Intersport-Shop und das gegenüberliegende Hotel Römerhof: "Das passt scho!" antwortet er auf meine Frage nach einem Akkuwechsel. Sie hätten gerade einen Flyer getestet und wären mit nur einem Akku 69 Kilometer weit gekommen. "Da kommst Du locker mit einem Akku rauf."

Ein paar Kilometer weiter bereue ich meine Entscheidung, den Akku nicht gewechselt zu haben - und an der ersten Kehre bei km 23,6 gibt der erste Akku schließlich auf. Schon jetzt ist klar, dass ich den Großglockner nicht erreichen werde.

Mit dem zweiten Akku kämpfe ich mich die Serpentinen der Großglocknerstraße hoch. Die bis zu 12 Prozent starke Steigung verlangt auch auf dem E-Bike einiges an Kraft. Doch so lange der Akku hält, ist die Herausforderung beherrschbar - wahrscheinlich auch von Radfahrern, die sich normalerweise eine Bergetappe mit 1.500 Höhenmetern nicht zutrauen würden.

Hundert Höhenmeter unter dem Fuschertörl ist auch der zweite Akku am Ende - nach kaum zehn Kilometern am Berg. Beide Akkus zusammen haben mich genau 33,4 Kilometer weit und 1.550 Höhenmeter hoch gebracht. Und nicht zu vergessen: Auch der Fahrer wurde kräftig gefordert.

Der fast 30 Kilogramm schwere Flyer ist jetzt nur noch schiebend zu bewegen. Nach zwei Kilometern ist in 2.407 Metern über dem Meeresspiegel das Restaurant Fuschertörl erreicht. "Ich empfehle Dir die Rindsuppe mit Pinzgauer Kaspressknödel", sagt Robert Hollnack vom Wirtshausteam. Die Suppe ist nicht nur eine österreichische Spezialität, sie ist auch hervorragend!

Irgendwo am Horizont sehe ich die Spitze des Großglockner und weitere Alpengipfel. "Bis zum Fuß vom Großglockner fährst Du hier den Berg runter, da hinten durch den Tunnel und dann wieder hinauf", erfahre ich. Bis zum eigentlichen Tagesziel wären es noch 21 Kilometer - und die gut 50 Kilometer wieder zurück nach Zell am See.

Heute habe ich keine Chance mit leerem Akku weiterzufahren. "Wir wollen uns in diesem Jahr die Entwicklung der E-Bikes angucken, vielleicht bieten wir dann auch Wechselakkus an", sagt Robert. "Letztes Jahr waren es ganze vier E-Bikes, die es zu uns geschafft haben."

Ich setze mich wieder auf meinen Flyer - jetzt geht's ohne Akku zurück und bergab. Es ist das erste Mal, dass ich nun einen Bus überhole, der mit 30 Kilometern pro Stunde die Serpentinen runterschleicht. Spätestens bei Tempo 60 ziehe ich ebenfalls die Bremsen. Es ist eine grandiose Landschaft und die Belohnung für alle Strapazen.

Die Entwicklung der E-Bikes scheint voranzugehen. Doch Werbung und Wirklichkeit klaffen noch immer weit auseinander. Für den Großglockner auf der gut 50 Kilometer langen Hochalpenstraße sind vier voll geladene Akkus erforderlich. Sicherlich eine lange Steigung, aber mit meist unter 12 Prozent nicht wirklich dramatisch.

Einzig der Verein Extra Energy scheint annähernd realistische Testergebnisse für E-Bikes zu ermitteln. Ansonsten wird offenbar gelogen, was das Zeug hält. Klar: Berg runter, mit Rückenwind und ohne viel Bremsen und Anfahren kann ein Akku länger halten. Aber jeder der eine kleine Testfahrt mit einem E-Bike macht, weiß schnell mehr als die Fahrradhersteller und der Fahrradhandel zusammen.

Movelo hat einen wichtigen Schritt hin zu einer wirklich praxistauglichen Nutzung von E-Bikes gemacht - mit höherwertigen Rädern, mehr Akkuwechselmöglichkeiten und mit 20 Euro als 24-Stunden-Leihgebühr zum Beispiel in den Kitzbüheler Alpen. Der Akkuwechsel ist gratis. Wichtig wären aber Akkustationen in einem noch dichterem Netz - und mehr Ehrlichkeit bei den Reichweiten. 

 

Hintergrund

- Fotos der Testtour auf der Großglockner Hochalpenstraße in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- sich auf der offiziellen Movelo Seite über alle Verleihstationen unter www.movelo.com informieren

- einen weiteren Artikel zum Thema Pedelecs im Test und ein Selbstversuch in der Steiermark unter www.benno-koch.de nachlesen