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Doppelstockwaggon
Stadler Rail:
Neues Mehrzweckabteil
für die Schweizer SBB

Innotrans 2010: Auf der Suche nach dem (perfekten) Mehrzweckabteil

Berlin, 24. September 2010

Kaum ein Bahnhersteller traut sich noch seine Fahrzeuge ohne Mehrzweckabteil anzubieten. Doch während Siemens mit seinem neuen Velaro die Kunden mit Fahrrad weiterhin aus den Zügen in die Kurzstreckenflieger treibt, setzt Stadler Rail mit dem Doppelstockzug Kiss neue Maßstäbe für die Vernetzung von Rad und Bahn.

An diesem Wochenende öffnet die Innotrans in Berlin als weltweit größte Leitmesse für Schienenfahrzeuge auch für Nichtfachleute ihre Tore. Jeweils Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr können Erwachsene für 2 Euro (Kinder bis 14 Jahre frei) vom S-Bahnhof Berlin Messe (Süd) aus zum Gleis- und Freigelände gelangen, um dort die neuesten Züge aus Deutschland, Polen, Frankreich, der Schweiz und vielen anderen Ländern in Augenschein nehmen. Benno Koch hat sich auf der Innotrans 2010 schon einmal umgesehen.

Beispiel London Underground

Wie kaum eine andere Stadt in Europa hat sich London eine Vervielfachung des Fahrradverkehrs um 400 Prozent auf dann fünf Prozent Anteil am Gesamtverkehr bis zum Jahre 2026 vorgenommen - vom niedrigen Niveau des Jahres 2001 von nur 1,3 Prozent. Londons Bürgermeister Boris Johnson lässt sich gerne für diese Ankündigung feiern. Doch wenn es konkret wird, haben Fahrradfahrer vor allem bei der wichtigen Vernetzung von Fahrrad und Bahn in der britischen Hauptstadtregion wenig zu lachen.

Die Fahrradmitnahme in der London Underground und der Overground ist heute praktisch unmöglich - auch außerhalb der Peak-Zeiten wenn die Züge leer sind. Doch auch die jetzt auf der Innotrans in Berlin vorgestellten neuen Underground-Züge sehen irgendwie merkwürdig verbaut aus. "Wo sind denn hier die Mehrzweckbereiche für Fahrräder zu suchen?", will ich vom Hersteller Bomardier Transportation mit Hinweis auf die Pläne von Boris Johnson wissen. Etwas verunsichert läuft ein Mitarbeiter mit mir durch den Zug und zeigt irgendwann auf drei Klappsitze. So richtig passt ein Fahrrad auch hier nicht rein. Die Stadt London als Besteller der neuen Züge hat die Fahrradmitnahme offenbar vergessen.

Dass ausgerechnet Großbritannien zu den Vorreitern bei der Fahrradmitnahme in Hochgeschwindigkeitszügen in Europa gehört - in der Regel zwei bis vier Fahrräder pro Zug - war offenbar ein glücklicher Zufall: "Anfang der 1990er Jahre hat dies ein einzelner Mitarbeiter von Britisch Rail durchgesetzt", sagt Oliver Schick von der London Cycling Campaign (LCC).

Beispiel PESA Bydgoszcz (Polen)

Der neue Elektrische Niederflur-Triebwagen ELF des polnischen Herstellers PESA soll unter anderem als Vorortzug in der Hauptstadtregion Warschau und zum Frédéric-Chopin-Flughafen verkehren. Ein kleiner Mehrzweckbereich mit Klappsitzen schlängelt sich um die Behindertentoilette herum. Andere Innotrans-Besucher messen bereits die Breite des beengt wirkenden Durchganges und suchen die zwei nach deutschen Standards geforderten Rollstuhlplätze.

Łukasz Bejma ist bei PESA für den Marketingbereich zuständig und reagiert zunächst verwundert auf meine Frage nach Fahrradstellplätzen. Ich erkläre ihm, wie sich der Fahrradtourismus langsam auch in Polen entwickelt und dass immer mehr Polen für Ausflüge mit dem Rad nach Deutschland kommen. Bejma beginnt sich mit dem Thema Fahrrad und Bahn vertraut zu machen: "Wir können die Züge natürlich so ausstatten, wie es die Eisenbahnunternehmen als Besteller möchten."

Beispiel Siemens Velaro (ICE)

Die längste Schlange der Innotrans hat sich am neuen Hochgeschwindigkeitszug Velaro von Siemens gebildet. Innen ist viel Platz - gezeigt werden nur 1.-Klasse-Waggons mit einer luftigen Raumaufteilung.

"Wollte die Deutsche Bahn nicht in allen neuen ICE die Fahrradmitnahme ermöglichen? Wo kann ich denn das neue Mehrzweckabteil besichtigen?", will ich von einem Siemens-Mitarbeiter wissen. Wie eingeübt kommt nun schon von Angestellten die nicht der Deutschen Bahn AG angehören die bekannte stereotype Antwort: Nein, das sei gar nicht geplant und überhaupt ginge es nicht.

O.k., ich fliege weiterhin im Kurzstreckenverkehr wann immer es geht - Air Berlin befördert bis zu 25 Fahrräder pro Flug. Eben so eine Art ICE-Ersatz-Flug, ein Lächeln und ein Dankeschön der Air-Berlin-Crew gibt's gratis dazu ...

Beispiel Niederflur-Doppelstockzug Kiss von Stadler Rail

Der größte Lichtblick der Innotrans für die Vernetzung von Rad und Bahn kam vom Schweizer Hersteller Stadler. Die gezeigten Züge werden zunächst im Züricher S-Bahnverkehr sowie im Schweizer Regional- und Fernverkehr mit Tempo 160 eingesetzt. Und: Stadler liefert diese Züge auch für den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg, wenn ab 2012 mit der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (ODEG) erstmals RegionalExpress-Züge eines privaten Wettbewerbers über die Berliner Stadtbahn nach Rathenow, Stendal, Wismar, Wittenberge, Jüterbog und Cottbus rollen.

Steffen Obst, Stadler-Vertriebsleiter ist stolz auf die neuen Doppelstockzüge: "Wir haben erstmals eine Fußboden- und Wandheizung eingebaut, wodurch sich das Klima in den Zügen verbessert und außerdem mehr Platz gewonnen wird." Dank der neuen Klimaanlage ist der Zug innen ganze 17 Zentimeter breiter.

Auch sieht der Zug aufgeräumter aus, als die bisher in Berlin-Brandenburg verkehrenden Bombardier-Doppelstockwagen der Deutschen Bahn AG: Statt Klappsitzen gibt es bei Stadler im Mehrzweckbereich gepolsterte Stehhilfen, auf Haltestangen die den Durchgang versperren hat man verzichtet - eine bisher ungeahnte Großzügigkeit.

"In der Schweiz nennt man diese Bereiche Drängelzone", sagt Obst. Statt gedrängt vor Klappsitzen zu stehen, lehnt man hier ganz modern einfach an einem umlaufenden Polster. In allen Eingangsbereichen befinden sich neben dem großen Mehrzweckabteil großzügige Drängelzonen für Fahrgäste, die nur wenige Stationen mitfahren. In Berlin sind diese wenigen Stationen meist nur über die Berliner Stadtbahn verteilt - und genau hier wird es in den mit Klappsitzen und Stangen verbauten RegionalExpress-Zügen richtig eng.

"Leider machen es uns viele Besteller nicht leicht, indem sie die Fahrzeugaustattung zu detailliert vorschreiben." Für den Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg heißt dies bisher: Die neuen ODEG-Doppelstockzüge müssen auch von Stadler mit viel zu vielen Klappsitzen und Haltestangen im Durchgang bestückt werden, damit theoretisch mehr Fahrgäste auf kurzen Strecken sitzen können. Praktisch sieht das dann meistens nicht schön aus - schon gar nicht mit dem Fahrrad. Doch noch können sich die Länder Berlin und Brandenburg ja einfach mal die Drängelzone in der Praxis anschauen ...

 

Hintergrund

- Fotos der Innotrans 2010 (leider noch nicht nach Herstellern sortiert ...) in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

- mehr Infos zur Innotrans auf der offiziellen Website unter www.innotrans.de finden