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Oderbruchbahn-Radweg:
Faszination
Winter-Radtouren
im Schneesturm Daisy

Faszination Winter-Radtouren vs. Winterchaos

Berlin, 2. Dezember 2010

Ich gebe zu, jahrelang hat mich eher die erste Spur im Schnee interessiert. Natürlich mit dem Fahrrad. Dann kam der Klimawandel mit fantastischen Sommern auch nach Berlin und Brandenburg. Doch jetzt ist der richtige Winter zurück! Zeit für ein kleines Winter-ABC von Benno Koch.

Genaugenommen gab es so etwas wie einen richtigen Winter in Berlin-Brandenburg seit dem Fall der Berliner Mauer nicht mehr - bis zum Januar 2010. Radfahren war auch im Winterhalbjahr problemlos möglich - und immer mehr taten es.

Um vom Radfahren im Winter nicht von sozialen Vorurteilen oder ewig gestrigen medialen Weisheiten abgehalten zu werden, war trotzdem viel Kraft nötig. Also zum Beispiel gegen "die Regeln" Winter-Radtouren anbieten, Tipps und Tricks austauschen und gegen alle Widerstände das Gefühl verbreiten: "Wir sind viele!"

Richtig hart wurde für mich der Winter 1992/93. Damals fuhr ich als Student für den Fahrradkurierdienst Moskitos durch Schnee, Matsch und Kälte. Und verdiente gutes Geld - Konkurrenz gab es wenig. Es war die Zeit der ersten Gore-Tex-Schuhe und der ersten Fleece-Handschuhe, die nun unter Eingeweihten eine gewisse Verbreitung erreichten.

Mit mir bei Moskitos arbeitete auch Alt-Kommunarde Fritz Teufel. Heute würde die Werbung aus der Geschichte ein "It's time for another revolution, Fritz" machen. Damals sagte Fritz beim Feierabendbier schlicht zu mir: "Seitdem ich mit Gore-Tex Stiefeln fahre, habe ich keine kalten Füße mehr." Ich war bereit für eine neue Revolution - für einen halben Monatslohn. Seitdem bin ich Snowman's Friend.

Es folgten wunderbare Winter-Radtouren in viele kleine Hotels der Prignitz, der Uckermark und des Oderbruchs. Mit wohltemperierter Sauna und wann immer möglich mit Kamin. Zwischen fünf und 30 Teilnehmer nahmen das Winterangebot auf dem Fahrrad an - und waren begeistert.

Zum Jahreswechsel 2005/06 kehrte über mehrere Monate so etwas wie ein richtiger Winter nach Berlin und Brandenburg zurück. Es war die Zeit, in der die ersten Spikes-Reifen für Fahrräder auch in unserer Region eine gewisse Verbreitung erreichten - über Mundpropaganda. Klassische Produktwerbung ist in der Fahrradbranche ja eher unbekannt. So ging man auch nicht einfach in einen Fahrradladen und konnte einen Satz Spikes Reifen mitnehmen. Nach einer Bestellung von gefühlten Wochen lagen sie dann doch vor mir - die Snow Stud von Schwalbe. Und der Winter wurde noch griffiger.

Wir schrieben den Januar 2010. Seit Tagen war richtig Winter. Der Berliner Fahrradhändler Räderwerk war ausverkauft - zumindest in Sachen 28 Zoll Spikes-Reifen. Der Hersteller der Snow Stud und Marathon Winter - die Ralf Bohle GmbH aus dem oberbergischen Reichshof - könne nicht liefern. Vielleicht Anfang Februar wieder, hieß es. In der kommenden Woche solle es aber im Räderwerk den Nordic Spike geben - vom Mitbewerber Continental.

Berlins Radwege wurden in den letzten Jahren nicht gestreut oder gar mit Tausalz befahrbar gemacht, in der Regel nicht mal grob vom Schnee befreit. Auch wenn das Berliner Straßenreinigungsgesetz (StrReinG) zumindest letzteres verlangte. Am 18. November 2010 wurde jenes StrReinG nun geändert - ein weiteres Winterchaos vor allem auch auf Geh- und Radwegen sollte nicht mehr folgen.

Obwohl die neuen, mehr als 100 Kilometer langen Radfahrstreifen in Berlin ein ganz normaler Teil der Fahrbahn sind, wurden selbst diese nie ernsthaft von Schnee und Eis befreit. Zumindest im neuen Straßenreinigungsgesetz werden "Radfahrstreifen" daher jetzt extra erwähnt. Und: Was seit Jahren auf Hauptwegen für den Autoverkehr selbstverständlich praktiziert wird, ist jetzt auch auf Radfahrstreifen zulässig: Feuchtsalz zur Schnee- und Eisglättebekämpfung.

Wir schreiben Donnerstag, den 2. Dezember 2010 in Berlin. Gestern war meteorologischer Winteranfang. Heute startete der Winter 2010/2011 erstmals richtig durch. Tageshöchsttemperaturen von minus 8,3 Grad Celsius und 11 Zentimeter Neuschnee verwandelten Berlin in eine Bilderbuchlandschaft. Und stürzten die Stadt wieder in ein Verkehrschaos.

Mein Weg führte mich heute mit dem Fahrrad auf rund 27 Kilometern durch den Osten Berlins. Den Gedanken an Nebenstraßen oder gar Radwege verwerfe ich gleich an der ersten Kreuzung - unbefahrbar. Von Hönow geht es auf der Landsberger Allee stadteinwärts. Mit Tempo 30 rollt der Verkehr in einem stadtverträglichen Tempo, das ich mir sonst in Berlin öfter wünschen würde. Aber auch die großen Hauptstraßen sind nicht schnee- und eisfrei.

Zum ersten Mal nutze ich in diesem Winter den neuen Fahrradreifen Marathon Extreme auf glatten Oberflächen - nicht speziell als Winterreifen beworben und ohne Spikes - und bin positiv überrascht. Auch ich rolle mit Tempo 30 und mit ordentlich Grip im Verkehr mit. Fast alle Autofahrer halten Abstand und überholen nur, wenn die Gegenfahrbahn oder die zweite Spur frei ist. Einfach so wie man es erwartet und es auch im Sommer Pflicht ist. Eigentlich.

Natürlich gibt es heute auch den Quotenhuper - können ja nicht plötzlich alle Autofahrer freundlich sein. An den Bushaltestellen gibt es eine Mischung aus ungläubigem Staunen und Respekt über den zügig durch den Schnee fahrenden Außerirdischen. Naja, oder einfach den Rad fahrenden Berliner. Stichwort Fahrradfahrer: Ganze drei begegneten mir heute auf dem Fahrrad fahrend, weitere drei schiebend.

Der erste Tag im Schnee mit dem Rad zur Arbeit ist immer schwer. Fast alle die sonst angeblich alles über das Rad fahren im Winter wissen, haben heute gekniffen. Dabei sind auch Schnee und Eis auf dem Fahrrad ein beherrschbares Problem. Nicht schwieriger als frierend stundenlang auf die Berliner S-Bahn oder den BVG-Bus zu warten. Und auch nicht langweiliger oder gar langsamer als erst am Pkw Eis zu kratzen und wenig später im Stau zu stehen.

PS. Die nächste geführte Winter-Radtour wartet natürlich schon - im neuen Jahr an dieser Stelle unter www.benno-koch.de.