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Oder-Neiße-Radweg:
Gastfreundschaft in Gartz
mit Birnen für lau
natürlich nur für
Radio Eins Hörer

Tour-Tagebuch Oder-Neiße-Radweg: Birnen für lau – nur für Radio Eins Radler

Berlin, 17. August 2011 [zuletzt aktualisiert 17.08.11, 21:19]

Eine Grenzregion will den Aufbruch. Alte erinnern sich noch an die Pracht der einstigen Hansestadt. Fahrradtouristen testen den im Bau befindlichen Radfernweg über die Grenze. Schon heute gibt’s hier die beste Minze-Limonade, frischen Räucherfisch und Birnen manchmal sogar für lau. So wie am letzten Sonntag auf der Radio Eins Sommer-Radtour durch Gartz nach Stettin.

Eine Reihe von heruntergekommenen Garagen, Baulücken und Ruinen prägt die erste Reihe am Hafen von Gartz. Einundzwanzig Jahre nach der Wende und einigen Millionen Euro irgendwo im pommerschen Sand verbuddelten Fördergeldern später. Wer hier vorbeikommt rechnet fest mit dem Ende der Welt oder schlimmeren. Das Bild der Ackerbürgerstadt ist wüst – und wild romantisch zugleich.

"Die Toiletten sind hinter dem Romeo-und-Julia-Haus", sagt Steffi. Es ist ein schmales Haus mit Balkon und schmiedeeiserner Brüstung. Den liebevollen Blick haben irgendwie nur Zugezogene und Touristen. Steffi ist Selfmade-Unternehmerin aus Berlin. Ohne Fördergelder entschied sich die gelernte Hotelfachfrau und studierte Sozialarbeiterin vor drei Jahren gegenüber den Ruinen am Hafen Das Süße Leben zu starten – eine kleine Flussbar. Mit Sicherheit die schönste Flussbar am Oderufer auf mehr als 100 Kilometern. Genaugenommen auch die einzige.

Amtsdirektor Gotzmann ist an diesem Sonntag Nachmittag extra für die Radio Eins Sommer-Radtour zur Flussbar gekommen. Genau wie Fischer Zahn aus Schwedt mit seinem Räucherofen, die Direktoren des Ackerbürgermuseums mit dem Generalschlüssel für alle Stadttore und Kirchtürme und drei Anti-Atomkraft-Aktivisten. Gryfinobyl steht schwarz auf gelb auf ihren T-Shirts. Polen will ein milliardenschweres Atomkraftwerk bauen lassen. Das erste im Land. Vielleicht in Blickweite von Gartz am anderen Oderufer in Gryfino. Vielleicht auch nicht. Tun Windräder nicht eigentlich viel weniger weh und liefern inzwischen auch tapfer Strom?

"Aus technischen Gründen geschlossen", steht in perfektem DDR-Deutsch am Museumsfenster. Der "technische Grund" ist der Straßenbau direkt vor der Eingangstür. Zu Fuß eigentlich kein Problem. Aber ab Freitag Nachmittag ist hier sowieso immer zu. Immer wenn die Touristen kommen. Um die 200 Fahrradtouristen sind es auf dem Oder-Neiße-Radweg. Im Sommer im Durchschnitt jeden Tag, die meisten am Wochenende.

Jetzt kommt erst mal die neue Ortsdurchfahrt. Vielleicht sogar verkehrsberuhigt und ohne rot-weiße-Warnbaken vor dem wohl schönsten Bauwerk der Stadt – dem Stettiner Tor in schönster Backsteingotik samt Schmuckgiebel aus dem 13. Jahrhundert. Die neue Bundesstraße geht seit einem Jahr ein paar Meter weiter durchs Scheunenviertel. Eine neue Chance für Gartz. Und schon heute ist die Freude im Museum und auf den Türmen des Stettiner Tores und der Ruine der Stadtkirche St. Stephan über die vielen Fahrradtouristen groß. Im Oktober soll man von hier oben abends den schönsten Blick auf die über den Oderwiesen einfliegenden Kraniche haben.

Frank Gotzmann ist keiner der alles beim Alten lassen will. Dass man ihn kurz vor Mitternacht noch in seinem Büro erreicht, ist eher die Regel als die Ausnahme. Und auch der nächste Tag beginnt hier auf dem Land früh. Seit gut einem Jahr ist der Mann Amtsdirektor in Gartz. Nicht nur die einstige Hansestadt Gartz, auch Mescherin, eine Hand voll Dörfer abseits der Oder und natürlich Tantow gehören zu seinem Amt. "Der Niedergang von Gartz begann eigentlich schon 1873 als sich die Stadt gegen die Eisenbahn und die Oderbrücke nach Stettin entschieden hat", sagt Gotzmann. Die Bahn kam trotzdem für ein paar Jahre – als Stichstrecke an der Gemeindegrenze, bevor sie infolge des Zweiten Weltkrieges als Reparationsleistung nach 1945 abgebaut wurde.

Den alten Bahndamm gibt es noch – die kürzeste und schönste Strecke von Gartz nach Tantow und zum Zug nach Berlin oder Stettin. Könnte man diesen Bahndamm nicht zum 100jährigen Bahnjubiläum 2013 als richtigen Radweg ausbauen? Vielleicht so wie es die Kollegen im gut 100 Kilometer entfernten Fehrbellin mit dem Radweg Stille Pauline in nur drei Jahren von der Idee bis zur Eröffnung gerade vorgemacht haben?

Jetzt kämpft Gotzmann für die Bahnlinie Berlin-Stettin. Der kleine Bahnhof Tantow liegt mittendrin und ist eine Chance für die Schüler, einige Pendler und die Touristen in der strukturschwachen Gegend. Doch einen Taktfahrplan gibt es nicht. Dafür unfassbar wenige und merkwürdig kleine Züge für die Fahrt zwischen den Großstädten an der Spree und an der Oder. Manchmal geht es hier nur mit Tempo 40 über die kaputten Gleise. Auch umweltfreundliche E-Loks können hier nicht fahren – es fehlen ein paar Kilometer Oberleitungen. Diesmal nicht geklaut, sondern irgendwie vergessen.

Auch der Oder-Neiße-Radweg steht beim Amtsdirektor ganz oben auf der Liste. Umso größer ist die Freude, als es an diesem Sonntag Nachmittag erstmals mit fast 40 Fahrradfahrern über die deutsch-polnische Grenze nach Stettin geht. Kurz hinter Staffelde beginnt der neue Oder-Neiße-Radweg bis zur Stadtgrenze nach Stettin. Eine neun Kilometer lange Strecke ist zurzeit als vielleicht erste Fahrradstraße Polens im Bau. Auf einigen Abschnitten ist der Unterbau schon fertig. Noch kommen die Stettiner aus Polen mit dem Auto und den Fahrrädern auf dem Heckgepäckträger ins deutsche Amt Gartz – einfach mal so zum entspannten Rad fahren. Die Radfernwege in Brandenburg und gerade hier im Odertal sind in den letzten Jahren oft vorbildlich ausgebaut worden – meist als Deichverteidigungsweg und als angenehme Folge des Oder-Hochwassers 1997.

Genau dieser Oder-Neiße-Radweg ist den 26 Radio Eins Hörerinnen und Hörern beim Feierabendbier im Pommernschloss Stettin mit den schönsten Bildern in Erinnerung – auch wenn der sandige Hügel kurz vor dem Ziel wirklich hart war. Die rund 60 Kilometer vom Bahnhof Schwedt quer durch den Nationalpark Unteres Odertal nach Gartz und weiter in die polnische Oder-Metropole gehören zum schönsten, was Brandenburg und demnächst auch Polen mit dem neuen Radweg für Fahrradtouristen zu bieten hat. Mit engagierten Menschen unterwegs, die für ihre Region kämpfen.

 

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