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Ostseefahrt 2011
von Berlin nach Sopot:
Unterwegs mit Beate
der Burgschreiberin

Beates Ostseefahrt-Tagebuch: Weder unbesonnen noch furchtsam

Berlin, 9. September 2011

Sie mag Sonnenuntergänge, hört das Heulen der Wölfe in rabenschwarzen Nächten, lässt sich gerne mit Fakeln den Weg erleuchten, flüchtet manchmal sogar direkt ins Auge des Orkans  - und schreibt die schonungslosesten Tagebücher über eigentlich harmlose Fahrradausflüge. Hier ist Beates Ostseefahrt von Berlin nach Sopot.

Wichtiger Hinweis: Bestimmt ist wieder nur die Hälfte in diesem Tagebuch wahr, der Rest total übertrieben. So schreibt Beate zum Beispiel von 4-Bett-Zimmern, die in Wirklichkeit 8-Bett-Zimmer waren. Auch behauptet sie, dass ein gut riechender Aushilfskönig vor Telekommanagern einen Vortrag über die polnische Kavallerie gehalten haben soll - das ist bestimmt falsch, da Beate mit ihren Polnischkenntnissen noch ganz am Anfang steht.

Unglaublich dicker Nebel ließ vermuten, dass der Schnapsmix des Vorabends mich blind gemacht hatte

Liebes Tagebuch, und wieder ist es passiert, unabhängige Beobachter der 1. September-Szene verfolgten eine erneute Eroberung polnischer Türme, Schlösser und Burgen durch deutsche Vandalen.

Was war geschehen? Benno, der Erfinder der guten Ideen, ließ seine Mannen wissen, dass der diesjährige Endpunkt der Ostseereise jenseits der östlichen Grenze des Abfahrtlandes liegen würde.

Dreizehn unerschrockene und ebenso hoffnungsvolle Radler sammelten sich in aller Herrgottsfrühe (übrigens ein Zeitpunkt, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Reise ziehen und fortan iaHGF abgekürzt wird), an unserem spektakulär unpolitischen Hauptbahnhof, um den Trip des Jahres gemeinsam zu starten, um Auszubrechen aus dem täglichen Wahnsinn, dem Einerlei des Daseins, der Suppe gemeiner Taten, den gierigen Fängen der deutschen Medien und der Jagd nach dem schnöden Mammon. Und vielleicht noch: Flucht vor dem einen oder anderen Familienmitglied.

Auf keinen Fall waren Müßiggang oder Erholung oder kulinarische Freuden zu erwarten, das ist klar, eher Pannen, Wadenkrämpfe oder Blessuren übelster Art, nicht zu vergessen Stress, Hektik, pausenlose Treterei, schlimme Abnutzung von Hydraulikbremsen, Dellen im Klingelfinger oder fiese Rückenendfleischentzündungen.

Aber: Zeitgleich ist diesem Haufen Masochisten natürlich auch klar, dass Benno jede Strapaze wert ist, dass wir, und wenn wir mit dem Zahnfleisch treten müssten, Dinge geboten bekommen, die ihresgleichen erstmal suchen müssten.

1. Tag: In Schwedt an der Oder ging es los, schon bald ließen wir alles hinter uns, was wir überholt haben, und fuhren durch den Nationalpark, der unseren Augen wunderbare Aussichten gönnte, man könnte sagen, soweit das Auge reicht, haben wir alles gesehen. Mehr Natur geht nicht, ob angereichert durch Gewässer oder Tiere, richtig richtig schön. Und alles fast nur für uns.

Und dann erreichten wir das Süße Leben, ein Kleinod im berühmten Gartz, direkt an der Marina gelegen, und wurden von Steffi, einer ungemein sympathischen, frischen und sehr attraktiven Ex-Berlinerin unter anderem mit einer köstlichen Pfefferminzlimonade bewirtet. Es war der erste Moment, wo alle beieinander saßen, und wie in einer Familie Grillwürste teilten und uns völlig verhungert über die leckeren Salate hermachten. Der/das Moment, in dem das Gruppengefühl erstmals aufflackerte.

Die Besichtigung des Ortes ging relativ schnell, und in der 1. Boutique am Platze erstand ich nagelneue, richtig gute warme Strümpfe, die ich immer in Ehren halten werde. Leichter Neid waberte durch die Gruppe, aber ich teilte nicht. Aber dann teilte Steffi uns frisch geklaute Äpfel zu, die, wie allgemein üblich, durch diesen bargeldlosen kriminellen Erwerb noch viel besser schmeckten als jeder andere glückliche Bioapfel aus dem Laden.

Knapp zehn Kilometer später erreichten wir jubelnd die deutsch-polnische Grenze, und ich glaube, wir waren die ersten Grenzgänger, die so zufrieden über diesen nagelneuen Weg radeln durften.

Nun ging es kreuz und quer durch unser Nachbarland, wie gewohnt sausten wir durch Orte, deren Namen wir noch nie gehört und sofort vergessen haben, teilweise malerisch alt, aber es wird auch viel gebaut, und ich muss sagen: Die Polen bauen gut, es sieht solide aus, nicht protzig, aber durchaus großzügig und ansprechend individuell. Die Gärten sind gepflegt und bunt, aber leider lauern überall Köter, die bei unserem Anblick in dämliches Gebell ausbrachen.

Nach nur insgesamt 60 Kilometern haben wir in Stettin eingecheckt (auch die Räder hatten einen Raum für sich, was mich sehr glücklich gemacht hat) und sind mit Taxis in die Altstadt gefahren. Benno hat uns den roten Strich erklärt und alles gezeigt, was sehenswert ist, und das war 'ne Menge. Alte Häuser, schön restauriert, Rathaus, Universität, Hakenterrasse und dann sind wir eingekehrt, und ich habe artig ein traditionelles polnisches Rotebeetesüppchen mit Maultaschen gelöffelt. Hat gut geschmeckt.

2. Tag: iaHGF ging es wieder los: Kein Fahrradabteil, aber improvisieren ist kein Problem. Sechs Stunden Bahnfahrt nach Malbork, wo uns mittags eine riesige Burganlage erwartete. Als gute Touristen, die wir sind, haben wir sie optisch sehr genossen, allerdings haben wir sie aus Zeitmangel nur von außen umrundet.

Und wieder rief die Straße und es ging 40 Kilometer querfeldein, vorbei an Deichen und Kartoffelpflückern, Heuquadern und Kanälen, bis wir am Ende waren - am Ende der Straße, und wurden von einer Fähre übergesetzt an das Westufer, nach Gniew, wo der Fahrradknast auf uns wartete. Glücklicherweise mussten wir nicht im luxuriösen Schloss nächtigen, sondern hatten das Vergnügen, uns in die 4-Bett-Zimmer der Deutschordenburg zu verteilen.

Die Abendsonne hatte uns freundlich begrüßt und nun ließen wir uns huldvoll vom Aushilfskönig umarmen und mit ihm fotografieren. Was man auf Bennos Bildern erahnen kann: Der König konnte gut umarmen und hat auch gar nicht nach toten Tieren gerochen. Später sahen wir ihn noch auf einem edlen Ross in die Eingangshalle der Burg reiten, wo er mit seinem Gefolge einem Rudel Schlossgästen einen sehr interessanten Vortrag über die polnische Kavallerie hielt.

Wir haben im Biergarten des Schlosses wahrliche Köstlichkeiten gespachtelt, aber die Krönung war die Hühnerleber ohne Leber mit den vergessenen polnischen Kräutern. Und wer jetzt glaubt, das war ein Hauch von Garnichts, dem sei gesagt, das stimmt nicht, es war gut.

Noch besser allerdings war die Verkostung verschiedenfarbiger polnischer Schnäpse. Die Gläser gingen wie Stille Post rum, bis kein Tropfen mehr drin war.

Und es kam sogar noch besser, im Burgumgang ganz oben leuchtete es unregelmäßig, wie Feuer, und schon wollte ich mein Fahrrad in Sicherheit bringen. Maria, Lorenz und ich erklommen mutig den Umgang, vorbei an Lebergeschädigten Personen, nun alles dunkel, im Handylichtschein schlichen wir wie Verräter von Ecke zu Ecke, nur begleitet von blöden Tauben.

Plötzlich wuchs aus dem Boden vor uns eine Feuersäule empor und wir wussten, wir werden gegrillt. Wir hatten uns auch nicht informiert über Gesetze zum Thema "Kannibalismus - Verzehr von gut durchgegrillten Touristen", und man glaubt es nicht - aber dieser kräftig aussehende Lorenz sprang behende hinter uns zarte Frauen und versteckte sich, ja, er schob uns sozusagen Richtung Grillspieß, und ich ahnte bereits die Zutaten: Knoblauch ...

Und wir waren inmitten einer Gruppe gut betankter polnischer Telekomverkäufer, die uns sehr freundlich in ihre Mitte nahmen und den Weg mit Fackeln erleuchteten, die wiederum der Luft den Sauerstoff entzogen, aber man kann nicht alles haben. Wir entkamen der Gruppe aber unbehelligt. Der Abstieg führte wieder an einer Schnapsdrossel vorbei, und so war klar, dass wir uns nicht verlaufen hatten.

Jugendherbergserinnerungen aus dem letzten Jahrhundert wurden wach, als ich nachts fremderleuts Schlafgeräuschen lauschen durfte. Auch Gemeinschaftsduschen sind selten geworden, aber durchaus benutzbar.

3. Tag: iaHGF ging es zum Fotoshooting auf die Burgterrasse. Unglaublich dicker Nebel ließ vermuten, dass der Schnapsmix des Vorabends mich blind gemacht hatte. Aber dann tauchte die Weichsel auf, Schatten von Booten waren zu ahnen, Pferde stürmten auf die Weide, meine Fahrradfreunde erschienen nacheinander putzmunter, und der neue Tag brach an.

Die 95 Kilometer nach Danzig waren relativ kurzweilig - wir fuhren durch malerische Dörfer, ich wurde von einer Taube beschissen, wir haben unsere Kräfte bei einer kalorienträchtigen Pause mit Kuchenpicknick direkt an der Weichsel neu gesammelt, 'ne wunderbare alte 800 Meter lange Brücke mit Türmen befahren, anschließend ein frisches Brautpaar richtig glücklich gemacht, schwammen in einem kleinen See, vermischten uns mit den Eingeborenen bei einem wirklich schönen Erntedankfest, an dem uns nicht nur superleckere Schmalzstullen, sondern auch Karaoke vom Feinsten geboten wurden, beradelten alle möglichen und unmöglichen Wege, fuhren an zwei Danzig-Ortsausgangschildern vorbei und erreichten endlich das Focus-Hotel kurz vor dem Zentrum, dass sich besonders durch seine schalldichten Fenster auszeichnet.

Schnell wurden die Räder ins Räderzimmer geparkt und schon ging es mit der polnischen BVG für lau in die Altstadt. Benno kannte die richtige Seite zum Fotografieren, genau gegenüber von dem alten Speicher, eine herrliche Ansicht der Hafenhäuser, in deren Vordergrund leider ein Grillboot schaukelte, über dessen Versenkung wir allerlei Phantasien entwickelten.

Der Hunger lenkte eine Vielzahl von uns ins nächstbeste Restaurant, aber der harte Kern wanderte weiter in den dunkel werdenden Ort. Unglaublich, wie superschön die Fassaden der Häuser wieder hergerichtet worden sind. Danzig ist sehr sauber, aber nicht steril. Gemütlich, aber nicht aufdringlich.

Den Wahlspruch der Stadt: "Weder unbesonnen noch furchtsam" muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und wer eine zufriedenstellende Interpretation dafür gefunden hat, möge sie mich wissen lassen.

4. Tag: iaHGF war noch eine Fotowanderung angesagt und man kann gemeinhin sagen, dass nicht jeder Radfahrer notgedrungen auch Frühaufsteher ist. Eine Kleinstgruppe fotografierender Radfahrer fand sich aber gähnend doch plötzlich mit den Rädern in der Altstadt wieder, und das Morgenlicht hat uns belohnt. Die Stadt war auch leer, nur wir waren unterwegs. Nach dem reichhaltigen Frühstück im Hotel konnten wir den Rest der Mannschaft überreden, sich doch nochmal dort umzugucken.

Ungemein interessant war der Versuch "Völker helfen Völker", bei dem eine deutsche Touristin kniend versuchte, einem vor der Kirche stehenden eingeborenen Gläubigen, eigenhändig den Hosenreißverschluss zu schließen, nachdem sie ihm drei Mal auf den Offenstand in klarem Deutsch hingewiesen hat.

Die Tagesetappe war ja eigentlich von Hause aus nur mit 20 Kilometern angegeben, aber fast wurden es doppelt so viele, denn die von Benno anvisierte Fähre fährt am Sonntag nicht - und es war Sonntag.

Aber, wie wir von früheren Gelegenheiten wissen, entwickelt  Benno in Krisensituationen Charme ohne Ende und schwupps zauberte er ein kleines malerisches Fischerbötchen mit einem verwegen aussehenden Skipper herbei, der nach vier Mal hin und her unsere 13 Räder, 26 Packtaschen und uns 13 Personen auf die andere Seite brachte. Das war auch gut so, denn ich wollte endlich die Ostsee sehen und mit den Füssen im Sand buddeln.

Noch einen Turm erklommen wir, und konnten die Festung Westerplatte, wo der Zweite Weltkrieg begann, sehen. Endlich, nachdem wir fürchterliche Vororte von Sopot durchradelt und der Zivilisation in die schrecklich touristischen Augen geschaut haben, erreichten wir das Meer. Oh wie wunderschön!

Die Sonne schien richtig sommerlich warm, einige zertratschten Quallen und dachten an die schönsten Kindheitserinnerungen zurück, andere aßen guten Fisch und/oder Eis, wir lagen faulig rum, gingen spazieren, sprangen ins Meer, ein gelungener Strandtag!

Leider, und auch hier könnte man noch rot schreiben: iaHGF, auf jeden Fall viel zu früh, mussten wir zum Bahnhof. Aber ach, schon wieder kein Fahrradwaggon, geschweige denn ein Abteil. Erst sah es so aus, als passten nur die Hälfte der Räder rein, aber dann wurde der Rest passend gemacht. Mein niegelnagelneues Rad musste, auf dem Hinterrad stehend, im Klo mitreisen, den anderen ging es auch nicht viel besser, aber nach viel Geschiebe und Gequetsche waren Räder, Taschen und Menschen in der Bahn, und fünf Stunden später erreichten wir totmüde Stettin.

5. Tag: iaHGF ist die Vorhut losgefahren und war tatsächlich um 7 Uhr in Berlin. Wie unsere 11 Freunde Berlin erreicht haben: Wir wissen es nicht, würden es aber gerne erfahren.

Liebe Grüße an all meine neuen/alten Radkumpel
Beate

 

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