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Einbahnstraße Gipsstraße:
Kein Unfallhäufungspunkt
und trotzdem
Kontrollschwerpunkt
der Berliner Polizei

Polizeikontrollen: Die letzte Rache in der Einbahnstraße

Berlin, 1. Oktober 2012

Pünktlich zum Schulanfang Mitte August 2012 gleicht die Gipsstraße einem kleinen Heerlager der Berliner Polizei. Natürlich vor allem "zum Schutz des Radfahrverkehrs" - 98 Fahrradfahrer wurden am Ende verwarnt. Die Tempo-10-Nebenstraße war eine der letzten Einbahnstraßen in Berlin-Mitte, die nicht für Radfahrer in Gegenrichtung freigegeben war. Fahrradunfälle gab es hier keine. Seit einigen Tagen hängen nun die Freigabeschilder.

Wer sich sieht, fährt sich nicht um. Diese einfache Erkenntnis war zugleich das Ergebnis eines Modellversuchs, der vor genau 15 Jahren zur Änderung der Straßenverkehrs-Ordnung (StVO) führte. Einbahnstraßen durften zunächst in einem dreijährigen Übergangszeitraum für Radfahrer in Gegenrichtung freigegeben werden. Da in dieser Zeit genaugenommen gar keine Fahrradunfälle aufgrund der Neuregelung registriert wurden, durften Radfahrer Einbahnstraßen ab dem Jahr 2000 dauerhaft in beiden Richtungen nutzen. Mit einer nicht ganz unwichtigen Ausnahme: Die zuständigen Straßenverkehrsbehörden mussten jede einzelne Einbahnstraße prüfen und die Zusatzschilder "Radfahrer frei" extra anordnen. In Berlin ist dies bis heute offziell nur in 250 von 850 Einbahnstraßen geschehen.

Pünktlich zum Schulbeginn war es nun wieder soweit. Berlins Polizisten verstehen sich nicht nur als schlichte Gesetzeshüter. Nein, sie kümmern mit großem Engagement in diesem Fall um Schulkinder, um diese vor den vielfältigen Gefahren im Straßenverkehr zu schützen. Also vor blind rechts abbiegenden Lkw-Fahrern, die jedes Jahr mindestens 100 Radfahrer und Fußgänger auf deutschen Straßen tödlich und mehrere hundert schwer verletzen. Oder vor Autofahrern, die nicht nur Kinder auf dem Rad in der gleichen Fahrspur - also ohne Sicherheitsabstand - überholen. Und so Radfahrer massenhaft von der Straße auf Gehwege abzudrängen. Auf dem Gehweg angekommen wird noch nachgetreten: Bundesverkehrsminister Ramsauer gefällt sich darin, die Haushaltsmittel für den Fahrradverkehr auf extrem niedrigen Niveau um 40 Prozent zu kürzen und Fahrradfahrer allzu pauschal als Kampfradler zu demütigen. Irgendwie, ja ganz irgendwie stand jedenfalls die Sache mit den vielfältigen Gefahren im Straßenverkehr im Einsatzbefehl der Berliner Polizei wieder einmal ein ganz klein wenig anders.

Es war ein wunderschöner Sommermorgen. Mitte August 2012 erwacht die Fahrradstadt Berlin unter einem strahlend blauem Himmel. Ein kleiner Pulk Radfahrer ist im Scheunenviertel unterwegs. Kurz nach 8:00 Uhr schaltet die Ampel an der Kreuzung Münzstraße, Rosenthaler Straße und Gipsstraße endlich auf Grün. Die Gipsstraße ist breit, leer und mit Tempo 10 eine der unauffälligsten Straßen Berlins. Fahrradunfälle gibt es hier keine.

Plötzlich springen hinter parkenden Autos blau uniformierte Polizisten aus der Deckung und bitten zum kostenpflichtigen Gespräch an den Bordsteinrand. Es hat sich bereits eine kleine Schlange an der Sofortkasse gebildet. Die Gipsstraße sei eine Einbahnstraße. Und irgendwie sei es nicht nur verboten, sondern auch total gefährlich entgegen einer Einbahnstraße zu radeln. Erklärt der nette Beamte in einem freundlichen Gespräch. Tatsächlich gab es an jenem 17. August 2012 keine Freigabeschilder für Radfahrer unter dem Einbahnpfeil. Vielleicht waren sie auch nur abgefallen.

Eine kurze Abfrage der tatstächlichen Unfallzahlen bei der Berliner Polizei bestätigt wenig später die Wahrnehmung der Radfahrer: Einbahnstraßen sind nirgendwo in Berlin Unfallhäufungspunkte für den Fahrradverkehr. Im Gegenteil gibt es praktisch keine Fahrradunfälle aufgrund von Rad fahren entgegen der Einbahnrichtung.

Noch merkwürdiger wird die Angelegenheit Gipsstraße nach einer kurzen Nachfrage am Tag der Polizeikontrolle beim zuständigen Bezirk Mitte: Die Freigabe der Einbahnstraße für Radfahrer in Gegenrichtung sei bereits angeordnet, die entsprechenden Zusatzschilder bereits bestellt.

Ein paar Tage später ist es tatsächlich soweit: Die neuen Schilder sind montiert, die Gipsstraße für Radfahrer nach 15 Jahren legal in beiden Richtungen befahrbar - die letzte Rache in der Einbahnstraße ist Geschichte.