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Fahrradexperte
Benno Koch:
Das Winter-Abenteuer
vor der Haustür wagen

Fahrradwinter: Lust auf mehr

Berlin, 6. Dezember 2012

Es ist das Wechselspiel von Feuer und Eis. Natürlich auf dem Fahrrad. Ein Abenteuer hinaus aus der Metropole in die jetzt einsamen Weiten Brandenburgs. Eisberge an der Oder gucken. Mit dem wärmenden Kaminfeuer und der Sauna danach. Es ist das Überleben im Winter draußen. So wie es die Werbung in fantastischen Landschaften irgendwo am Ende der Welt suggeriert.

Seit heute liegt das Ende der Welt wieder traumhaft weiß direkt vor der Haustür. Und es ist arktisch kalt. Naja, zumindest bei den gefühlten Temperaturen im eisigen Wind. Fast so wie vor 100 Jahren, als Scott und Amundsen den Südpol eroberten. Nur ohne Gletscherspalten. Das kleine Abenteuer mitten in Europa ist auch auf dem Fahrrad beherrschbar. Wärmer und sicherer als auf der Skipiste, wo sich in wenigen Wintermonaten mehr Menschen die Knochen brechen als im ganzen Jahr auf dem Rad. Fahrradexperte Benno Koch hat den Fahrradwinter in Berlin und Brandenburg getestet.

Bereits seit ein paar Wochen fährt im Brandenburger Tourismusland fast niemand mehr mit dem Rad. Sicherlich auch, weil das Große Medienhandbuch von 1950 eine normale und regelmäßige Berichterstattung über Fahrradthemen im Winter noch immer verbietet. Wenn es der Nachbar nicht tut und niemand drüber redet, dann kann es doch nicht gehen.

Warum also Fahrrad fahren und Fahrradtechnik in wöchentlichen Fahrradsendungen im Radio und Fernsehen erklären, wenn doch das Elektroauto mehr Fördergelder verspricht? Oder selbst das schlichte Klappen von Autotüren die Zielgruppe angeblich noch immer begeistert?

Möglicherweise liegt das auch daran, dass die merkwürdigsten Ratschläge zum Rad fahren im Winter jedes Jahr neu wiederholt werden. Von Leuten, die ganz offensichtlich bei Schnee und Eis nirgendwo auf dem Rad zu sehen sind.

So sollen laut einer Pressemitteilung "zwei paar Socken" gegen kalte Füße auf dem Rad helfen. Auch "das altbekannte Zwiebelprinzip" oder gar "Neoprenüberschuhe" dürfen der Theorie nach bei Kälte nicht fehlen. Richtig kalte Schauer laufen mir bei dem Tipp "gefütterte und winddichte Handschuhe" als angebliches "Mittel der Wahl" zu nutzen nicht nur durch die dann sicher eiskalten Fingerspitzen.

Noch schlimmer geht es bei der Fahrradtechnik weiter. Indem man "etwas Luft aus den Reifen lasse", wird angeblich dadurch "die Haftung auf dem Asphalt" verbessert. Doch jeder Reifen ist dazu da auf Asphalt zu haften. Mit einem vorgeschriebenen Druck, den man messen muss. Für winterliche Straßenverhältnisse mit Schnee und Eis gibt es dagegen auch für Fahrräder gute Winterreifen - ohne Spikes.

Doch was ist richtig? Und was sind nur müde Verkaufsargumente für angebliche Hightechprodukte und was ist altbackenes Zeugs? Welches die Menschen in Wahrheit schon seit Jahren massenhaft vom Fahrrad fahren im Winter abhält?

Eine kleine Checkliste für den Fahrradtourismus im Winter

Zum Anfang sollte man einen Plan haben. Und man sollte wirklich wissen was man tut.

  • Strecke: die Radstrecke durch den Winter sollte aus wärmeren Tagen bekannt sein, am besten mit allen persönlichen Erfahrungen zur Krafteinteilung, natürlich zur Oberflächenbeschaffenheit, Aufwärmpunkten und Abkürzungsmöglichkeiten für den Notfall

  • Streckenlänge: tendenziell sind meiner Erfahrung nach die Radtouren in Brandenburg im Winter eher länger, da man in der gleichen Zeit weniger anhält und Touren ab Berlin meist ohne Bahn (denn Warten auf dem Bahnhof heißt gleich auskühlen) vor der eigenen Haustür starten; so lange man durchfährt, ist die Körpertemperatur auf dem Rad im Winter besser regulierbar als im Sommer bei 30 Grad ohne Schatten

  • Streckenoberfläche: touristische Radwege sind im Winter bei Schnee und Eis nicht nutzbar, sie werden nicht oder nur schlecht von Schnee und Eis geräumt, auch wenn es Ausnahmen gibt; normal befahrbar sind Kreis-, Landes- und Bundesstraßen oder wichtige Gemeindestraßen, Autofahrer fahren im Winter meist rücksichtsvoller; auf unsanierten Landstraßen gibt es am Fahrbahnrand abschüssige oft vereiste Flächen - also nicht zu weit rechts fahren; die meisten Landstraßen in Brandenburg sind wenig befahren, mit kaum mehr als ein paar hundert Kfz pro Tag

  • Pausen: es gehört etwas Übung dazu, keine oder nur sehr wenige Pausen auf einer Radtour zu machen; jede Pause sorgt im Winter für eine starke Auskühlung - egal ob unter freiem Himmel oder bei einem kurzen Aufenthalt in einem Café usw.; Essen und Trinken kann man nach der Radtour ausreichend; in Brandenburg gibt es in vielen Dörfern schon lange keine Gasthöfe mehr und erstaunlich viele Restaurants und Pensionen schließen im Winter

  • Streckenziel: in Brandenburg gibt es mehr Thermen und Saunalandschaften als in anderen Bundesländern; wer nach einer Winter-Radtour in die Sauna geht, erlebt ein körperliches Glücksgefühl, wie es nach keinem Fitnessstudiobesuch möglich ist; von der Therme ist der nächste Bahnhof meist nah und im Winter gibt es keine Probleme bei der Fahrradmitnahme zurück nach Berlin

  • Bekleidung: das gute alte Zwiebelprinzip nach dem Zufallsprinzip war auf dem Fahrrad gestern, heute kann man die Temperatur der Hautoberfläche messen; entscheidend ist die erste Schicht direkt auf der Haut - mit dem Bodymappingsystem liegt die Funktionsunterwäsche ohne Luftpolster direkt auf der Haut und fühlt sich auch im klammen Zustand noch warm an; als zweite Schicht folgt eine nicht zu dicke Fleecejacke und als dritte Schicht eine dünne Mikrofaserjacke - Windstopper oder Softshell können auf dem Fahrrad im Winter gerne das Gegenteil der Werbeversprechen erzielen, da die Feuchtigkeit nicht abtransportiert und der Stoff zum Taucheranzug werden kann

  • Kopf: für die Kombination mit der meist vorhanden Kaputze reicht auch bei starkem Frost eine eher dünne Mütze, die den Bereich über den Augenbrauen und den Ohren ausreichend abdeckt; auch hier gilt - dicker bedeutet anfangs schwitzen und später auskühlen; Skimasken sehen wichtig aus, haben aber den Nachteil, dass nicht nur die Mundpartie vereist

  • Hände: gefütterte Handschuhe mit Windstopper verhindern eine ausreichende Feuchtigkeitsabfuhr, zusammen mit angeblichen Hightechmaterialien die sich schon beim ersten Anziehen kalt anfühlen, sind Eishände garantiert; in meiner 20jährigen Erfahrung mit Handschuhen aller Preisklassen und Sorten sind die oft billigsten Fleecehandschuhe aus Thinsulate (in der Fingerhandschuhvariante möglichst enganliegend ohne Luftpolster - für um die 5 Euro) ohne Windstopper die besten, bei denen die Lücken im Gewebe so klein sind, dass die Wärme drinnen bleibt und gleichzeitig groß genug, dass die Feuchtigkeit verdampfen kann; wichtig: die Handschuhe während der gesamten Radtour nie ausziehen, nicht zum Naseputzen, nicht zum Trinken, nicht zum Fotografieren, nicht zum Rad anschließen und nicht zur Notdurft; und dran denken: der Kreislauf ist beim Rad fahren erst nach etwa 20 Minuten auf Betriebstemperatur, erst jetzt tauen die Fingerspitzen auf und noch einmal werden sie in der Mitte der Radtour kalt, bevor die Fettverbrennung optimal arbeitet - im Zweifel kann man in Fleece-Handschuhe schön warm reinpusten (was allerdings die spätere Vereisung fördert)

  • Füße: nichts ist einfacher als die Füße auf der Winter-Radtour warm zu halten - mit normalen einfachen Strümpfen (also Mikrofaser angeraut) und Goretex-Stiefeln ohne Winterfutter (zum Beispiel Hanwag Alaska), da die Füße in der Regel beim Rad fahren am wenigsten schwitzen, ist hier tatsächlich der Windschutz durch die Mischung aus Leder und Goretex-Membran am sinnvollsten

Sicher ist vor allem eins: Auf dem Rad geht mehr als nur Sommertourismus. Gesunde Bewegung per Fahrrad ist vor allem im Winter ein Garant gegen das Frieren an der Bushaltestelle oder auf dem S-Bahnhof. Wie es wirklich geht, muss jeder natürlich ein Stück weit selbst ausprobieren. Zusammen mit einer normalen Berichterstattung in so genannten Qualiätsmedien, würde vieles allerdings normaler und einfacher. Am besten ganz normal jede Woche, so wie es für Freunde der bewegungsarmen Fortbewegung auf vier Rädern in allen Medien sogar im 20 Minutentakt der Verkehrsnachrichten selbstverständlich ist.