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Seehotel Huberhof:
Seit fast 20 Jahren
eine grĂ¼ne Oase am
Oberuckersee und direkt
am Radweg Berlin-Usedom

Tourtagebuch: Traumlandschaften auf dem Weg nach Prenzlau

Berlin, 10. Mai 2013

"Stadt küsst See" lautet der Slogan Prenzlaus. Die schwer vom Krieg gezeichnete Stadt in der Uckermark, mit ihrem bisher eher untouristisch herben Charme, will nun durchstarten. Wie Tourismus entlang des Radweges Berlin-Usedom funktionieren kann, beschreibt eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch.

Mit Beginn der Landesgartenschau (Laga) 2013 durchtrennt ein kilometerlanger Zaun die Uferpromenade, die Stadt und den Zugang zum See. Keine sichtbare Wegweisung leitet die Fahrradtouristen um die Laga herum. Am nun geschlossenen "Tor zum Uckersee" stehen verloren ein paar Felgenkiller auf einer Schotterfläche. Prenzlau will sich gerade neu erfinden - und macht bei der Neugestaltung der Stadt und vor allem beim Mobilitätskonzept alte Fehler.

Gibt es eigentlich ein nachhaltiges Mobilitätskonzept für die Laga in Prenzlau? Die genannten Felgenkiller wurden früher gerne verwendet, um Fahrräder mit 40 Zentimeter Abstand zusammenzupferchen und die Fahrradnutzung an den Rand zu drängen. Irgendwie um Platz für den bewegungsarmen Fortschritt auf vier Rädern zu schaffen. Aber ist Prenzlau nicht eigentlich eine typische Fahrradstadt, in der jeder Ort in wenigen Minuten mit dem Rad erreichbar ist? Jedenfalls konnten Fahrradfahrer an jenen Felgenkillern nur unter Mühen das Vorderrad anschließen - den teuren Fahrradrahmen nicht. In Berlin und anderen Städten sind diese Vorderradhalter deshalb seit langem verboten.

Ich war 1987 auf der Berliner Gartenschau in Marzahn. Letztere war offiziell ein Geschenk der Gärtner der DDR zur 750-Jahr-Feier Ostberlins. Eine damals fast baumlose Einöde mit ein paar Pappeln unter riesigen Hochspannungsmasten am Rande einer Schutthalde prägten den Hügel und meine Erinnerungen. Ein Vierteljahrhundert später sind daraus die Gärten der Welt gewachsen - eine durchaus bemerkenswerte Oase am Rande des Wuhletals. Auch wenn die Gepäckaufbewahrung am Garteneingang selbst nach 25 Jahren noch fehlt - Fahrradtouristen mögen so etwas gelegentlich.

Dieser Eindruck vom Spannungsfeld zwischen Werbung und Wirklichkeit prägte mich jahrelang. So zog ich die unendlichen Kulturlandschaften jenseits der Zäune den nicht immer wirklich beeindruckenden Stiefmütterchenhainen der Gartenschauen vor.

Doch Brandenburg hatte in den vergangenen Jahren seine Landesgartenschauen immer mehr als Mittel der Stadtgestaltung verstanden. Den Anfang machte Luckau im Jahre 2000 mit seinen frisch sanierten Giebeln mitten in der Altstadt - 419.000 Besucher wurden offiziell gezählt. Ein damals geplantes Hotel gibt es allerdings bis heute nicht, die Restaurant- und Cafékultur ist (bis auf eine Ausnahme) extrem bescheiden und schwer nachvollziehbar. Die einzigartige mittelalterliche und schwer beeindruckende St. Nikolai Kirche ist auch meistens zu.

Mit Eberswalde (2000 - 592.000 Besucher), Rathenow (2006 - 480.000 Besucher) und Oranienburg (2009 - 570.000 Besucher) folgten weitere märkische Städte. Die Stadt Prenzlau rechnete bei ihrer Bewerbung vor gut vier Jahren ganz bescheiden mit 280.000 Besuchern.

Es ist Himmelfahrt und ein paar Berliner Fahrradtouristen sind auf dem Radweg Berlin-Usedom von Angermünde nach Prenzlau unterwegs. Eine echte Anbindung der Stadt Angermünde an den überregionalen Radfernweg zur Badewanne der Berliner gibt es auch mehr als fünf Jahre sein seiner offiziellen Eröffnung nicht. Einen Fahrradwegweiser am Bahnhof Angermündes sucht man bis heute vergeblich.

Vorbei an vielen frisch sanierten und dennoch dahinter merkwürdig leblosen Fassaden der Stadt geht es hinunter zum Mündsee. Na klar, ganz tapfer und gut hinter einem Riegel aus Terrakottakübeln verschanzt hält sich am Markt das Wallenstein, das erste Haus am Platze. Wettbewerb und damit mehr Touristen scheint es hier nicht zu geben. Der asphaltierte Rundweg um den Mündsee überrascht kurz darauf immer wieder - ein erstes Lächeln zieht über die Gesichter der Teilnehmer.

Nördlich des Sees geht es zurück auf die (meist ruhige) radweglose Landstraße und über Kerkow zur Blumberger Mühle. Nur ein paar Fahrradminuten vom Bahnhof entfernt stapeln sich hier vor dem Nabu-Informationszentrum die Autos - der echte Naturfreund genießt noch immer eine vermeintliche Freiheit auf vier Rädern.

Kurz vor den Teichen ist die erste Fahrradstraße inzwischen eine sandige Waschbrettpiste - eine normale Unterhaltung des Belags fand hier noch nie statt. Wem geht es hier ohne normalen Asphaltbelag eigentlich besser? Zwischen den einstigen Fischtischen führt nun der offizielle Radweg Berlin-Usedom entlang. Bei seiner Eröffnung 2007 sperrten noch Schranken die Zufahrt von Kfz zur Fahrradstraße. Heute sind die Schranken längst entsorgt.

Die auf Fahrradstraßen automatisch geltende Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h wird offensichtlich in Fahrschulen nicht vermittelt. Was das Zeichen "Anlieger frei" bedeuten könnte auch nicht. Ist nur mal gucken mit dem Auto auf dem Radweg wirklich nicht erlaubt? Das Problem wird uns an diesem Tag immer wieder begegnen. Und auch wenn es nicht viele Kfz auf dem Radweg sind: Sind die bestens ausgebaute Bundesstraße ein paar hundert Meter weiter und nahe Autobahn nicht schön genug?

Wunderbar asphaltiert geht es von Görlsdorf über den schmalen für Kfz gesperrten Singletrack durch die dichten Wälder des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin nach Peetzig und über die wie Ozeanwellen hügligen Felder nach Steinhöfel. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Ein Café gibt es noch immer nicht, dafür aber einen kleinen Wettstreit um die schönste Imbissbude auf dem Hof - ohne Wasser- und Toilettenanschluss.

Zwischen Steinhöfel und Stegelitz ist die Provinzposse um einen seit vielen Jahren in der Nähe der Autobahn wohnenden Schreiadler noch immer nicht beendet. Heute ist der rund drei Kilometer lange, von Geröll, Kopfsteinpflaster und Kies geprägte Radweg meist trocken und irgendwie befahrbar. Schön ist trotzdem anders. Naturschutz auch. Denn so steigt niemand freiwillig aus seinem Auto aufs Rad.

Auf den schmalen Betonspuren kurz vor Warnitz nimmt die Zahl der Fahrradfahrer zu. Und auch die derjenigen, die nur mal kurz mit dem Auto gucken wollen. Überholen kann man hier eigentlich nicht. Und da es trotzdem immer wieder versucht wird, sind die Bankette zur Betonspur tief ausgefahren. Plant hier niemand eine normale Sanierung?

Die Einfahrt nach Seehausen wird zur schönsten Überraschung. Dass Seehotel Huberhof direkt am Oberuckersee ist noch immer eine unerreichte Oase in der Uckermark. Der satte Rasen unter blühenden Obstbäumen hinter dem Fachwerkbau wird schnell zur Liegewiese für sonnenhungrige Fahrradtouristen. Dürfen wir die Restauranttische von der Terrasse auf die Wiese stellen? Na klar. Nicht oft kann man in einem Restaurant direkt in der Sonnenliege frische Spargelsuppe, Kaffee und Kuchen genießen. Ist das nicht bereits die gesuchte Gartenschau?

Die Erfolgsgeschichte der Anfang der 1990er Jahre aus Bayern in die Uckermark verschlagenen Familie Huber ist eine ganz besondere. Als es das Wort Fahrradtourismus in Brandenburg noch gar nicht gab, durfte ich eine der ersten Pressereisen mit Berliner Journalisten hierher organisieren. Natürlich mit Rad und Bahn.

Eine Winterradtour bei Schnee und Eis, anschließender Sauna und Abendessen am knisternden Kamin des Huberhofs, ist für die Hotelchefin noch heute unvergesslich. Aber irgendwann nach der offiziellen Eröffnung des Radweges Berlin-Usedom mit der Ostseefahrt im Jahre 2007 sei dann die Zeit ein bisschen stehen geblieben. Eine Weiterentwicklung des Radweges Berlin-Usedom sei nicht erkennbar. Die preisgekrönte Berlin-Usedom-Box in Zollchow südwestlich von Prenzlau soll auch bereits wieder geschlossen haben.

Ganz inoffiziell fahren wir dann am Ostufer des Unteruckersees weiter nach Prenzlau. Während der Radweg Berlin-Usedom am Westufer auf langen Strecken straßenbegleitend und damit touristisch uninteressant ist, geht es hier über ruhige asphaltierte Fahrradstraßen, an denen nur noch die Fahrradstraßenschilder fehlen.

An der Bahnschranke westlich von Seelübbe endet der Asphaltstreifen. Auf den nächsten 2,5 Kilometern zieht sich ein Trampelpfad am Unteruckerseeufer bis zum Kap am Südende von Prenzlau entlang. Hier werden die Fahrradtouristen immer zahlreicher.

Das Lächeln verschwindet aus den Gesichtern. Trotz der schönen Landschaft. Überholen und Begegnen von Radfahrern ist auf dieser Piste nicht möglich. Und in Prenzlau gibt es anscheinend immer noch Mopedfahrer. Dass die sich genau hier auf dem Radweg entspannen müssen, versteht sich von selbst.

Könnte nicht irgendein Fördertopf diese Mopeds in Prenzlau und anderswo in Deutschland mal wenigstens in geräusch- und auch sonst emissionslose E-Bikes verwandeln? So wie es selbst Vietnam mit Millionen E-Bikes bereits geschafft hat?

Alleine 500 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket II hat die Bundesregierung bis heute für lediglich 7.497 in Deutschland zugelassene E-Autos investiert - rein rechnerisch ein Geschenk von 66.693,34 Euro für jeden dieser Vierradfreunde. Da klingen doch zum Beispiel 2.649 Euro für ein fabrikneues Koga E-Lement auf zwei Rädern fast wie geschenkt. Welchen Fördertopf gibt es eigentlich dafür?

Jetzt ist das Ziel Prenzlau endlich erreicht. Die Teilnehmer sind schon ganz neugierig auf die Landesgartenschau. Und wie wird sich die Stadt verändert haben? Vom Kap geht es auf dem bereits seit Jahren vorhandenen Asphaltstreifen zur Uferpromenade und unter alten Bäumen entlang. Doch kurz hinter dem Seebad ist Schluss: Ein Zaun versperrt den bisher öffentlichen Radweg und die schmale Uferstraße.

Es ist der Zaun der Landesgartenschau, wie er die Stadt nun kilometerlang durchzieht. Einen Eingang gibt es hier nicht. Auch nicht am Seeweg, der nächsten Straße bergauf Richtung Rathaus. Auch hier versperrt ein Zaun ohne Eingang die eigentlich öffentliche Straße. Eine erkennbare Wegweisung zum offiziellen Eingang gibt es nicht. Aber hier ist beim Blick über den Zaun schnell klar: Der Besuch der Laga hat sich für uns bereits erledigt.

Natürlich sind die alten Bäume schön. Aber die gibt es hier bereits seit 100 Jahren. Unter ihnen fand 2005 bis 2009 die legendäre Ostseefahrt mit jeweils bis zu 140 Fahrradtouristen statt - in einer wunderbaren Zeltstadt. Jetzt sind einige Blumeninseln inmitten der Rasenflächen neu. Natürlich auch das Wegekonzept, ein paar Bänke und mehr. Aber gibt es nicht modernere Konzepte auch für eine Landesgartenschau?

Prenzlau hat wirklich eine wunderschöne Lage. Mit den ansteigenden Hügeln entlang der Uckerseen vielleicht sogar noch schöner als Waren an der Müritz. Wie wäre denn eine Landesgartenschau, die nicht auf einen teuren Zaun und eine personalaufwändig erzwungene Abgabe für einen bereits vorhandenen Stadtpark setzt?

Alleine für die Kosten des Zauns hätte Prenzlau vermutlich tausende hochwertige Strandliegen anschaffen können. So hätte jeder die traumhafte Lage der Stadt am Wasser erleben können. Wäre das nicht ein Ort für Straßenmusiker oder gerne auch ein klassisches Quartett kurz vor Sonnenuntergang direkt am Wasser?

Würde so nicht wirklich die Stadt den See küssen? Und lassen sich über Gastronomie und Hotellerie nicht viel mehr Einnahmen erwirtschaften als über teuer, mit viel Personal erkaufte Eintrittsgelder? Der traditionsreiche Kurgarten, mit seiner schönen Terrasse und Blick zum See, liegt nun hinter dem Zaun - und ist am Himmelfahrts-Abend um 18 Uhr bereits verwaist.

Wir wollen ein neues Restaurant in Prenzlau testen. Was macht eigentlich die neue Marktbebauung direkt an der riesigen St. Marien Kirche? Noch ist das Areal eine Baustelle. Und so richtig überspringen will der Funke zur neuen Mitte der Stadt nicht. Historisch ist anders. Modern wohl auch. Ein neues Restaurant gibt es hier nicht.

Das Verkehrsproblem durch die hier entlangführende Bundesstraße B109 ist mit dem teilweisen Umbau nicht gelöst. Eine Verkehrsberuhigung gibt es nicht. Zwar ist der neue Radweg im Abschnitt Neustadt breit, asphaltiert und besser als zuvor - doch warum steht bei einem Neubau das Fahrradwegschild auf dem Radweg und nicht daneben? Und warum sind die Auffahrten zum Radweg nicht auf Null abgesenkt, so wie dies für Kfz an jeder Kreuzung normal ist? Und warum ist der Radweg weiter oben direkt am Marktberg mit gefasten Betonsteinen auch noch in Längsrichtung mit Spurrinnen verlegt neu gebaut worden?

Wir entscheiden uns schließlich für einen Italiener, der eigentlich ein Inder ist. In der Fußgängerzone der Kleinen Friedrichstraße. Das Köstritzer Bier ist warm, das extra in Neuzelle (!) gebraute Laga-Bier enttäuschend und die Pizza im Verdacht aus Fertigteig entstanden zu sein. Der erste Inder, der nicht kochen kann.

Noch ist das Laga-Jahr in Prenzlau lang. Und Prenzlaus Bürgermeister Hendrik Sommer ist für seine Frohnatur und Aufgeschlossenheit bekannt. Damals noch als Tourismusamtsleiter lies er es sich nie nehmen, die Teilnehmer der Ostseefahrt jedes Mal persönlich zu begrüßen - zuletzt 2008. Fahrradtourismus war ihm wichtig.

Wäre jetzt nicht die richtige Zeit, zumindest den Radweg an der Uferpromenade gerade auch als Zeichen für ein modernes, stadtverträgliches Mobilitätskonzept der Landesgartenschau in Prenzlau wiederzueröffnen?

Mister Sommer tear down this wall ... äh ... den Laga-Zaun!

Und wenn wir schon dabei sind, können wir gleich noch den Trampelpfad hinter dem Kap, die Felgenkiller rund um die Laga und die Fahrradstadt Prenzlau gemeinsam in Angriff nehmen.

 

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