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Ostseefahrt 2012:
Neue Seiten aus
Beates Tagebuch
verraten wilde Abenteuer
zwischen
Lidl-Unterwäsche,
Folterkellern
und Fledermäusen

Beates geheimes Tagebuch: Rückblick Ostseefahrt 2012

Berlin, 30. August 2013

Mal beschwert sie sich über heulende Wölfe, dann fliegen die Fledermäuse wieder zu tief. Und angeblich fährt dann auch der Zug nicht oder nur mit der Hälfte der Teilnehmer. Und der Rest muss mit polnischen Bauarbeitern auf einem Lkw trampen. So oder so ähnlich. Beates Tagebücher sind legendär. Und obwohl vermutlich vieles ausgedacht ist oder völlig anders war, sind ihre geheimen Tagebücher auch ein ganz kleiner Höhepunkt echter Genießer-Radtouren. Und der Ostseefahrt.

Genau vor einem Jahr führte die achte Ostseefahrt im September 2012 von Berlin zur Weichsel und dort rund 240 Kilometer von Thorn (Toruń) über Graudenz (Grudziądz) und Mewe (Gniew) nach Danzig (Gdańsk) und Zoppot (Sopot) an die polnische Ostseeküste. Nachts ging es auch schon mal durch Folterkeller und auch tags abseits jeglicher Touristenpfade durch eine einzigartige Kulturlandschaft. Nun soll in der kommenden Woche die Ostseefahrt 2013 erstmals durch die Pommersche Seenplatte nach Kolberg (Kołobrzeg) führen. Genau die richtige Zeit, ein paar Seiten aus Beates Tagebuch aufzuschlagen.

 

Und hier ist nun Beates Tagebuch der Ostseefahrt 2012.

Liebes Tagebuch!

Was hat dieser Kerl nur an sich, dass immer wieder so viele Leute hinter ihm herfahren? Sind wir Ratten? Ist es sein Charisma? Sein Navi? Die versprochenen Gaumenfreuden? Oder liegt es an diesen gnadenlos gut vorbereiteten Touren?

Man weiß es nicht, zumindest nicht genau, aber Tatsache ist, dass mindestens alle diese Ingredienzien zu den Benno-Touren gehören, und noch viele mehr.

So ist zum Beispiel die nicht zu verachteten Qualität der nachbereiteten Fotostrecke noch zu nennen, die bunt gewürfelte Truppe Wildfremder, die sich in diesen Tagen näher und näher kommen, und die garantierten 2,7 Kilogramm Gewichtszunahme in der Zeit, darunter pro Tag eine wachsende Muskelmasse in den Unterschenkeln von geschätzten drei Gramm (je Wade), und, nicht zu vergessen, die Freude, die wir beim Radfahren durch fremde Landschaften empfinden, das Sehen von Unbekanntem, die gezielten Häppchen Historie, mit denen wir gefüttert werden, und die rundum frische Luft!

Aller guten Dinge sind drei, sagt man, und so meldete ich mich frohen Mutes für die diesjährige Ostseeradtour mit unserem Vorfahrer Benno und unserem letzten Mann, Mario an, zwei Kerle, die so manche von uns nicht mehr in ihrem Leben missen wollen, Garanten für gute Touren, Profis ohne Getue, echte Kerle halt.

Ob das mit der Lidl-Werbung wirklich stimmt?

Und natürlich fragten sich alle, wie ich mit der neuen, wunderschönen Lidl-Fahrradunterhose zurecht komme. Ich sage Euch: fabelhaft! Eine neue Welt steht mir offen! Der gewaltige Kaufrausch bei einer unserer Benno-Lidl-Touren, der in dem Erwerb dieser reizlosen Unterwäsche gipfelte, war mit einer der besten Investitionen in diesem Jahr, das sag ich Euch! Nach zwei Tagen fast ununterbrochenen Tragens verspürte ich eine Sucht, und es kostete mich 'ne Menge Disziplin, sie nicht auch noch an unserem 30-Grad-Strandtag zu tragen.

 

Aber fangen wir von vorne an.

Liebes Tagebuch,

1. Tag (Do, 6. September 2012 Berlin-Thorn)

Bennos anfängliche Bedenken bezüglich der Radfreundlichkeit der polnischen Bahnmitarbeiter war unberechtigt. Die Hinfahrt mit 3x umsteigen verlief beeindruckend glatt. Rasend schnell lernten wir unsere 15 Räder in der Bahn zu stapeln und die 29 Satteltaschen hinterher zuwerfen (ein Volltreffer war dabei, der arme alte Mann war danach nicht mehr der gleiche …).

Da wir als angesagte Gourmets unterwegs waren, durften wir gleich vom Bahnhof aus in die beste Konditorei im Ort einfallen, obwohl die Waden juckten und die Füße treten wollten.

Nun fehlte nur noch die sehenswürdige Daria, die wir im Seifenmuseum mit der "History of Dirt" suchten, aber nicht fanden, und schon gings los. Dieser Teil war experimentell angedacht - und wenn man mich fragt – absolut nicht fahrradtauglich! Nach der ersten tiefsandigen Schiebestrecke (begleitet von in Bäumen geritzte Radwegzeichen) gönnten wir dem Großteil unserer Fahrradreifen ein paar Bar polnische frische Waldluft.

Endlich erreichten wir Thorn. Der Abend endete für fast alle im Sphinx (geht immer), und wer nicht den Damen mit den rosa Schirmchen gefolgt ist, hat sofort und gut geschlafen, und wer doch – bestimmt auch.

2. Tag (Fr, 7. September 2012 – Thorn-Mewe)

Das morgendliche Fotoshooting: Thorn ist auf meiner Liste von polnischen mittelalterlichen Städten sofort auf Rang eins aufgestiegen: ab sofort meine absolut liebste polnische mittelalterlichste Lieblingsstadt. Irre und unbeschreiblich! Kein Wunder, dass Genies wie Kopernikus hier Inspirationen bekommen haben. Wäre mir damals bestimmt auch passiert. Noch heute beflügelt es die Besucher, man will um jede Ecke gucken, weil es dort mit Bestimmtheit noch mehr zu entdecken gibt. Klasse!

Trotz intensivster Vorbereitung von Bennos Seite aus hat die polnische Bahn einfach mal so spontan einen Zwischenfahrplan ausgeheckt - und ihm nicht dem Internet gemeldet, was zur Folge hatte, das wir 1,5 Stunden in dem Zug saßen und nichts, aber auch gar nichts wussten. Nicht einmal unser gruppeneigener Dolmetscher ("ich holen Informatika") bekam von den Einheimischen eine verlässliche Antwort. Die polnischen Sprachgenies sind alle im Ausland, und der höfliche Rest sagt sowieso nicht nein.

Nach Plan A folgte Plan B, es folgte C ..., und bei Plan E10 ruckte es plötzlich, und ohne Vorwarnung und mit offenen Türen fuhr der Zug ruckelnd los.

Natürlich mussten wir irgendwann wieder aussteigen und Rad fahren. Diese Strecke war jetzt nicht so ganz ohne, denn da das Netz entweder nicht da oder schwach oder unwissend war, hatten wir Schwierigkeiten, den rechten Track zu finden, aber Grit hat wenigstens den grünsten Regenmantel der Welt in einer Weltstadtboutique abseits von jedweder Zivilisation gefunden, und ich hab ihn ihr gerne gegönnt. Denn es fing an zu regnen, achwassachich, es pladderte wie verrückt, sofort haben wir Profis uns unsere Regenklamotten übergeworfen.

Benno hat in der ihm eigenen positiven Art versucht, uns den Weg schön zu reden, aber das habe sogar ich gemerkt – verfahren und verregnet – nöhhh!

Als Dilettantin mit den besten Vorsätzen wollte ich nicht mehr bei Steigungen maulen, dass hatte ich mir fest vorgenommen, aber ich habe böse Schimpfwörter in mich reingeflucht, als ich den neunprozentigen Berg nicht hochkam. Konnte mein ausgesprochen um Spiritualität bemühter Charakter mich nicht einfach den Scheißberg hochbeamen? Ich war dann beim Schieben tatsächlich schneller.

@ Isabel: danke nochmal für den Essig-Trick: ich habe tagelang wie ein leckerer Gurkensalat gerochen, aber die Jacke ist in dem Essigbad nicht wasserdicht geworden.

Auf Regen folgt Sonnenschein, haben wir gedacht, und so ähnlich war es auch. Am besten hat uns aber die zehn Kilometer Dunkelradel-Strecke zum Fahrradknast (das ist bestimmt intern und so Jugendherberge heißen) gefallen, und so manch einer hat dann doch umgebucht ins Schlosshotel mit seinen sechs Quadratmeter großen Duschen.

Was für ein Glück - nach einem feuchtfröhlichen Essen haben wir bei unserem spontanen Besuch auf dem Turmumgang Jesus mit Fackel und Krakauerin getroffen, und er war so gütig und hat uns selbstlos den Rittersaal gezeigt, wo sich ein deutscher Fahrradfahrer grundlos in den Sarg legte (oder sind drei große Bier ein Grund zum Sterben?), die Kellergemäuer mit der Folterkammer inklusiv freifliegender Fledermaus (ich konnte mir beim Großteil der Spielsachen kaum vorstellen, dass sie Spaß machten, aber den Männern wohl noch weniger) und der Kirche.

3. Tag (Sa, 8. September 2012 – Mewe-Danzig)

Nach dem Frühstück mit seinen eigenwilligen Ei-Variationen ging es mit der Fähre auf die rechte Seite der Weichsel und mit dem Rad 20 Kilometer nach Süden. Dort fällt der Blick des ungläubigen Betrachters sofort auf den sehr alte Bischofssitz mit dem tiefsten Plumpsklo der Welt. Der einzige deutschsprechende Touristenführer der Gegend lauerte uns auf und scheuchte uns durch den Dom an einer Doppelbeerdigung entlang  zum nicht beleuchteten Treppenturm und hinauf zu einer wunderbaren Aussicht.

Seine anschließenden Ausführungen waren wirklich interessant, aber ich war sehr müde.

Und jetzt ging es ums Glücklichmachen und Rücksichtnehmen für jeden einzelnen - und es formierten sich zwei Gruppen:

Die erste Gruppe bildeten Meike und die wilden Kerle, die mit Gegenwind und Unwegsamkeiten 50 Kilometer nach Malbork radelten, während die Mädelstour von Benno geführt im Zug begann, gefolgt von einer rekordverdächtigen 38 Minuten Stadtrundfahrt durch Malbork, wir anschließend wieder gemütlich in die Kissen der Bahn sanken, in Tczew in unserem  Lieblingscafe Törtchen verspeisten, dann wieder zum Zug hetzen, diesen knapp nicht verpassten, und dort unsere starke-Waden-Fraktion wiedertrafen. Kurz vor Sonnenuntergang waren wir in Danzig, eine wunderwunderwunderschöne Stadt.

Das Essen gehen hat sich ein wenig schwierig gestaltet mit einer so großen Gruppe, aber letztendlich wurde jeder satt.

4. Tag (So, 9. September 2012 – Danzig-Zoppot)

Danzig - diesmal waren erstaunlich wenig Pauschalschafe unterwegs - war gut zu durchradeln. Eine wunderschöne Stadt, die mit einem goldenen Kaffeekannenwärmerähnlichen Stadion bei der diesjährigen WM punkten durfte. Das war jetzt für mich persönlich nicht interessant, aber die wie Fußbälle geformten Container haben mich mit diesem Abstecher (eigentlich totale Zeitverschwendung, ich wollte zum STRAND!) versöhnt.

Und letztendlich erreichten wir Sopot. Unsere Diva (der einzige Gruppenteilnehmer, der immer verspätet aber dafür jeden Abend geduscht und gut riechend zum Essen kam) bekam einen kostenlosen Grundkurs in Fahrradflicken, während der Rest sich verteilte in den Läden, Kiosken, Restaurants und am Strand selber natürlich. Wie herrlich, dieser Sand ist wunderschön, und auch, wenn nur meine Füße in die Ostsee durften und die Zeit viel zu schnell um war - all die Strapazen und Radelei haben sich gelohnt.

Was mir als Laie mit Interesse an Erneuerbaren Energien traurig auffiel ist die scheinbare Verweigerung der Polen gegenüber der Photovoltaik und der Windkraft. Insgesamt habe ich nur vier Windräder und zwei PV Module gesehen, eine traurige Bilanz nach knapp 200 Kilometer rumradeln und stundenlangem Bahnfahren.

Und tatsächlich haben alle Räder wieder in die Bahn gepasst, teilweise auf Hinterrädern im Klo, aber wir sind pünktlich abgefahren, haben in Stettin auf der Hakenterrasse mit Blick auf Wasser und sonstwas ein Sonnenuntergangsbier genossen, um dann im Radeln das Fastfood einatmend unseren Zug nach Berlin zu erwischen.

Und so denke ich: Wunderschöne Tage, der Kondition angepasste Radtouren, viel gesehen und gut gegessen, nette Mitfahrer - was will man mehr?

Und bedanke mich hiermit nochmal bei Benno für die großartige Organisation und die tolle Zeit. DANKE!

Und meine Mitfahrer ermahne ich: lasst nicht locker, immer weiter treten, wir sehen uns!

Liebe Grüße von Beate

 

Hintergrund Ostseefahrt

  • Ostseefahrt 2013: geführte Radtour mit Benno Koch von Do, 5. bis So, 8. September 2013

  • Strecke: rund 240 Kilometer von Berlin durch die Pommersche Seenplatte nach Kolberg an die polnische Ostseeküste

  • Alle Infos: einfach das Anmeldeformular unter www.benno-koch.de ausfüllen

  • Fotos aller Ostseefahrten in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen