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Kinder-Radtouren
leicht gemacht:
Sechsjährige können mehr
als ihnen viele Eltern
zutrauen -
auf dem Fläming Skate
wird's mit Rückenwind
ganz einfach

Tourtagebuch: Keine Angst vor Kinder-Radtouren

Berlin, 12. September 2013

Bewegungsmangel ist das Hauptproblem in Deutschland. Die Lebensqualität leidet, die Kosten steigen. Meist sind es die Eltern selbst, die ihren Kindern die gesunde Bewegung mit dem Rad auf dem Weg zur Schule verbieten. Auch in der Freizeit unterschätzen die Erwachsenen die lieben Kleinen. Meist wird die entspannte Radtour durch eine bewegungsarme Autotour ersetzt. "Weil es so bequem ist." Benno Koch verrät, was möglich ist. Und weil's vor der Bundestagswahl so schön passt: Was unmöglich ist.

"Ich möchte mich und meinen sechsjährigen Sohn zur Radtour auf dem Fläming-Skate anmelden", sagt Matthias. "Ist dein Sohn schon mal 50 Kilometer Rad gefahren?", will ich wissen. "Klar, der schafft das." Kolja ist gerade eingeschult worden und ein ganz normaler Junge. Um es gleich vorweg zu nehmen: Er hat es nicht nur geschafft, sondern wollte den Tourenleiter auch gleich als neuen Papa mit nach Hause nehmen.

Ich bin mir nicht ganz sicher und rufe Heiko Hartje an. "Wie alt ist dein Sohn eigentlich?" "Der ist sieben und gerade in die erste Klasse gekommen." Heiko ist so etwas wie ein Musterbeispiel für das, was beim Thema Rad und Kind möglich ist. Der Mann aus Halle an der Saale macht jedes Jahr eine große Radreise mit der ganzen Familie und ist soeben von der Pommerschen Seenplatte zurückgekehrt. "Jannis fährt auch 50 Kilometer am Tag." Und natürlich hilft dabei ein richtiges Rad. Für Jannis heißt das Kinderrad seit neuestem Velotraum K-2 mit 20 Zoll Rädern.

Erstmals will Heiko Hartje vom 3. bis 6. Oktober 2013 ein Treffen radreisender Familien am Süßen See in Sachsen-Anhalt organisieren. Offenbar mit durchschlagendem Erfolg: Bis heute haben sich sieben Erwachsene mit elf Kindern angemeldet. Woran liegt es also, dass viele Eltern ihre Kinder unterschätzen und ihnen das Rad fahren verbieten?

Die mediale Behandlung und Wahrnehmung des Thema Fahrrads ist in Deutschland eine Katastrophe. Kein Radiosender, keine TV-Station, keine Tageszeitung und keine Zeitschrift hat eine wöchentliche Fahrradsendung oder -beilage im Angebot. Also einfach so, wie es für Autofahrer selbstverständlich ist. Wer Radio hört, wird selbstverständlich alle 20 Minuten über "Flitzerblitzer" informiert, damit er anschließend wieder "normal" Auto fahren kann. Fehlverhalten von Radfahrern wird dagegen weniger freundlich kommuniziert. So entstehen neben großen Wissenslücken noch mehr Vorurteile.

Doch hat nicht Ende August Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Fahrradmesse Eurobike Deutschland zum Fahrradland erklärt? Rund zehn Prozent aller Wege werden hierzulande mit dem Fahrrad zurückgelegt. "Aber wir werden hier noch eine Steigerung erleben, davon bin ich überzeugt", wird die Kanzlerin zitiert.

Die Politik von CDU/CSU und FDP sah in den vergangenen Jahren anders aus: Der Haushaltstitel Fahrrad im Bundesverkehrsministerium wurde von 100 auf 60 Millionen Euro pro Jahr gesenkt. Die Summe entspricht weniger als 0,5 Prozent aller Verkehrsinvestitionenen des Bundes. Zum Vergleich: Die soeben eröffnete Waldschlösschenbrücke in Dresden mit einer Länge von 636 Metern und Kosten von 182 Millionen Euro hätte vom gesamten Jahresetat fürs Fahrrad gerade mal zu einem Drittel gebaut werden können.

Doch wie sieht es mit anderen Projekten des Bundes zur Fahrradförderung aus? Die Mitnahme von Fahrrädern im Fernverkehr der Deutschen Bahn hat sich seit 1998 von ursprünglich 600.000 auf genau 272.074 im Jahre 2012 mehr als halbiert. Das Thema hat es nicht mal mehr in den Nationalen Radverkehrsplan 2020 gebracht. Schafft man so Mobilitätsketten?

Mit der schicken Wortschöpfung E-Mobility ließen sich Energie-, Verkehrs- und Umweltprobleme lösen. Das Elektrofahrrad zählt nicht dazu. So konnte der Zweirad-Industrie-Verband zumindest keinerlei Förderprogramme des Bundes fürs E-Bike entdecken. Stattdessen beginnt ein allgemeiner Sturm der Entrüstung, wenn der Autoclub ADAC zusammen mit der Stiftung Warentest ein paar Billig-E-Bikes auf Prüfständen zerlegt. Schön ist auch letzteres natürlich nicht. Besser wäre es den Wunsch der Menschen und die Sensation von 1,2 Millionen verkauften Elektrofahrrädern in Deutschland erstmal zur Kenntnis zu nehmen - und die Rahmenbedingungen für bessere Produkte normal zu fördern.

Wie sehen die Rahmenbedingungen fürs Fahrrad sonst so aus? Die Zuständigkeit für überregionale Radfernwege wie Berlin-Usedom liegt noch immer in den Händen von Kleinstkommunen - die damit vollkommen überfordert sind. Notwendige Änderungen der Straßenverkehrsordnung zum Überholen von Radfahrern werden nicht mal diskutiert. Ohne relevante Kosten könnte so die Zahl der Fahrradunfälle mehr als halbiert werden. Unabhängige Fahrradbeauftragte - so wie bei Gleichstellungs- oder Datenschutzbeauftragten selbstverständlich - als einfachstes Korrektiv gibt es nicht. Weder im Bund, noch in Ländern wie Berlin oder Brandenburg. Das Signal für Rad fahrende Familien: Das mit Merkels Fahrradnation war doch nicht so gemeint.

Wir sind zurück am Berliner Hauptbahnhof. Es ist Sonntag kurz nach 9:00 Uhr. Die Sonne scheint, es weht ein böiger Wind. Erstmals will ein Sechsjähriger auf einer meiner Radtouren 50 Kilometer ganz alleine auf einem Kinderfahrrad zurücklegen.

Mit dem Regionalexpress geht es eine Stunde Richtung Süden zum Fläming Skate. Längere Radtouren auf guten Wegen abseits der Großstadt sind auch für Kinder einfacher, als die vermeintlich kurze Strecke in Berlin. Natürlich wurde die Radtour in die richtige Windrichtung gedreht - es wird kräftigen Rückenwind geben. Kolja malt im Zug Burgen und Vampire. Ich meine, es könnte schon für die erste Vernissage außerhalb des Kinderzimmers reichen. Dazu liest der Papa die passenden Gruselgeschichten aus Kinderbüchern.

"Willst du ein Bonbon", fragt mich Kolja. "Klar, aber die wirst du am Ende der Radtour selbst noch brauchen." Erwachsene brauchen auf 50 Kilometern mit dem Rad nicht nur Energie, sondern auch locker zwei Liter Wasser. "Hast du genügend Wasser dabei?" Später wird Kolja in drei Gasthöfen an der Strecke Apfelsaftschorle bestellen. Aber nur ohne Kohlensäure. Dem Jungen kann man ja gar nichts mehr erklären! Und auch die Süßigkeiten werden dank kluger Planung schließlich genau bis zum Ende des Tages reichen.

Wir müssen irgendwo im Nichts aussteigen. Der Bahnhof Drahnsdorf soll geschlossen werden, obwohl er der entspannteste Einstieg zum östlichen Fläming Skate sein könnte. Letzteres geht natürlich nicht, Drahnsdorf liegt bereits im Nachbarlandkreis Dahme-Spreewald. Dass die drei Kilometer fehlender Radweg zum Fläming Skate hier nie gebaut werden, versteht sich von selbst.

Damit auch die letzten Fahrgäste nie wieder in Drahnsdorf aussteigen, wurde der direkte Weg keine 100 Meter über ein Feld ins Dorf mit einem Geländer gesperrt. Wer legal vom Bahnsteig auschecken möchte muss über eine Hochbrücke über die Gleise zur Dorf abgewandten Seite und über eine Straßenbrücke wieder zurück. Den ersten Kilometer und die ersten 30 Minuten kann man so locker rumkriegen.

Wir nehmen den sinnvollen Weg und sind mit Rückenwind schnell in Wildau-Wentdorf, wo der Radweg beginnt. Natürlich kommt hier was kommen muss: Wie viel Bar Luftdruck gehen eigentlich in einen Fahrradreifen? Wer die Daumenprobe macht, wird gerade den Unterschied zwischen einem und zwei Bar erahnen. Koljas Reifen lassen 4,5 Bar zu - die Zahl steht kaum lesbar auf der Reifenflanke. Heute sind es weniger als zwei Bar. Aufpumpen, Luftdruck messen und Kette schmieren. Mindestens einmal alle vier Wochen muss man pumpen und messen. Der Unterschied bringt Kolja und seinen Papa dem ersten Begeisterungssturm nahe.

An der nächsten 90-Grad-Kurve muss ich Kolja erklären, dass man vor Kurven leicht bremsen muss - sonst landet man unsanft auf der Wiese. Die Radwege und Fahrradstraßen des 230 Kilometer langen Fläming Skates sind perfekt. Nach den ersten Fahrübungen und kleineren Reparaturen wird nun das Rad fahren zur Nebensächlichkeit. "Kolja, möchtest Du Pflaumen probieren?" Na klar! Wir beginnen im Laufe der Radtour alle möglichen Bäume und Sträucher kennenzulernen und abzuernten: Neben Pflaumen die ersten reifen Äpfel und Birnen und natürlich Brombeeren. Später sichten wir Kartoffelfelder, Mais und Kohl. Wo und wie sonst kann ein Stadtkind so viel Natur erleben?

Im Restaurant im Ackerbürgerstädtchen Dahme ist die Kinderkarte perfekt. Kolja verputzt zwei Schnitzel zum Freundschaftspreis. Und so reicht die Energie locker bis Hohenseefeld, wo ganz zufällig ein Erwachsenentraum in Form eines neuen Kinderspielplatzes Wirklichkeit geworden ist. Die Großen bekommen zur Eröffnung Sekt, die Kleinen Limonade. Die Feuerwehr gibt mit der Wasserkanone ihr Bestes und am Kuchenfuffet haben sich Schlangen gebildet. Doch schnell hat Kolja die Rutsche, die Schaukel und das Klettergerüst durch - und möchte mehr. Mehr Rad fahren.

In Wiepersdorf wartet mit dem Schloss und dem Park noch einmal ein kleiner Höhepunkt. Inzwischen ist das Café in der Orangerie jedoch nur noch sonntags geöffnet. Es lohne sich nicht. Ob man nicht mal ein Schild an den Radweg hängen könne? Aber das habe man doch. Wir finden keines. Auch der Hinweis zum Rotkäppchenpark kommt für uns anderthalb Kilometer nach dem Abzweig zu spät. Die Gebrüder Grimm sollen hier das eine oder andere Märchen geschrieben haben. Heute reicht die Vorstellungskraft dagegen noch nicht ganz dafür, dass es auch eine nachvollziehbare Fahrradwegweisung geben muss.

"Ich sehe was, was Du nicht siehst", "Wir, das Pferderennen und der Kommentator", natürlich "Verstecken" - Kolja hat die ganze Palette von Kinderspielen drauf und steckt die Erwachsenen an. Als wir schließlich am Freibad Oehna um 18:00 Uhr ankommen, reicht die Vorstellungskraft des Badesmeisters zwei Stunden vor der offiziellen Schließzeit nicht mehr für Badegäste. So fällt die Wasserrutsche trotz angenehmer Badetemperaturen aus und es ist noch Zeit für ein letztes Restaurant.

Wir nehmen nicht den üblichen Familienzug, sondern einen später. So bleibt der Sonntagabendstress in vollen Zügen aus und wir erreichen pünktlich gegen 19:30 Uhr Berlin-Mitte. Satt, glücklich und voll mit neuen Eindrücken muss Kolja jetzt nur noch unter die Dusche und um 20:30 Uhr ins Bett. Morgen früh wartet schließlich die Schule.

Und weil's so schön war, wird es diese Kinder-Radtour auf dem Fläming Skate im Herbst 2013 noch einmal geben. Vielleicht in den Ferien? Und auch viele andere "normale" Radtouren sind für Kinder geeignet. Also am besten einfach nachfragen. Und: Keine Angst vor Kinder-Radtouren!

PS. Das mit dem Papa überlege ich mir noch mal ...

 

Hintergrund Kinder-Radtouren

  • Koljas Radtour: in der Bildergalerie www.benno-koch.de Impressionen finden

  • Radtourentermine: immer samstags und an vielen Sonntagen gibts eine Radtour für Genießer, die oft auch für Kinder geeignet sind

  • Kinder-Radtour: 50 Kilometer mit Rückenwind auf dem Fläming Skate mit einer Mail an kontakt@benno-koch.de vormerken lassen

  • Radreisen für Familien mit Kindern: alle Infos unter www.hartje.name finden

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Mail zum Thema Fahrrad, Kinder und überhaupt schicken