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Radweg des Jahres
Spur der Steine:
Zwischen Sonne und Regen
quer durch die Uckermark
unterwegs

Tour-Tagebuch Spur der Steine: Was für ein Abenteuer!

Berlin, 14. Juli 2014

Der alte Bahndamm von Templin nach Fürstenwerder ist zum bestens asphaltierten Radweg geworden. Unter dem Namen Spur der Steine führt die Piste durch die Uckermark bis an die Grenze Mecklenburgs. Am vergangenen Samstag testeten 20 Radio Eins Hörerinnen und Hörer auf 65 Kilometer diesen Radweg des Jahres und Abschnitte weiterer Radfernwege. Und auch ein Bus wird eine Rolle spielen.

Ein Traumtag war geplant. Und dann kam alles anders. Aber der Reihe nach. Die Deutsche Bahn wird im Vergleich zu ihren privaten Mitbewerbern immer besser: Der Minizug von Berlin-Lichtenberg nach Templin fuhr diesmal in Doppeltraktion, so dass nicht nur unsere 20 Räder problemlos in die Mehrzweckabteile passten, sondern auch die vielen anderen Fahrgäste. Templin hat augenscheinlich Potential.

So ging es vom Bahnhof Templin Stadt auch schnell hinaus in die Natur. In diesem Fall zum Seehotel Templin am Lübbesee. Das 1.000-Bettenhotel wird in der Werbung nie von außen gezeigt. Es sieht eben aus wie ein unsanierter Plattenbau in Marzahn.

Am schönen Strand ist dagegen mittags alles ruhig. Richtiges Badewetter ist heute nicht. Nachdem die ersten Fahrradstraßen auf den ersten Kilometern das wunderbare Gefühl des besten Verkehrsmittels Fahrrad vermittelt haben, rumpelt es nun gewaltig. Der ausgeschilderte Uferweg rund um den Lübbesee ist ein Wurzelparadies. Wanderer sind hier nicht unterwegs. Vermutlich macht der Weg zu Fuß auch keinen Spaß.

Dann werden die alten Bahngleise der einstigen Bahnlinie Templin-Joachimsthal überquert und auf einem straßenbegleitenden Radweg geht es nach Fährkrug, wo die Spur der Steine beginnt. Der marketingmäßig vielleicht etwas holprige Name gehört zum alten Bahndamm Templin-Fürstenwerder, der jetzt vom Radio Eins Fahrradexperten Benno Koch zum Radweg des Jahres erklärt worden ist.

Und tatsächlich rollt hinter dem einstigen Bahnhof Templin-Fährkrug alles bestens, ein kollektives Lächeln macht sich breit. Die Natur zwischen den Seen und Wäldern ist wunderbar. Nach gut zehn Kilometern ist dann Metzelthin erreicht. Hier ist das Reich von Frau Holle. In Form des Märchenlandes von Frau und Herrn Hollendorf.

Extra für diese Radtour hat der Hausherr am Vorabend den alten Feldsteinofen mit Holz befeuert und vom Bäcker Brotteig geholt. Die Brote wurden im Morgengrauen gebacken und sind noch warm. Und irgendwie ein bisschen Schwarz. Das mache gar nichts, versichert Hollendorf und sei normal für so einen alten Ofen.

Wir lassen uns über die neue Honigernte schlau machen. Hollendorf ist erst seit drei Jahren Imker, hat alles Zubehör gebraucht gekauft und ist voll des Lobes. Bienensterben gibt es nicht, wenn man weiß wie man sich mit den Landwirten abstimmt. Der Honig ist fantastisch.

Nun aber gibt es für jeden ein, zwei Schmalz- oder Kräuterbutterstullen. Und der Geschmack? Einzigartig! Das bisschen Schwarz bröselt schon beim Brotschneiden ab.

Im Sonnenschein geht es weiter auf dem Asphaltstreifen über die alten Bahnbrücken. Die hügligen Wälder links und rechts mit den vielen durchblitzenden See sind eine perfekte Kulisse, der Bahndamm ist vollkommen eben. Die riesige älteste Eiche der Region steht auf einer kleinen Lichtung unten im Tal und fühlt sich augenscheinlich hier genauso wohl wie wir.

Kurz vor dem Abzweig nach Boitzenburg beginnt ein ganz leichtes Sprühen im Sonnenschein. Sollte es heute doch etwa regnen? Die Hälfte der Teilnehmer hatte sich noch auf den Qualitäts-Wetterbericht vom Vortag verlassen: Es sollte Traumwetter mit 27 Grad und Sonnenschein werden.

Der Regen wurde immer stärker, die Temperatur sank auf 15 Grad. Die dünnen Hemdchen einiger Teilnehmer ohne Regenjacke waren längst durch. Mit letzter Kraft über die Hügel des straßenbegleitenden Radweges wurde der Marstall in Boitzenburg erreicht. Die Schokoladenmanufaktur begeisterte wie immer mit gutem Kaffee (bei dessen Bestellung man immer nach der Stärke gefragt wird), selbstgebackenen Kuchen und Torten.

Jetzt öffnen sich die Wolkenschleusen richtig. Das fragile Internet im ländlischen Raum droht mit viel Blau - es wird wohl am Nachmittag nass bleiben. Wir haben mit gut 30 Kilometern die Hälfte der Strecke bewältigt. Jetzt soll es runter vom Radweg des Jahres quer durch die Uckermark zum Radweg Berlin-Usedom und nach Prenzlau gehen. Vier Kilometer Schlamm auf dem Uckermärkischen Radrundweg bis Kröchlendorff wären auch dabei.

Plötzlich fällt uns der so genannte Uckermark-Shuttle ein. Dies ist ein Riesenbus mit Riesenfahrradanhänger. Kurz: Ein Fahrradbus. Dieser fährt zwei Mal am Tag auf einem riesigen Rundkurs durch die Uckermark. Meist parallel zu bestehenden Bahnstrecken und ohne verkehrliche Bedeutung: Der Bus ist immer leer.

Hier in Boitzenburg könnte er Sinn machen. Doch wer kann die Fahrzeit kurz nach Neun ohne Frühstück oder kurz nach 15 Uhr ohne Kaffee und Kuchen normalerweise gebrauchen? Die Landbevölkerung fährt Auto, der Großstadttourist steht am Wochenende nicht um Fünf auf, um dann um Neun in Boitzenburg zu sein.

Es regnet. Der Bus fährt ein. Die beiden Bushaltestellen des Dorfes nennen sich "Boitzenburger Land Schule" und "Boitzenburger Land Markt". Die eine liegt in einem Plattenbauviertel hinter einer geschlossenen Kaufhalle, die andere an einer Straße ohne Markt. Und ohne Wartehäuschen. Da wo die Touristen sind, also am Schloss und am Marstall, fährt der Bus auch vorbei. Ohne Halt.

Diesmal steigt aus dem 15-Uhr-18-Bus sogar ein Fahrgast aus. Drei weitere sitzen im Riesenbus. Dem Busfahrer seien beim Anblick der 20 Radfahrer die Mundwinkel entglitten, hieß es später. Die Türen des Busses schließen sich. Nichts rührt sich. Müsste der Busfahrer jetzt nicht aussteigen und die Fahrräder in den Hänger laden?

Ich gehe zur Fahrertür. Nach einigem Gestikulieren öffnet der Fahrer die Tür: "Guten Tag, wir möchten nach Prenzlau." "Geht nicht, da passen nur sieben Fahrräder rein." "Aber sie sind doch ein Fahrradbus und wir haben mit ihrem Kollegen vor ein paar Tagen sogar im Bus ohne Hänger acht Fahrräder mitgenommen." "Das ist verboten, das geht nicht."

Ein paar Belehrungen durch den Busfahrer später ist es mir irgendwie gelungen, den Mann aus seinem Kabuff zu locken. Draußen erklärt er am Hänger, dass er uns nicht mitnehmen könne. Plötzlich fällt einem unserer Mitfahrer ein, dass er vor zwei Tagen mit dem Geschäftsführer der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft Lars Böhme gesprochen hätte und dieser über unsere Busfahrt Bescheid wisse. Das stimmte zwar nicht und war voll gelogen, aber der Busfahrer winkelte plötzlich die Arme an, öffnete die Rolltore und ließ uns die Fahrräder einladen.

Der riesige Fahrradanhänger ist für eine Fahrradmitnahme vollkommen ungeeignet und innen mit irgendwelchen klobigen Haltern zugebaut. Sieben Fahrräder bekommt man mit modernen Heckgepäckträgern auch platzsparend am Busheck ohne Hänger weg.

Wir stapeln elf Fahrräder in den Hänger und wollen die restlichen in das vorhandene Mehrzweckabteil in den Bus laden. "Das ist verboten." "Aber die Bestimmung den Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg sehen vor, dass der Busfahrer dies selbst entscheiden könne." "Nein darf ich nicht. Außerdem könnten da Rollstühle und Kinderwagen kommen."

Die Märchenstunde des Busfahrers ging noch ein paar Minuten weiter, bis sich der Botschafter der Gastfreundschaft, des Uckermark-Tourismus und des 12-Millionen-Euro-Unternehmens UVG grußlos zurück in sein Kabuff verzog. Wäre der Tag ohne Fahrgäste nicht viel schöner? Und der Haltestellenaufenthalt nicht viel kürzer? Fördergeld gibt's ja sowieso.

Der Regen wurde weniger. Die verbliebenen Fahrradtouristen entschieden sich für eine schöne Radtour. Nicht durch den Schlamm des Uckermärkischen Radrundweges, sondern anfangs über stärker befahrene Landstraßen. Stärker befahren heißt hier zehn Autos auf drei Kilometern. Dann biegen wir nach einem kleinen Umweg auf die geplante Route zum Schloss Kröchlendorff ein. Hier ist heute große Hochzeitsfeier. Die geschätzten 40 Teilnehmer sind mit geschätzt 40 Pkw angereist und es ist erstaunlich voll auf der einspurigen Straße. Trotzdem ein beeindruckendes Spektakel.

Jetzt folgen winzige Dörfer an winzigen Straßen bis schließlich Zollchow und der Unteruckersee erreicht ist. Hier wird der Radweg Berlin-Usedom zum grandiosen Finale zur Marienkirche Prenzlau. Am Kirchenportal wartet schon unser Stadtführer Norbert Hoyer. Die Fahrräder dürfen in der Kirche parken und wir erklimmen auf mittelalterlichen Stufen einen der mehr als 60 Meter hohen Türme: Beeindruckend! Die Türme waren einmal rund 90 Meter hoch und spitz. Ein gefundenes Fressen für Blitze und Brände. Später wurden aus den spitzen Türmen kleine Häuschen für die Türmer und einem fantastischen Ausblick über die Stadt - um Brände früh zu entdecken oder zu verhindern.

Am Ufer des Unteruckersees geht es schließlich zum ersten Haus am Platze, dem See-Restaurant am Kap. Hier wartet die Besitzerin Kristine Hagenbeck bereits auf die Gruppe. Wir entschuldigen uns für die regen- und windbedingte Verspätung und erklären, wir hätten genau eine Stunde für das Essen à la carte. Kein Problem, wenn wir uns auf ein paar Gerichte beschränken. Mit Zander, Pfifferlingen, Salat und natürlich Schnitzel ist alles dabei. Und das Essen samt Ambiente ist erstklassig!

Wir sind noch elf Fahrradtouristen - der Rest ist diesmal durchnässt gleich nach Ankunft des Busses aus Boitzenburg am Bahnhof Prenzlau zurück nach Berlin gefahren. Und ist irgendwie genau darüber traurig. Als die Sonne am Unteruckersee untergeht, bekomme ich gleich drei Anrufe, wie sehr sie sich über ihre Entscheidung ärgern.

Das mit dem Wetter machen wir demnächst natürlich besser. Im leeren RegionalExpress geht es beim aufgehenden Vollmond zurück nach Berlin. Was für ein Abenteuer!

 

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