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Brocken-Radweg:
Autofrei und
bestens asphaltiert vom
Brockenplateau hinunter
nach Schierke

Tour-Tagebuch Brocken: Der Gipfel für Rad fahrende Genießer

Berlin, 18. August 2014

Wie macht man eigentlich Menschen Mut über sich hinaus zu wachsen? Indem man ihnen keine Angst macht. Sie ein ganz klein wenig an die Hand nimmt. Und ihnen verrät, wie es geht. In diesem Fall 1.000 Höhenmeter mit dem Fahrrad hinauf zum Brocken und wieder hinunter fahren. Eine Gipfelerfahrung auf Norddeutschlands höchstem Berg beschreibt eine neue Seite im Tour-Tagebuch von Benno Koch.

Die Sonne scheint. Die Luft ist milder als vorhergesagt. Der Wetterbericht der letzten Wochen macht normalerweise keinen Mut, unbeschwert den Sommer zu genießen. Vielleicht auch deshalb sind wir in den zwei kleinen Regionaltriebwagen zwischen Magdeburg und Wernigerode fast die einzigen Fahrgäste. Auch andere Fahrradtouristen sind nicht unterwegs. Doch wie so oft wird der angekündigte Regen ausbleiben.

Was vor gut zwei Jahren mit einem Experiment zu zweit ganz unscheinbar begann, hat die Neugierde ganz normaler Fahrradtouristen geweckt: Aus eigener Kraft ganz normal bergauf zu fahren. Und auf dem höchsten Berg Norddeutschlands ein ungekanntes Glücksgefühl zu erleben.

Zwanzig Radio Eins Hörerinnen und Hörer wollten es am vergangenen Samstag wissen. Mit der Brocken Experience ihre ganz persönliche Gipfelerfahrung zu erleben. Sechs Frauen und vierzehn Männer waren wie immer auf den Radtouren dieser Serie eine bunte Mischung. Von ziemlich jung bis verdammt jung geblieben. Vom "Typ Fahrradkorb" bis zum Quoten-Rennradler war das ganze Spektrum vertreten. Auch bei der Fahrradtechnik.

In der Altstadt Wernigerode ist großes Würstchenfest. Vermutlich werden die meisten Besucher zu Hause ein bisschen flunkern und behaupten, im Harz wandern gewesen zu sein. Natürlich wandert im Harz niemand. Zumindest niemand an einem Tag die 30 Kilometer von Wernigerode hinauf auf den Brocken. Schon gar nicht wieder zurück. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Wir verlassen den Trubel. Die Sonne scheint noch immer. Die Straße bis Hasserode steigt auf den ersten fünf Kilometern ganz sanft 30 Höhenmeter an. Hier werden die letzten langen Hosen und Jacken ausgezogen. Doch nicht jeder hat dem Wetterbericht misstraut. Mit einer langen Jeans den Brocken zu bezwingen, wird am Ende einen Sonderpreis verdienen.

Die Landesstraße ist ruhig. Hin und wieder tauchen ein paar Motorrad- und Autofahrer auf. Alles ist friedlich. Doch auf diesen sieben Kilometern bis Drei Annen Hohne wird es mit dem Fahrrad ernst. Die ersten 300 Höhenmeter sind zu bewältigen. Auf zwei Kilometern mit mehr als zehn Prozent Steigung. Die ersten Teilnehmer schieben. Jeder muss sich erst warm fahren und seinen Rhythmus finden.

In Drei Annen Hohne folgt dann das Übliche: Reifen auf sechs Bar aufpumpen, Ketten schmieren, klappernde Schaltungen einstellen. Auch nagelneue Fahrräder von so genannten Fahrradfachhändlern sind auf den zweiten Blick doch eher zweite Wahl. Die Fahrradindustrie verspricht noch immer gerne mehr als sie bei tatsächlicher Nutzung ihrer Produkte nachher auch halten kann.

Die Harzquerbahn steht schnaufend im nahen Bahnhof. Niemand der Fahrradtouristen steigt ein. Die nächsten 200 Höhenmeter verteilen sich bis Schierke auf sieben Kilometer. Die Steigungen werden sanfter, alle haben ihren Rhythmus gefunden. Im Café am Kurpark werden die ersten Erfahrungen ausgetauscht.

In Schierke befinden sich auch die großen Parkplätze. Ab hier trauen sich die ersten "Wanderer" aus dem Auto. Genaugenommen werden sie gezwungen. Einen Kilometer weiter ist die Straße hinauf zum Brocken für Kfz gesperrt. Der Traum auf der zehn Kilometer langen ruhigen Fahrradstraße kann beginnen. Wer zu Fuß geht, kommt mit sieben Kilometern Waldwegen auf den Gipfel. Oder steigt wie die meisten hier in die Brockenbahn.

Von Schierke bis zum Brockenplateau sind es noch einmal 500 Höhenmeter. Zunächst steigt der Asphaltstreifen durch die dichten Wälder nur sanft an. Die Szenerie aus riesigen Felsbrocken zwischen den Baumriesen ist fantastisch. Das feuchte Moos duftet und die ersten Pilze am Wegesrand sprießen in erstaunlicher Größe. Doch bis kurz unter dem Brockenplateau ist es hier so einsam, dass anscheinend niemand außer uns die ersten Steinpilze und Maronen entdeckt.

Auf der Hälfte des letzten Abschnitts wird's wieder ernst: Die Rampen sind auf einigen Hundert Metern so steil, dass sich einige Teilnehmer entscheiden zu schieben. Und später feststellen werden, dass Rad fahren auch auf steilen Abschnitten doch irgendwie leichter geht als zu Fuß zu schieben.

Jetzt tauchen die ersten Wandererpulks auf. Familienväter scheinen etwas neidisch auf die Fahrräder und ihre Fahrer zu schielen, die sich langsam aber stetig an ihnen vorbei bergauf schlängeln. Und die ersten weiten Ausblicke begeistern. Als schließlich sogar auf dem Brockenplateau bei der Zieleinfahrt die Sonne scheint, ist die Begeisterung bei allen groß. Und dabei ist es egal, dass die Ersten sich in weniger als zwei Stunden und die letzten in mehr als drei Stunden durch die Serpentinen hinauf gekämpft haben. Der Stolz, es vielleicht sogar nur mit der Gruppe geschafft zu haben, ist groß.

"Auch wenn ich bei der Brocken Experience eine ganz schön lahme Ente, sogar Schlusslicht war, hat es mir sehr viel Spaß gemacht. Jetzt freue ich mich auf die nächsten Radtouren und werde bis dahin ordentlich in die Pedale treten", freut sich eine Teilnehmerin das in der Wahrnehmung vieler Anderer angeblich Unmögliche geschafft zu haben.

Und an diesem Tag sind sich "Profis" und Anfänger so nahe wie sonst selten gekommen: "Danke nochmal für den tollen Tag. Ich habe ausschließlich nette Leute kennengelernt und so war die Tour zum Brocken um ein Vielfaches interessanter, als ein 'schnödes' Solo-Training", bestätigte der Spitzenfahrer diese Vermutung.

Die 30 Kilometer lange Abfahrt zurück nach Wernigerode war natürlich für jeden ein Traum. Auch hier musste es niemand übertreiben - Sicherheit geht natürlich immer vor.

Am Wernigeröder Markt hat sich das Würstchenfest zur Havana Club Nacht gewandelt. Umgeben von zahlreichen Cafés und Restaurants in den restaurierten Fachwerkhäusern. Die Stadt pulsiert wie kaum eine andere in Sachsen-Anhalt. Dazu passend gibt es die eine oder andere Hexenpfanne, Torten, Eis und Kaltgetränke. Serviert von ausgesucht freundlichem Personal, so dass der Abschied schwer fällt.

 

Hintergrund

  • Tipps und Infos zur Radtour auf den Brocken auf www.benno-koch.de nachlesen

  • Fotos der Brocken Experience 2014 in der Bildergalerie www.benno-koch.de ansehen

  • gpx/gps-Track der Radtour von Wernigerode zum Brockenplateau als zip-Datei (25 kb) herunterladen

  • Nächste Brocken Experience vormerken: am Samstag, 15. August 2015, alle detaillierten Infos etwa eine Woche vor diesem Termin, bereits jetzt unverbindlich vormerken lassen per Mail an kontakt@benno-koch.de