Login  

Tour-Tagebuch Westpolen: Die schöne Königin jenseits der Brücke

Berlin, 14. September 2014

 

"Eine Brücke ins Nirgendwo" titelt die rbb-Redaktion Klartext. Nirgendwo? Gemeint ist Westpolen. Bis 1945 überquerten mindestens 66 Brücken die Neiße. Die Mehrzahl wurde vor 70 Jahren zerstört. Mit der Neißewelle kommt zwischen Coschen und Żytowań jetzt eine neue Brücke hinzu. Einen unfassbar schönen Ausflug ins Nichts beschreibt eine neue Seite im Tour-Tagebuch von Benno Koch.

Was ist hinter der Brücke? Gemeint ist die Brücke über die Neiße vom brandenburgischen Coschen ins westpolnische Żytowań (Seitwann), die am 17. Oktober 2014 offiziell wiedereröffnet werden soll. Diese Frage hat öffentlich-rechtliche Medien wie den NDR oder den RBB in den letzten Wochen und Monaten beschäftigt. Deren eindeutige Antwort: Nichts. Sie ist eine von noch immer mindestens 33 alten Brücken über die Neiße, die seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht mehr nutzbar waren.

Diese Radtour hat sich am vergangenen Samstag ins Nichts von Westpolen begeben. Insgesamt rund 70 Kilometer von Bytnica (Beutnitz (Mark)) über Crossen (Krosno Odrzańskie) entlang der Oder nach Gubin (Guben). Und es war hier im Nirgendwo so vielfältig und lebendig, wie in kaum einer Region im benachbarten Ostbrandenburg.

Eine neue Regionalbahn fährt fast leer von Frankfurt (Oder) nach Zielona Gora (Grünberg). Unterwegs wird kurz hinter Rzepin (Reppen) der kleine Bahnhof Bytnica erreicht. Etwa zehn Kilometer nördlich von Krosno Odrzańskie (Crossen an der Oder). Hier wird die Landstraße gerade erneuert, ein asphaltierter Radweg gebaut.

Crossen präsentiert sich quirlig und im Aufbruch: Es gibt unzählige kleine Geschäfte, Bäckereien und Konditoreien, Restaurants - und einen kleinen Burgerbrater. Der Steakburger Spezial übertrifft die Erwartungen der Nichteingeweihten. Etwas weiter wird eine Konditorei getestet. Der Nescafé quält sich aus der Maschine und ist nicht der Rede wert. Die Torten und Kuchen sind fantastisch: Mohn mit Mandarinen und Buttercreme geht immer.

Die Stadt und ihre Nachkriegsbauten auf dem Oderberg ist bunt geworden. Ein altes Kasernenviertel ist mit einem Park zu neuem Leben erwacht. Der alte Jahrtausendpark (Park Tysiąclecia) direkt an der Abbruchkante zum Odertal ist auch bei Nebel faszinierend. Auf dem Weg hinunter zur historischen Oderbrücke sind noch einige Dreckecken unbearbeitet. 40 Jahre Kommunismus haben auch in Polen noch immer Spuren hinterlassen.

Die Altstadtinsel ist äußerlich mit Kirche, Schlossruine und ein paar Bürgerhäusern ganz ruhig. Die neue Marina ist leer, Wassertourismus ist offenbar nur teuer und überbewertet. Das Stadion nebenan ist saniert, der Rasen leuchtet liebevoll gepflegt im Sattgrün. Hier kann man als Fahrradtourist für 12 Zloty zelten und duschen. Das eiskalte Feierabendbier kommt gleich nebenan hinzu.

Doch plötzlich öffnet sich ein kleines Tor zur ganz großen Geschichte. Die Ruine des Piastenschlosses ist zu neuem Leben erwacht. Da wo Heinrich der Bärtige vor mehr als 800 Jahren herrschte, sind jetzt sogar zwei Königspaare unterwegs. Natürlich nur für ein Wochenende. Mit ihnen ist der ganze Hofstaat angetreten: Der Schmied, der Schreiber, die Bäckerin, die Schneiderin, der Imker, natürlich der Mönch, der Münzmacher, die Bogenschützen und allerlei Gesinde. Es ist ein buntes Treiben von vielleicht 30 Darstellern. Und es ist ganz exklusiv für die gleiche Anzahl Fußvolk: Ein paar Fahrradtouristen aus Berlin und ein paar Einheimische folgen der Inszenierung.

Nun geht es durch das Odertal über die Dörfer in Richtung Ratzdorf. Unterwegs hat jeder - egal ob zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto - scheinbar mindestens zwei randvoll gefüllte Eimer mit Pilzen dabei. Maronen, Pfifferlinge, Steinpilze. Das volle Programm für Feinschmecker. Der Überfluss an Steinpilzen zeigt sich gelegentlich an einem Haufen Maronen im Wald - vermutlich ausgekippt, um Platz für mehr Steinpilze zu schaffen. Wir sind begeistert von den traumhaften moosbedeckten Waldlandschaften.

Die Dörfer wie Wężyska (Merzwiese), Chojna, Chlebowo (Niemaschkleb) oder Łomy sind klein und beschaulich. Und liegen demnächst wieder in der Nähe eines Bahnhofes. Wenn die neue Neißebrücke öffnet, dann sind es selbst mit dem Fahrrad oft nur 30 Minuten bis zum Regionalexpress in Coschen. Ein Paradies für Stadtflüchtlinge wird leichter zugänglich.

Doch schon heute sind die Dörfer lebendig, auch wenn noch viele Ruinen wachgeküsst werden müssen: In jedem noch so kleinen Dorf gibt es mindestens einen Laden, der auch am Wochenende geöffnet hat. Natürlich wird am Wochenende auch gebaut und der Gemüsegarten bearbeitet. An den zahlreichen Teichen blüht der Agrotourismus - mit Dutzenden Anglern. In Chlebowo ziehen die Angler scheinbar im Minutentakt die Forellen aus dem klaren Wasser.

Nach rund 30 Kilometer ruhiger schmaler Landstraßen ist die Neißemündung erreicht. Wir stehen auf der polnischen Seite in Kosarzyn (Kuschern). "Entschuldigen Sie, gibt es hier eine Fähre nach Ratzdorf?", frage ich. Das ostbrandenburgische Dorf Ratzdorf ist vom polnischen Kosarzyn keine fünf Schwimmzüge entfernt. Doch das Wasser ist kalt und mehr als zwei Meter tief. Schmugglerpfade sind hier nicht zu entdecken. Eine Fähre auch nicht.

Ich rufe in der Tanz- und Gastwirtschaft Kajüte in Ratzdorf an: "Guten Tag, wir stehen hier zwischen Oder und Neiße und möchten gerne bei Ihnen essen kommen. Können Sie uns mit einem Boot abholen?" Natürlich geht das irgendwie nicht. Die bis 1945 hier verkehrende Fähre ist kein Bestandteil des Tourismuskonzepts. Die seit einigen Jahren ins Gespräch gebrachte Holzbrücke für Fußgänger und Radfahrer ist auch nicht zu entdecken. Warum auch, dann würde hier ja richtig Tourismus stattfinden können. Vielleicht mit einem richtigen hölzernen Aussichtsturm im Dreieck der Neißemündung und einem echten Ziel. Wer kann das schon wollen?

Ohne Fähre und ohne die noch nicht freigegebene Neißebrücke bei Coschen beträgt der Umweg nach Ratzdorf über Guben rund 45 Kilometer. Wir werden an diesem Tag kein Geld in der Kajüte lassen.

Nach gut sieben Kilometer stehen wir auf der neuen Neißebrücke. Die Brücke ist begehbar, es fehlt noch die Deckschicht. Der Bauzaun steht offen, ein Verbotsschild gibt es nicht. Eine Gefahr auch nicht. Plötzlich rennen zwei Security-Leute auf uns zu: "Spricht von Ihnen jemand Deutsch?" Aber klar doch, wir wollen doch schließlich nach Hause. Es folgt eine Belehrung, dass letzte Nacht irgendwo an der Neiße drei Audis gestohlen wurden. Was haben die mit uns oder der Brücke zu tun?

Später stellt sich heraus, dass die Audis gar nicht hier gestohlen wurden. Und vielleicht war alles ganz anders. Jedenfalls müssen wir "aus Sicherheitsgründen" wieder umkehren, obwohl wir schon fast auf dem deutschen Oder-Neiße-Radweg standen. Schließlich hat die Security einen Auftrag.

Es folgen weitere 15 Kilometer mit dem Rad durch Westpolen und zum deutschen Bahnhof Guben. Doch zuvor stehen der Turm der Stadtkirche und das Restaurant des alten Rathauses Gubin auf dem Plan. Das Bier ist eiskalt, der Fisch, das Schnitzel und der Apfelkuchen sind hervorragend. Am Espresso muss noch gearbeitet werden. Und an der Medienwirklichkeit auch: Hinter der neuen Neißebrücke Coschen beginnt genau das, was (Fahrrad-)Touristen suchen. Ein kleines Paradies.

 

Hintergrund