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Fahrradkultur in Europa - Bratislava: Rad fahren mit Miss Slovakia

Berlin, 8. Oktober 2014

Vor drei Jahren begann ein kleines Projekt namens Bike-Kitchen Bratislava zu verändern. Inzwischen ist eine Designer-Container-Siedlung in einem Park mitten in der slowakischen Hauptstadt das neue Zuhause für die junge Fahrradszene. Als eines von elf geförderten Projekten der Robert-Bosch-Stiftung und dem Programm Actors of Urban Change für eine nachhaltige Stadtentwicklung. Benno Koch hat sich eine Woche lang in der Donau-Metropole umgesehen.

Nur ein Eurocity pro Tag verkehrt zwischen Berlin und Bratislava mit einem Fahrradabteil. Führt mit dem Donau-Radweg nicht einer der erfolgreichsten europäischen Radfernwege auch durch die Slowakei? Wer am Hauptbahnhof Bratislavas aussteigt, fühlt sich in die Autoträume der 1950er Jahre zurückversetzt: Fahrradabstellanlagen gibt es nicht. Auch keine Fahrräder. Stattdessen schlängeln sich vielspurige Hauptstraßen mit freien Rechtsabbiegern ohne Radwege durch die Innenstadt. Stau gibt es trotzdem. Auch Fußgänger haben hier nichts zu lachen. Über holprige Hochbrücken und Querstraßen ohne Bordabsenkungen müssen sie sich ihren Weg bahnen.

Es ist Ende September. Tomas Peciar ist einer der Macher in der Cyklo Kuchyňa. Und er ist einer der Organisatoren der ersten Fahrradkonferenz in Bratislava. Fahrradexperten aus Wien und Berlin sind eingeladen. Auch die Bürgermeister der größten Städte der Slowakei. Milan Ftáčnik ist Bratislavas Bürgermeister und der erste Redner. Die Bilanz für den Fahrradverkehr ist kaum der Rede wert: Weniger als ein Prozent der Menschen fahren in der Stadt täglich Fahrrad - weit unter dem europäischen Durchschnitt. In Berlin werden 15 Prozent aller Wege täglich per Rad zurückgelegt.

Doch es ist Wahlkampf. Soeben ist der erste 4,5 Meter breite und vielleicht 200 Meter kurze Radweg mitten in der Stadt entstanden. An dessen Ende an der Rampe einer neuen Donaubrücke wurden Radfahrer bereits wieder vergessen. Acht Fahrspuren und freie Rechtsabbieger sind kein Angebot für durchschnittlich ängstliche Radfahrer.

Ein paar Straßen weiter ist die erste Einbahnstraße für Radfahrer in Gegenrichtung freigegeben - als Baustellenlösung. Auch auf der anderen Seite der Donau ist der Donau-Radweg seit kurzem befahrbarer. Statt parkenden Autos ist hier ein Zweirichtungs-Radweg neben der Einbahnstraße entstanden. Die Donau ist von hier allerdings nicht zu sehen.

Unterhalb der Burg Bratislava ist das Donauufer vollkommen neu gestaltet worden. Eine Art Designer-Promenade, halb Asphalt, halb teures Pflaster. Und offiziell sogar von einer Bank als Radweg gesponsert. Mit einigermaßen wilden Farbmarkierungen auf dem teuren Pflaster und riesigen Warntafeln im Abstand von 25 Metern ist dieser Radweg ein gutes Beispiel, wie schwer der Anfang der Fahrradförderung ist. Bratislava ist in seiner Entwicklung 30 Jahre den fahrradfreundlichen Städten Europas hinterher. Das hat auch der Bürgermeister erkannt.

Doch ähnlich wie vor 20 Jahren in Berlin entwickelt sich jetzt hier auch eine Fahrradszene. Seit einem Jahr ist eine Container-Siedlung in einem Park mitten in der Stadt entstanden. Das Bike-Kitchen ist jeden Mittwoch Treffpunkt Dutzender Radfahrer. Hier wird in einer Selbsthilfewerkstatt geschraubt, gekocht und vor allem ein Netzwerk aufgebaut.

Mit manchen anfangs illegalen Aktionen schmückt sich inzwischen die Stadt: Es wird Müll gesammelt, zahlreiche Bordsteinkanten mit Kaltasphalt abgeschrägt und manchmal ein Radfahrstreifen mit weißer Farbe auf einen Platz gemalt. Der später ganz offiziell nachgemalt wird. Die White Bikes, die ersten Leihfahrräder in Bratislava, sind der ganze Stolz der Community. Und die Cyklokoalícia versucht mühsam eine Struktur in die Radverkehrsplanung der Stadt zu bekommen.

Vor allem die Nähe zur Mode- und Modelszene ist hier eine ganz Besondere. Die Container neben dem Bike-Kitchen werden von Modedesignern genutzt. Und so scheinen mehr als anderswo gerade junge Frauen zu denen zu gehören, die sich als erstes mit dem Fahrrad in den Großstadtverkehr trauen.

Es ist Freitag Abend in Bratislava. Der letzte im Monat. Und wie überall auf der Welt verabredet sich die Fahrradszene zur Critical Mass. Ganz zufällig natürlich. Auch Laura Longauerová ist diesmal dabei. Die 18jährige ist soeben zur Miss Slovakia gekührt worden und darf bei der Miss World antreten. Und obwohl sie ihr Geld inzwischen mit Autowerbung verdient, fährt sie gerne Fahrrad. Zusammen mit gut 100 anderen Fahrradfahrern geht es zwei Stunden lang durch die Stadt.

Die Critical Mass ist ein kleiner Fahrradstau. Der Spaß ist unübersehbar. Endlich einmal sicher durch die Stadt radeln. Ein kleiner Junge wird an einer Kreuzung zum Tank Boy - gegen die Übermacht der Autos. Mehrfach kreuzen Polizeiwagen die Route und wundern sich ein wenig über die vielen Radfahrer. Alles ist friedlich. Schließlich wird in einer Nebenstraße eine Konzerthalle samt Szenekneipe erreicht. Es ist noch viel zu tun. Aber Bratislava hat alle Chancen eine ganz normale Fahrradstadt zu werden.

 

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