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Bitterfeld-Leipzig: Durch den Grand Canyon des Ostens

Berlin, 13. Oktober 2014 [zuletzt geändert 17.10.14 um 15:30 Uhr]

Ungeahnte Naturgewalten verändern die einstigen Tagebaulandschaften bei Bitterfeld. In den 1980er Jahren galt die Stadt als die dreckigste Europas. Inzwischen ist hier ein Naturparadies entanden, das stark von den Hochwassern 2002 und 2013 geprägt wurde. Benno Koch verrät am Samstag, 18. Oktober 2014 die schönsten Strecken rund um die Goitzsche und erstmals weiter nach Leipzig.

Bitterfeld stand schon seit einiger Zeit auf meiner Liste der spektakulärsten Neuentdeckungen. Ein Dammbruch während des Mulde-Hochwassers hatte die Stadt vor elf Jahren praktisch über Nacht zur Hafenstadt gemacht. Als im August 2002 das mehr als 13 Quadratkilometer große Restloch des einstigen Tagebaus Goitzsche innerhalb von nur drei Tagen weit über den geplanten Sollpegelstand volllief, schaffte es die Stadt wieder in die bundesweiten Medien. Das Juni-Hochwasser 2013 war hier kaum weniger spektakulär und hat die Region erneut verändert. Ein gewaltiger Canyon durchschneidet heute einen alten Kiefernwald. Wenn jetzt noch die Lachse und Bären zurückkommen, könnte dieser Ort fast an die kanadische Wildnis erinnern.

Noch erinnern einige alte Fabrikantenvillen an den früheren Wohlstand der Region. So beeindruckt die Villa am Bernsteinsee aus dem Jahre 1896 heute als liebevoll restauriertes Anwesen direkt an der Goitzsche. Im Stil der Neorenaissance war das Haus ein Geschenk eines Papierfabrikanten an seinen Sohn - und steht heute als Hotel und Restaurant jedem offen.

Doch genau jener Wohlstand war eigentlich nie weg. Bis 1993 wurden hier im einzigen industriell betriebenen Bernstein-Tagebau Deutschlands genau 408 Tonnen des "nordischen Goldes" gefördert, 600 Tonnen sollen in der zweitgrößten Bernsteinlagerstätte der Welt noch förderfähig sein.

Die Bitterfelder Altstadt ist grün, aufgeräumt und ruhig. Der Bahnhof ist hier keine Augenweide, einige Häuser im Bahnhofsviertel müssen noch saniert oder abgerissen werden. Ein verbogener Fahrradwegweiser kündigt die "Bergbaufolgelandschaft Goitzsche" an. Kilometer- oder Ortsangaben werden nicht verraten.

Im alten Rathaus am Markt befindet sich die Touristinfo. "Wie weit ist es von hier mit dem Rad nach Leipzig?", will ich wissen. Alle Gespräche verstummen. Entsetzte Blicke werden ausgetauscht. Wir sind hier im Bundesland Sachsen-Anhalt. Will dieser Fahrradtourist wirklich über die grüne Grenze nach Sachsen? Vier Tourismusmitarbeiter starren sich fragend an. "Na das sind vielleicht 35 Kilometer." "Da brauchen Sie mit dem Rad sieben Stunden." "Da werden Sie die Trampelpfade Ihrer Kollegen neben der Bundesstraße finden, sonst ist da nichts."

"Sind hier in den letzten Jahren keine Radwege neu gebaut worden? Wie lang ist denn der Radweg um die Goitzsche?", versuche ich das Eis zu brechen. Der glasklare Bergbausee grenzt heute direkt an die Altstadt und ist der touristische Hotspot der Region. "Naja, das müssen so ungefähr 23 Kilometer sein." "Nein, da hinten wird doch noch gebaut, da kommen Sie gar nicht durch."

Die Fahrradwegweisung ist auch an der Goitzsche stark überarbeitungsbedürfig. Der Radweg ist dagegen bestens asphaltiert und führt oft direkt am Ufer entlang.

Am neuen Stadthafen steht das gleichnamige Restaurant direkt am Radweg. Der Neubau mit der großen Terrasse ist von "Fahrräder abstellen verboten"-Schildern umzingelt. "Guten Tag, ich würde bei Ihnen gerne einen Kaffee trinken, aber warum darf ich denn mein Fahrrad hier nicht abstellen?" Ja irgendwie würde dann ja die Farbe am Geländer Kratzer bekommen und da an der Laterne könne ich doch mein Rad abstellen. Die Geländer sind robust, aus breiten Holzbrettern oder aus feuerverzinktem Stahl. Später erfahre ich, dass es dem Restaurant wirtschaftlich nicht gut gehen soll.

Ein paar Kilometer weiter präsentiert sich die Villa am Bernsteinsee und eine echte Almhütte an der Marina schon freundlicher - Verbotsschilder gibts hier nicht. Stattdessen fallen die ungewöhnlich vielen Segelyachten auf. Bitterfeld hat sich zum Naherholungsgebiet der Gutbetuchten aus der Messestadt Leipzig entwickelt. An richtigen Fahrradständern muss aber auch hier noch ein bisschen gearbeitet werden - die vorhandenen Felgenkiller-Rabatten zählen nicht dazu.

Später warnt ein Zettel an einem Zaun, dass ein "Weiterkommen nur bedingt möglich" sei. Kilometerweit zieht sich das Asphaltband und kein Problem erscheint am Horizont. Hier treffe ich ein sportlich aussehendes Bitterfelder Pärchen auf ihren Rädern. "Kennen Sie sich hier aus?" "Ja, wir wollen uns den Canyon angucken. Von dieser Seite sind wir noch nicht durchgefahren."

Wir erreichen die Stelle des Deichbruchs, wo noch die 320 Big Bags, Sandsäcke der übergroßen Art, liegen und die Wassermassen in Schach halten. Anfang Juni 2013 ergoss sich hier zunächst die Mulde in den Seelhausener See, der dann mit neun Meter über Normal die Deiche eines Kanals überspülte und schließlich einen mehr als 100 Meter breiten und 15 Meter tiefen Canyon durch die alten Kiefernwälder des Döberner Forstes schnitt.

Inzwischen ist der Canyon auch zur offiziellen Tourismusattraktion geworden. Aus dem Trampelfpfad entstand eine bestens asphaltierte Serpentine und führt die Steilwand hinunter. Ein neu entstandener glasklarer Bach schlängelt sich am Grund entlang. Natürlich braucht man hier nicht mehr die Schuhe und lange Hosen auszuziehen, um dann mit dem Fahrrad über Kopf ans andere Ufer zu gelangen - das Abenteuer ist im Sommer 2014 längst zivilisiert. Meine Begleiter zeigen auf ein Seeadlernest am Horizont. Zwei junge Adler soll es in diesem Jahr gegeben haben. Das Steilufer ist von hunderten Schwalbennestern durchlöchert. Ist das wirklich noch Deutschland oder vielleicht doch eine Traumlandschaft in Kanada?

Bis Delitzsch ist es nun nicht mehr weit. Die Altstadt mit ihren Häusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert blieb im Zweiten Weltkrieg unzerstört. Von Renaissance über Barock bis Gotik ist hier alles zu finden. Die Stadtmauer, fünf Türme und das Barockschloss vervollständigen das Bild. Dazwischen befindet sich versteckt ein liebevolles Café mit selbstgebackenem Kuchen.

Doch diesmal geht das Abenteuer noch weiter. Entlang der einstige Braunkohlegruben geht es an neu entstandenen Seen auf der Radroute Kohle-Dampf-Licht weiter nach Leipzig. Und dort endet diese Herbstradtour in einem der Lieblingsrestaurants dieser Radtourenserie.

 

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