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Langzeittest: 10.000 Kilometer mit dem E-Bike durch Berlin

Berlin, 15. Oktober 2014

450.000 Elektrofahrräder sollen in diesem Jahr über die deutschen Ladentische gehen. So viele wie nie zuvor. E-Mobility mit dem Fahrrad ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Im Gegensatz zum E-Auto ganz ohne öffentliche Förderung. Benno Koch hat sich langsam an das Thema herangetastet. Zuletzt hat er zwei E-Bikes in sechs Monaten auf mehr als 10.000 Kilometer bis an ihre Grenzen gebracht. Und festgestellt, dass die Großstadt plötzlich ganz klein wird.

"Das passt scho!" antwortet Franz Scherer auf meine Frage nach einem Akkuwechsel. Er hätte gerade einen Flyer getestet und wäre mit nur einem Akku 69 Kilometer weit gekommen. Flyer ist seit 1995 einer der Schweizer E-Bike-Pioniere. "Da kommst Du locker mit einem Akku rauf."

Wir schreiben das Jahr 2010 und befinden uns in Fusch an der Großglocknerstraße. Scherer besitzt hier ein kleines Sportgeschäft und betreibt eine von inzwischen 1.500 kostenlosen Akkuwechselstationen des E-Bike Verleihers Movelo. Bis zum Pass der legendären Großglockner Hochalpenstraße habe ich mir insgesamt 50 Kilometer und fast 2.000 Höhenmeter vorgenommen. Und zur Sicherheit einen Ersatzakku dabei.

Schnell ist klar, die Wahrheit wird gnadenlos. Die bis zu 12 Prozent starke Steigung verlangt auch vom E-Bike-Fahrer einiges an Kraft. Ohne treten geht gar nichts. Hundert Höhenmeter unter dem Fuschertörl ist auch der zweite Akku am Ende – nach kaum zehn Kilometern am Berg. Beide Akkus zusammen haben mich genau 33,4 Kilometer weit und 1.550 Höhenmeter hoch gebracht.

"Ich empfehle Dir die Rindsuppe mit Pinzgauer Kaspressknödel", sagt Robert Hollnack vom Wirtshaus Fuschertörl und erklärt mir den Weg zu meinem eigentlichen Tagesziel – noch 20 Kilometer weiter am Großglockner. Heute habe ich jedoch keine Chance mit leerem Akku weiterzufahren. Die Serpentinen sind steil und das E-Bike wiegt mit Wasserflasche und Ersatzakku fast 30 Kilogramm. "Wir wollen uns in diesem Jahr die Entwicklung der E-Bikes angucken, vielleicht bieten wir dann auch Wechselakkus an", sagt Robert. "Letztes Jahr waren es ganze vier E-Bikes, die es zu uns hinauf geschafft haben."

Inzwischen befinden wir uns im Herbst 2014. Seit dem kleinen Test am Großglockner ist der E-Bike-Markt förmlich explodiert. In den vier Jahren bis Ende 2013 wurden in Deutschland 1,3 Millionen Elektrofahrräder verkauft. Im Jahr 2014 sollen 450.000 Stück hinzukommen - es geht in Riesenschritten auf die 2-Millionen-Marke zu.

Bereits seit 1999 werden jene Elektrofahrräder auch Pedelecs genannt – eine Abkürzung für Pedal Electric Cycle. Mehr als 95 Prozent aller Elektrofahrräder in Deutschland entsprechen dieser Kategorie und gelten als ganz normale Fahrräder. Einziger Unterschied: Bis Tempo 25 wird man mit bis zu 250 Prozent zusätzlich zur eigenen Trittkraft unterstützt.

"Ohne staatliche Förderprogramme hat die deutsche Fahrradindustrie das Ziel der Bundesregierung übertroffen, bis zum Jahr 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf Deutschlands Straßen zu bringen", sagt Siegfried Neuberger ein wenig stolz auf der Fahrradmesse Velo Berlin. Der Ärger über die fehlende Unterstützung sei aber Vergangenheit. Neuberger ist Geschäftsführer des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV).

Massiv staatlich gefördert wurde dagegen die Elektromobilität auf vier Rädern. Mit 500 Millionen Euro allein aus dem Konjunkturpaket II kam die Entwicklung und der Verkauf von E-Autos jedoch kaum voran. Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren zum 1. Januar 2014 genau 12.156 Elektroautos in Deutschland zugelassen. Hinzu kommen 85.575 Hybrid-Kfz.

Es ist bitterkalt. Als die Fahrradmesse Velo Berlin Ende März 2013 zum dritten Mal in den Hallen unter dem Funkturm startet, sind es zehn Grad unter Null. Im tiefsten März-Winter seit hundert Jahren. Eine kleine Gruppe von Journalisten darf bereits vor Messebeginn die neuesten Modelle testen. Mit dabei sind viele E-Bikes.

Seitdem der Haushaltsgeräte-Hersteller Bosch im Sommer vor drei Jahren mit einem neuen Mittelmotor in den E-Bike-Markt eingestiegen ist, hat sich die Entwicklung rasant beschleunigt. Mehr als 50 Fahrradmarken verwenden inzwischen die Boschtechnologie. Wie es heißt, sei Bosch heute bereits Marktführer in Europa für die Ausstattung von Fahrrädern mit E-Bike-Systemen aus Motor, Akku und Bordcomputer. Eigene Fahrräder produziert das Unternehmen nicht.

Eine der Marken mit Boschmotor ist das Koga E-Lement. Der niederländische Fahrradhersteller Koga verspricht eine Reichweite von "ca. 135 Kilometern". Bosch selbst hält sich mit Aussagen wie diesen zurück. Zu unterschiedlich seien die Nutzungsbedingungen. Eine Normung wie beim Benzinverbrauch von Kraftfahrzeugen gibt es für E-Bike-Reichweiten noch nicht.

Wer jedoch lange und tief unten in den Datenblättern auf der Bosch-Website sucht, wird irgendwann ein erstaunliches Papier entdecken. Mit dem aktuellen Akku "PowerPack 400" komme man im "Turbo"-Modus und unter „erschwerten Bedingungen“ genau 40 Kilometer weit. Im "Tour"-Modus sind es 20 Kilometer mehr. Zu diesen erschwerten Bedingungen zählt ein Gesamtgewicht von Fahrer und Gepäck von mehr als 85 Kilogramm, Gegenwind, Steigungen und Temperaturen unter zehn Grad Celsius.

Jetzt will ich es wissen. Bei einer Größe von 182 Zentimetern wiege ich 78 Kilogramm. Angeblich mein Normalgewicht. Hinzu kommen meine Fahrradtasche mit Notebook, Wasserflasche, Panzerkabelschloss, GPS-Gerät, Kamera, Regenjacke, Ministandpumpe und anderen Kleinigkeiten. Zehn Kilogramm kommen da locker zusammen – insgesamt also rund 88 Kilogramm. Da auf einer Strecke täglich mit Sicherheit Gegenwind herrscht, bin ich nach den Vorstellungen der E-Bike-Hersteller also immer am Rande von Extrembedingungen unterwegs.

In den vergangenen Jahren habe ich mehr als zehn verschiedenen E-Bikes im Alltagsverkehr getestet: Mit der Flyer X-Serie, einem schicken Mountainbike, den Nationalpark Hohe Tauern durchquert. Auf einem Kalkhoff Agattu das Kleinwalsertal entdeckt. Durch die Steiermark und auf dem Mur-Radweg natürlich ein Steirerbike genutzt. Von Königs Wusterhausen in den Spreewald au dem Dahme-Radweg ein Flyer der C-Serie an seine Grenzen gebracht. Und schließlich vom Oderbruch hinauf in die Berge rund um Bad Freienwalde mit einer Hercules Roberta unterwegs – eine Herrenvariante wurde vom E-Bike-Verleiher leider nicht angeboten. Ein paar tausend Kilometer kamen so zusammen.

Doch ein Langzeittest im Alltag fehlte noch. Mit dem Koga E-Lement sollten es quer durch Berlin und das Umland am Ende fast 3.000 Kilometer werden – in nur zwei Monaten. Und um es vorweg zu nehmen: Mit einem Großstadtgefühl, wie es mit keinem anderen Verkehrsmittel möglich ist.

Es ist der 23. März 2013. Das Thermometer startet am Morgen mit minus zehn Grad Celsius. Vom strahlend blauen Himmel zeigt sich die Sonne erstmals seit Monaten wieder in ihrer ganzen Schönheit. Von Berlin aus soll es rund 90 Kilometer in den Nationalpark Unteres Odertal gehen. Im Winterhalbjahr ist es besonders schön, wenn hier tausende Zugvögel wie Singschwäne und Wildgänse rasten. Natürlich ist der Akku für diese Betriebstemperatur zugelassen und soll bei vergleichbarem Gewicht auch im Winter 30 Prozent leistungsfähiger als das Vorjahresmodell sein.

Bereits in der ersten Schneewehe ist Schieben angesagt – trotz Spikesreifen und 250 Prozent Unterstützung durch den Elektromotor. Später wird der Asphalt des Oder-Neiße-Radweges fast wie im Sommer befahrbar sein. Im "Eco"-Modus mit nur 30 Prozent Zusatzkraft durch den Motor ist dennoch nach 45 Kilometern Schluss. Soll es das wirklich gewesen sein?

Das Koga E-Lement ist mit knapp 25 Kilogramm immer noch rund zehn Kilo schwerer als ein "normales" Fahrrad. Ich beginne es in den Alltag einzubauen. Plötzlich merke ich, wie eng meine Kellertreppe ist. Nachts ein 2.649 Euro teures E-Bike vor der Haustür abzustellen findet keine Versicherung gut. Und erstaunlich viele U- und S-Bahnhöfe haben noch immer keine Rolltreppen und Fahrstühle. Kann man wirklich in einer Stadt wie Berlin alle Wege nur mit dem Fahrrad zurücklegen? Ohne Auto und ohne U-Bahn? Also wenn man zum Beispiel jeden Tag vom Stadtrand in Hönow nach Berlin-Mitte 20 Kilometer hin und 20 Kilometer zurück unterwegs ist?

Nach einigen Tagen entwickle ich vollkommen neue Strategien. Plötzlich fahre ich lange Strecken mit dem E-Bike, die ich vorher nie mit dem Fahrrad gefahren wäre. Morgens in der Rushhour wähle ich nun nicht mehr den kürzesten, sondern den grünsten und ruhigsten Weg. Staus gibt es nicht, Treppen steigen und Warten auf die S-Bahn auch nicht. Mit einer garantierten Durchschnittsgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde bin ich immer schneller als mit dem Auto. Die Fahrt mit dem E-Bike zwischen zwei Terminen ist immer auf die Minute kalkulierbar – auch bei Gegenwind und Halt an jeder roten Ampel. Gesunde Bewegung, die den Kopf frei macht, inklusive. Und eine Werbung wird wirklich Wirklichkeit: Nie mehr verschwitzt ins Büro kommen. Im Gegenteil: Man muss sich wärmer anziehen.

Mit den steigenden Temperaturen wird auch die Reichweite des Akkus größer. Zwischen knapp 70 und gut 90 Kilometern sollte nun eine Akkuladung reichen. Weniger als in der Werbung versprochen, aber deutlich mehr als es noch vor drei Jahren Standard war. Nach rund zwei Monaten werde ich am Ende fast 3.000 Kilometer mit dem E-Bike unterwegs gewesen sein. Ziemlich genau 50 Kilometer pro Tag und damit 1.500 Kilometer pro Monat.

Und in Berlin fallen E-Bikes noch immer auf. Mitten auf der Schlossstraße spricht mich ein Mopedfahrer an und ist begeistert. Vor dem Copyshop am Strausberger Platz will ein Student jede Einzelheit der Ausstattung wissen. Der Geschäftsführer aus Helsinki kann es gar nicht glauben, dass ein Elektrofahrrad so unauffällig aussehen kann. Die Zahnarzthelferin klagt, dass sie mit dem Auto doppelt so lange zur Praxis nach Baumschulenweg unterwegs ist wie ich mit dem E-Bike. Der frisch gebackene Ingenieur erzählt, dass er für die 15 Kilometer zur Arbeit endlich ein E-Bike kaufen möchte. Und der Rennradfahrer auf der Landberger Allee gibt nach fünf Kilometern entnervt auf.

Es ist Sommer 2013. Das neue KTM itero Power ist ein Hingucker. Nichts erinnert mehr an die Unisex-Tiefeinsteiger früherer E-Bikes. Im Gegenteil: "Guck mal Papa, ein KTM." Ein E-Bike, das mit Sport verbunden wird. Eine ganz neue Erfahrung. In den nächsten Monaten sollen weitere 7.000 Kilometer in meinem E-Bike-Langzeittest dazu kommen.

Ich fahre jetzt doppelt so viele Kilometer mit dem E-Bike wie mit meinem "normalen" Fahrrad. Schon mit 12.000 Kilometern pro Jahr lag meine Jahresleistung mit dem Fahrrad im Bereich der durchschnittlichen Strecken, die andere mit dem Auto zurücklegen. Jetzt sollten es insgesamt 10.000 Kilometer mit dem E-Bike in sechs Monaten werden - fast doppelt so viele, verteilt auf zwei Jahre.

Apropos Sport: Am Ende des E-Bike-Tests ging es zurück auf mein altes Reiserad. Ohne Motor. Und es fühlte sich irgendwie anders an. Irgendwie leichter. Meine Fitness hatte offenbar einen neuen Höhepunkt erreicht. Vielleicht wie beim Spinning im Fitnessstudio: Mit weniger Kraft höhere Trittfrequenzen erreichen. Ohne Leistungsabbau. Plötzlich waren 50 Kilometer mit dem Rad auch ohne E im Alltag eher die Regel als die Ausnahme. Das E-Bike als ungeahntes Fitnessgerät.

Plötzlich wird die Großstadt ganz klein. Ganz ohne staatliche Förderung. Sogar ohne politischen Druck. Nur mit einem einfachen Fahrrad. Und einem kleinen Elektromotor.

 

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