Login  
/uploads/GT/3T/GT3TJUxJ3iitTLJt0kxyyQ/Radio_Eins1.jpg

Radio Eins: Fahrradstadt Berlin - die Basics

Berlin, 22. Oktober 2014

Rund 2,5 Millionen Fahrräder soll es in Berlin geben. Doppelt so viele wie Pkw. Drei Wege legt jeder Berliner pro Tag im Durchschnitt mit verschiedenen Verkehrsmitteln zurück. Ein Weg ist im Durchschnitt 6,9 Kilometer kurz. Die ideale Fahrradentfernung. Benno Koch erklärt die Fahrradstadt Berlin für Einsteiger und Fortgeschrittene. Am Mittwoch kurz nach Elf live auf Radio Eins.

Mittwoch vor einer Woche war es wieder soweit: Schutzblech an Schutzblech quälte sich eine endlose Fahrradschlange vom Alexanderplatz über die Karl-Marx-Allee und die Frankfurter Allee stadtauswärts. Während nebenan auf der Straße mindestens drei Fahrspuren pro Richtung vorhanden sind, müssen sich Radfahrer mit einer Spur begnügen. Mit Benutzungspflicht. Anderthalb Meter breit, holprig und nur ein Sechstel der Fläche der Fahrbahnen nebenan. Überholen mit Sicherheitsabstand ist unmöglich. Was bei einem Bahnstreik für jeden sichtbar wird, ist auch an ganz normalen Tagen für Radfahrer Alltag. Gleichberechtigung sieht anders aus.

Berlin hat sich viel vorgenommen. Als im Jahre 2004 erstmals das Wort Fahrradstadt offiziell als Ziel genannt wurde, folgten nicht nur ein eigenes Logo dafür, sondern eine ganze Radverkehrsstrategie. Tatsächlich fahren zehn Jahre später für jeden sichtbar deutlich mehr Berliner Fahrrad. Auf manchen Straßen wie der Kastanienallee in Mitte und Prenzlauer Berg sind es sogar deutlich mehr als Autos. Doch während letztere Kfz mit tausenden Zählschleifen systematisch gezählt werden, gab es bis jetzt keine einzige automatische Radverkehrszählstelle an Berlins Straßen.

Warum sind exakte Zählungen im Straßenverkehr eigentlich so wichtig? Weil jede Investition damit und den daraus folgenden Verkehrsprognosen begründet wird. Alleine die zurzeit im Bau befindlichen Großprojekte der Stadtautobahn A100 auf 3,2 Kilometern in Treptow und die Verlängerung der U-Bahnlinie U5 um 2,2 Kilometer in Mitte werden zusammen rund eine Milliarde Euro kosten. Hinzu kommen die laufenden Betriebskosten.

Dabei werden immerhin 13 Prozent aller Wege in Berlin mit dem Fahrrad zurückgelegt. Mehr als doppelt so viele wie Anfang der 1990er Jahre. Und wahrscheinlich liegen die Zahlen noch wesentlich höher - für Ende 2014 sind die neuesten Daten angekündigt. Aus Befragungen und händischen Zählungen.

Dagegen sehen die tatsächlichen Ausgaben für den Fahrradverkehr in Berlin bescheiden aus: Jenseits aller Ankündigungen waren es zum Beispiel im Jahre 2012 im Ergebnis ganze 4,3 Millionen Euro. Für Neubau und Unterhaltung zusammen. Im Jahre 2008 waren es mit dem bisher höchsten Wert immerhin noch 7,55 Millionen Euro.

Doch können Investitionen alleine mehr Gleichberechtigung fürs Fahrrad bringen? Bis 1998 mussten Radfahrer in Berlin jeden Radweg nutzen, egal wie schmal, unübersichtlich und holprig er war. Es galt eine allgemeine Benutzungspflicht. Mit der Einführung der Reichs-Straßenverkehrs-Ordnung am 1. 10. 1934 wollten die Nationalsozialisten zu den Olympischen Sommerspielen 1936 "dem staunenden Ausländer" zeigen, dass der "Kraftfahrer nicht nur auf Autobahnen, sondern auf allen Straßen durch Radfahrer freie, sichere Bahn findet", hieß es in einer Pressemitteilung des Reichsverkehrsministeriums. Diese Zeiten sind eigentlich lange vorbei.

Das Ergebnis war nicht nur eine Verdrängung des Fahrradverkehrs von der Fahrbahn. Baulich angelegte Radwege und deren Benutzungspflicht waren teuer erkauft: 81 Prozent aller schweren und tödlichen Fahrradunfälle in Kreuzungsbereichen wurden von der Berliner Polizei auf jenen baulichen Radwegen registriert.

Inzwischen sind benutzungspflichtige Radwege die Ausnahme. Mit der Änderung der Straßenverkehrsordnung 1997. Der so genannten Fahrradnovelle. Nur noch 25 Prozent aller Radwege in Berlin müssen benutzt werden. Gegen den Rest wird nach und nach erfolgreich geklagt. Selbst einige Fahrlehrer, Taxifahrer und Polizisten scheinen die letzten 17 Jahre irgendwo im Tiefschlaf verbracht zu haben und sind noch im Jahr 2014 überrascht, wenn Radfahrer ihr ganz normales Straßenverkehrsrecht wahrnehmen und die Fahrbahn nutzen.

Und genau hier auf der Fahrbahn gibt es sogar ein kostenloses Mittel zur Fahrradförderung: Das auschließliche Überholen von Radfahrern durch Autofahrer immer auf der zweiten Spur oder der Gegenfahrbahn. Denn nichts anderes bedeutet die Regel mindestens 1,5 Meter seitlichen Sicherheitsabstand beim Überholen einzuhalten. Hinzu kommen nämlich die Spurbeite eines Fahrrades von 1,0 Meter und ein seitlicher Sicherheitsabstand von 0,8 Metern zu parkenden Autos. Macht zusammen 3,3 Meter ab Bordsteinkante.

 

Hintergrund