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Warthemündung: Birdwatching im Amazonas des Ostens

Berlin, 28. Oktober 2014 [zuletzt geändert 31.10.14 um 22:00 Uhr]

Scheinbar unendliche Weiten beginnen an der Warthemündung östlich der Oder. Der erste Abschnitt des Warthe-Radweges auf einem Deich ist ausgebaut worden. Gleich nebenan rasten in diesen Tagen zehntausende Kraniche. Benno Koch verrät am Sonntag, 2. November 2014 die schönsten Strecken durch Westpolen im Altweibersommer.

Einen Fahrradwegweiser vom Bahnhof gibt es nicht. Wer jedoch den ersten Abzweig gefunden hat, ist kurz darauf im von Nebelschwaden durchzogenen Naturparadies. Doppelt so breit wie der Nationalpark Unteres Odertal, 50 Kilometer nordwestlich der Warthemündung, erinnert das Delta des offiziell 808 Kilometer langen Flusses eher an den Amazonas. So unentdeckt, dass selbst die Nationalparkverwaltung des Park Narodowy Ujście Warty auf Nachfrage nicht sagen konnte, wer nun den neuen Deichweg gebaut hat.

Es wird immer einsamer. Die Warthe führt zurzeit viel Wasser. Bis zum Horizont erstrecken sich in allen Richtungen die Schilfgürtel. Hin und wieder halten Seeadler und andere Raubvögel Ausschau nach Beute. Am Deich tummeln sich die Waschbären. Aus dem Röhricht hört man hin und wieder Warnrufe. Am anderen Ufer grasen Rinder auf endlosen Weideflächen.

Nach zwei Stunden taucht plötzlich im Nichts eine Gierfähre auf. Nichts und niemand scheint hier zu sein. Doch auch für ein Fahrrad geht es kurz darauf nur von der starken Strömung angetrieben über den Fluss. Es ist fast lautlos. Nur die riesigen Kranichkolonien am anderen Ufer sind nicht zu überhören. Und dann verzaubert der erste Sonnenstrahl die Landschaft.

Das Südufer der Warthe ist anders. Hier führen schmale Straßen durch winzige Dörfer, die einmal exotische Namen wie Jamaika, Ceylon, Hampshire, Pensylvanien, Maryland oder Neu Amerika trugen. New York und Florida waren auch dabei. Zwischen 1763 und 1767 ließ Friedrich II. auch das Warthebruch trockenlegen, um neues Land zu gewinnen. Zehn neue Dörfer und 37 Weiler waren so entstanden.

Das wirkliche Vogelparadies befindet sich außerhalb des Nationalparks. Endlose Maisfelder erstrecken sich entlang der schmalen Straßen. Links und rechts der Wassergräben sammeln sich zehntausende Kraniche auf den halb abgeernteten Feldern. Hier wird klar, was mit Bio-Kraftstoff wirklich gemeint sein könnte. Von den tausenden Birdwatchern, die sich gewöhnlich mehr als 100 Kilometer entfernt gerne an den Linumer Teichen treffen, praktisch unentdeckt.

Dann taucht am Horizont die restaurierte Schinkelkirche und der Nationalparkort Słońsk (Sonnenburg) auf. Das Residenzschloss aus dem 17. Jahrhundert prägt als Ruine die Ortsmitte. Die einstige Bahntrasse nach Kostrzyn (Küstrin) ist längst stillgelegt und soll bereits seit vielen Jahren zum Radweg ausgebaut werden. Doch noch tut sich hier nichts, auf der offiziellen Strecke des Europaradweges R1, der in Polen ausschließlich auf (meist mehr oder minder ruhigen) Landstraßen rund 650 Kilometer bis zur russischen Grenze vor Kaliningrad (Königsberg) verläuft.

Doch etwas abseits des Ortes und von Touristen eher unentdeckt überrascht ein neues Restaurant mit seiner frischen Küche. Vor der Tür erinnern Kamele und Ramses-Statuen ein bisschen an Kairo. Es muss ja schließlich nicht immer Amerika sein. Auf einer 50 Kilometer kurzen Radtour für Genießer.

 

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