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Kastanienallee: Fahrradverkehr an den Rand gedrängt

Berlin, 5. November 2014

Die von der Verkehrslenkung Berlin angeordneten Radwegbenutzungspflichten werden aufgehoben, heißt es lapidar in einem Urteil des Verwaltungsgerichts. Gemeint ist die Kastanienallee im Bezirk Pankow. Es ist eine der am stärksten von Radfahrern genutzten Straßen Berlins. Benno Koch hat eine kleine Bestandsaufnahme gemacht.

Es war eine Niederlage mit Ansage: Wie schafft man es 7.000 Radfahrer pro Tag sicher und konfliktarm in der Verkehrsplanung zu berücksichtigen? Auf einen Meter schmalen Radwegen über Haltestellenkaps durch wartende Tram-Fahrgäste hindurch? Der Bezirk Pankow hat den Umbau der Kastanienallee seit mehr als drei Jahren vorangetrieben. Noch bevor die letzten Baustellen verschwunden sind, scheint der Wunsch der Planer bereits gescheitert: Die Führung des Radverkehrs über die neuen Haltstellenkaps "schaffe eine neue, erhöhte Gefahrenlage", heißt es im Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts vom 29. September 2014. Die Radwegbenutzungspflicht wird aufgehoben.

Wer Anfang November 2014 mit dem Rad durch den Straßenzug Weinbergsweg-Kastanienallee fährt, durchquert zwei vollkommen verschiedene Welten.

Vom Rosenthaler Platz kommend geht es zunächst durch den Bezirk Mitte. Seit genau sieben Jahren sind hier Fahrradsymbole zwischen den Straßenbahnschienen markiert. Damals im Jahre 2007 hatte die Zahl der Fahrradunfälle im gesamten Straßenzug bis zur Schönhauser Allee mit 52 Fällen einen Höchstand erreicht.

Im vergangenen Jahr waren es mit 27 nur noch halb so viele. Die Fahrradsymbole signalisieren, dass Radfahrer hier berechtigterweise zwischen den Schienen fahren und so einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu den parkenden Autos halten. Die Straßenbahn kann Radfahrer hier ohnehin nicht überholen, Autofahrer sind in der Minderzahl.

Die Straße ist das, was man eine Fahrradstraße nennt, Radfahrer sind in der Mehrzahl und dürfen auf diesen zu zweit nebeneinander fahren. Das Land Berlin hat die offizielle Anordnung des StVO-Zeichens "Fahrradstraße" bisher abgelehnt.

Nördlich der Schwedter Straße ändert sich das Bild. Hier beginnt der Bezirk Pankow und auf 250 Metern ein neu gestalteter Abschnitt: Der Bürgersteig wurde verschmälert und zwischen den rechts parkenden Autos und der links vorbeifahrenden Straßenbahn ein Angebotsstreifen für Radfahrer markiert. Quer über drei Haltestellenkaps von 40 Metern Länge wurden jeweils einen Meter schmale Radwege gebaut. Mit Benutzungspflicht.

Noch immer sind hier Radfahrer in der Mehrheit. Doch das Gesamtbild ist hektischer und konfliktreicher geworden: Sich öffnende Autotüren blockieren den Radweg fast vollständig. Wenn gleichzeitig eine Straßenbahn mit Tempo 50 - so das Ziel des Umbaus - die vielen Fahrradfahrer überholt, wird es mehr als eng. Das rund 1,50 Meter schmale Lichtraumprofil lässt keine Sicherheitsabstände zu.

Tatsächlich wird auch die Radspur zum Parken in zweiter Reihe, zum Wenden oder auch nur mit breiten und langen Transportern in Einfahrten alle paar Meter blockiert. Hinzu kommen Bauzäune. Und auf den Haltestellenkaps Fußgänger.

"Für dem Umbau der Kastanienallee wird Geld rausgeschmissen. Und die Straße ist danach gefährlicher", befand Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse bereits 2011. Der Inbegriff der Roadmovies, Filmregisseur Wim Wender (Paris, Texas) schloss sich dem Protest gegen den Umbau an: "Ich finde, die Bürger haben vollkommen recht. Ich mag die Kastanienallee so, wie sie ist." Und die kanadische Electroclash-Sängerin Peaches rockte im Mai 2011 gleich die ganze Kastanienallee.

Genutzt hatte das alles nichts. Erst ein einzelner Radfahrer stoppte mit seiner Klage vor dem Berliner Verwaltungsgericht letztlich das offensichtliche Ziel des Umbaus, Radfahrer an den Rand zu drängen. Das Gericht hob Ende September die Benutzungspflicht der Radwegabschnitte über die Haltestellenkaps auf.

Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig: "Die Urteilsbegründung wird derzeit geprüft und erst nach Abschluss der Prüfung können entsprechende Konsequenzen abgeleitet werden", sagt Petra Rohland, Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

 


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