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Fahrradwinterreifen: Fast wie im Sommer unterwegs

Berlin, 3. Dezember 2014

Der meteorologische Winter hat längst begonnen. Seit ein paar Jahren sind richtige Winter mit Schnee und Eis auch in der Hauptstadtregion zurück. Jetzt steht der erste Schneetag in Berlin kurz bevor. Mit dem richtigen Grip kein Problem. Denn gerade im Winter fahren immer mehr Menschen Rad. Benno Koch in den vergangenen Jahren verschiedene Fahrradwinterreifen getestet und eine kleine Bestandsaufnahme gemacht.

Klimaforscher Mojib Latif wusste es bereits 1997: Wir erwarten 20 kalte Winter. Dass es dann zumindest bis 2006 doch irgendwie ganz anders kam, ist eben eine ganz kleine Ungenauigkeit im großen Klimakatastrophengeschäft. Spätestens im März-Winter 2013, mit bis zu minus 20 Grad und Mengen von Schnee und Eis in Berlin und Brandenburg, stellte sich für immer mehr Fahrradfahrer die Frage: Kann man im Winter wirklich Rad fahren?

Benno Koch hat seit 2006 verschiedene Fahrradwinterreifen getestet. Fazit: Es geht, häufig sogar sehr gut, aber es fehlen Informationen.

Hauptstraßen im Winter normal befahrbar

Der Normalfall der Straßensituation in Berlin und Brandenburg ist bereits am Tag des Schneefalls eindeutig: 90 Prozent der jeweiligen Strecke sind in kürzester Zeit mit Profistreu durchgesalzen und fast wie im Sommer befahrbar. Ausnahmen: Radwege, Grünanlagen, wenig befahrene Nebenstraßen und Gehwege. Wer also im Winter aufs Rad steigt, hat im Normalfall nichts Außergewöhnliches zu befürchten.

Keine Benutzungspflicht von Radwegen bei Schnee und Eis

Radwege und Radspuren sind allerdings tabu und müssen auch nicht benutzt werden, falls sie nicht von Schnee und Eis geräumt sind. Auch ein wichtiger Eindruck wurde in diesem Schneewinter wieder bestätigt: Autofahrer halten Sicherheitsabstände beim Überholen von Radfahrern bei Schnee und Eis häufiger ein als im Sommerhalbjahr. Das Überholen auf der Gegenfahrbahn ist also gar nicht so schwer.

Bleibt ein Rest von meist nur zehn Prozent der Strecke, auf der vor allem die Fahrradreifen den richtigen Grip haben müssen. Frischer Schnee ist in den ersten Tagen genauso unkompliziert durchfahrbar wie eine festgefahrene Schneedecke. Allerdings hört auch hier der Spaß bei mehr als zehn Zentimetern Schneehöhe schnell auf.

Schwieriger wird's auf Strecken mit Fußspuren oder wenigen Fahrspuren im Schnee. Gegen das Wegrutschen aus der Spur und das Einbrechen in den oft einmal angetauten und wieder gefrorenen Schnee hilft nur äußerste Konzentration. Auch Spikesreifen bringen hier keine ernstzunehmende Verbesserung.

Glatteis ist die seltenste Variante, aber mit guten Fahrradwinterreifen beherrschbar. Normalerweise sind solche Strecken aber die absolute Ausnahme, es sei denn, man sucht extra den Kick zum Beispiel auf den überfrorenen Polderwiesen im Unteren Odertal.

Fahrrad-(Winter-)Reifen im Langzeittest

Im Winter 2005/2006 kam das erste Mal seit vielen Jahren wieder so etwas wie ein echtes Wintergefühl in Berlin und Brandenburg auf. Längere Zeit mit Schnee und Eis waren damals für mich der Grund, meine ersten Spikes-Fahrradreifen zu kaufen. Die Auswahl und vor allem die Verfügbarkeit beim Platzhirschen Schwalbe (Ralf Bohle GmbH) zum Thema Winter hielt sich damals noch in sehr engen Grenzen.

Schwalbe Snow Stud

Ich entschied mich für einen Snow Stud mit 120 kleinen Stahlnägeln. Das Produkt gibt es heute nicht mehr, ist aber durch eine größere Palette von Spikesreifen abgelöst worden. Vergleichbar mit der Anzahl der Spikenägel ist heute der Schwalbe Winter.

Den Snow Stud habe ich seit 2006 drei Mal aufgezogen, zuletzt im März 2013 zum Vergleichstest. Auf einer Strecke von 90 Kilometern, von der Berliner Stadtgrenze in den Nationalpark Unteres Odertal, waren knapp die Hälfte der Strecke schwarzer Asphalt, der Rest schneebedeckt oder auf einigen Abschnitten mit glatten Eisflächen. Gegenüber meinem aktuellen Reifen ohne Spikes gab es keine wesentliche Verbesserung beim Grip, aber massive Nachteile beim Rollwiderstand.

Schwalbe Marathon XR

Nach dem Snow Stud folgten einige Winter mit dem Schwalbe Marathon XR. Kein beworbener Winterreifen, aber für viele Radfahrer auf dem Weg zur Arbeit auch im Winter ein verbreiteter Reifen. Der Grip war normal in allen Situationen, eine gute Mischung aus Sicherheit und leichtem Lauf.

Schwalbe Extreme

Irgendwann im November 2010 folgte dann mit dem damals neuen Schwalbe Extreme der nächste Langzeittest. Neu am Extreme waren vor allem feine Lamellen in der Oberflächenstruktur, die einen bis dahin unerreichten Grip zur Folge hatten. So wurde der Schneewinter 2010/2011 mein erster Winter, in dem ich fast wie im Sommer unterwegs war. Pro Monat kamen so 500 bis 1.000 Kilometer auch auf Schnee und Eis zusammen. Und bei Tempo 30 extrem leichtläufig und häufig in den ersten Schneetagen schneller als die meisten anderen Verkehrsteilnehmer mit dem Auto.

Schwalbe Mondial

In der Reihe der hochwertigen Fahrradreifen von Schwalbe für den Reisebereich ist der Mondial seit 2012 eine Art Nachfolger des Extreme und des XR.

Die Laufeigenschaften auf Asphalt sind sehr spitz und eher ungewohnt. Auf feuchtem Kopfsteinpflaster hält sich der Fahrspaß in engen Grenzen. Die glatte lamellenlose Oberfläche sorgt für weniger Grip und gelegentlich auch eine Schrecksekunde.

Schwalbe Marathon Winter

Mit 240 Spikes in der Standardgröße 42-622 für 28 Zoll Laufräder präsentiert sich der Schwalbe Marathon Winter mit zuverlässigem Grip. Der Hersteller wirbt mit "voller Kontrolle auf eisglatter Straße" und "selbst extreme Kurvenlagen und heftige Bremsmanöver sind gut beherrschbar".

Und tatsächlich wurde mein Interesse im März-Winter 2013 an Spikes-Reifen neu geweckt und nicht enttäuscht. Auch beim kurzen Winter-Intermezzo im Januar 2014 überzeugte der Marathon Winter als bis dahin bester Fahrradwinterreifen. Fazit: Inzwischen ist man mit den richtigen Fahrradreifen auch im Winter fast wie im Sommer unterwegs.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Spikes

Was sind eigentlich wirkliche Fahrradwinterreifen? Anders als im Kfz-Bereich, wo mit weichen Gummimischungen und Lammellen gearbeitet wird, sind Spikes für Fahrradreifen nicht verboten.

Die Spikes aus Hartmetall halten nach Herstellerangaben "einige tausend Kilometer". Das Radfahren auf Schnee, Eis und "schwarzem" Asphalt ist mit Spikes kein Problem. Da die Reifen je nach Oberfläche mit bis zu 5 Bar Luftdruck gefahren werden dürfen, ist der Rollwiderstand im Vergleich zu Reifen ohne Spikes zwar höher, aber nicht mehr so gravierend wie noch vor ein paar Jahren. Was geblieben ist, sind die deutlich hörbaren Laufgeräusche auf Asphalt. Also im Zweifel auch im Winter öfter mal die Reifen wechseln - wenn die nächste längere frostfreie Witterungsperiode ansteht.

Und was die allgemeinen Gefahren betrifft: An 95 Prozent aller Straßenverkehrsunfälle in Deutschland sind Fahrradfahrer nicht beteiligt. Auch im Winter nicht.

Statistisch gesehen ist das Winterhalbjahr für Fahrradfahrer sicherer: Während auf dem Höhepunkt des Jahres im Juli 2013 bundesweit 11.239 Fahrradunfälle registriert wurden, waren es im November 2013 nur noch 4.671. Wie das Statistische Bundesamt auf Nachfrage mitteilt. Der tiefste Stand war im Februar 2013 mit nur 2.052 Fahrradunfällen erreicht.

Viele Fahrradfahrer wissen das. Und so steigt der Fahrradanteil auch im Winter zumindestens im Alltag auf dem Weg zur Arbeit. Noch immer kein Marketingerfolg der Fahrradbranche oder der Politik, sondern die einfache Abstimmung mit den Rädern.


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