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Wien: Automatische Radverkehrszählstellen mit Rekord

Berlin, 15. April 2015

Bereits seit 2002 werden Fahrradfahrer in Wien automatisch gezählt. Mit einem neuen Rekord im vergangenen Jahr. Zählungen in Echtzeit und daraus folgende Prognosen des Kfz-Verkehrs waren dagegeben schon immer Grundlage für Milliardeninvestitionen und neue Forderungen der Automobillobby. Mit Schlagwörtern wie einer Fahrradsaison oder gänzlich fehlenden Zahlen darf sich der Fahrradverkehr bis heute hinten anstellen. Benno Koch hat sich die aktuellen Daten aus Wien angesehen.

Es ist Freitag, der 7. November 2014. Eine endlose Schlange von Radfahrern ist auf dem Radweg an der Frankfurter Allee stadteinwärts unterwegs. Wieder einmal hatte die Lokführer-Gewerkschaft GDL die Berliner S-Bahn und den Regionalverkehr bestreikt. Mehr als sonst stiegen die Berliner aufs Fahrrad um. An den Kreuzungen rund um den Alex stauten sich bis zu 40 Radfahrer pro Richtung vor den Ampeln. Zufällig habe ich an diesem Morgen einen Termin in der Pressestelle der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin. Ob es denn heute spezielle Radverkehrszählungen gäbe, will ich wissen. Nein, lautet die schlichte Antwort. Dass es immer mehr Fahrradverkehr gäbe, sei ohnehin bekannt.

Seit 2011 werden die Radverkehrszählungen in Wien von der Nast Consulting durchgeführt. Zwölf automatische Dauerzählstellen für den Fahrradverkehr gibt es in Wien. Zwei Zählstellen zeigen in Echtzeit die aktuellen Zahlen direkt vor Ort am Radweg an. Alle anderen Zahlen sind zwei Wochen später im Internet zu finden. Zusammen mit einer detaillierten Auswertung der Wetterdaten wie Temperatur, Regen, Schnee und anderer möglicher Einflussfaktoren. Die Jahresauswertung für 2014 lag bereits am 13. Januar 2015 vollständig vor.

Zum Vergleich: In Berlin werden die Daten für den Modal Split, also auch dem Radverkehrsanteil, nur alle fünf Jahre händisch gezählt erhoben. Eine fest installierte Dauerzählstelle für den Fahrradverkehr gibt es nicht. Die Daten einer mobilen Radverkehrszählstelle am Schwedter Steg im Verlauf des Radweges Berlin-Usedom in Prenzlauer Berg konnte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf Nachfrage nicht nennen. Die letzten Daten des Modal Split stammen aus dem Jahre 2008. Die für Anfang 2014 angekündigten neuen Zahlen liegen bis heute nicht vor.

Doch was genau ist den Daten aus Wien zu entnehmen? Am Dienstag Abend des 4. November 2014 wurde an der Echtzeit-Zählstelle Operngasse die 1-Million-Radfahrer Marke übersprungen - also die Gesamtzahl seit Jahresbeginn. Bis zum Jahresende kamen hier noch einmal 121.962 Radfahrer hinzu. Spitzenreiter war im vergangenen Jahr der innere und äußere Opernring mit insgesamt 1.506.117 Fahrradfahrern - einem Plus von 24,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gegenüber dem Jahr 2010 lag die Steigerung am Opernring sogar bei 68 Prozent.

Auch in Wien wird eine so genannte Radsaison bei der Auswertung der Zählungen definiert: Von April bis Oktober. Wer zwischen November und März unterwegs ist, wäre demnach in einer Nicht-Radsaison unterwegs. Doch die Zahlen überraschen: Zum Beispiel an der Zählstelle Operngasse kamen in der Radsaison an Werktagen im Jahr 2014 durchschnittlich 4.414 Radfahrer vorbei. Im Gesamtjahr waren es durchschnittlich 3.685 Radfahrer pro Werktag - die Abweichung vom Mittelwert liegt in der Radsaison also bei plus 20 Prozent. Am eher touristisch interessanten Donaukanal-Radweg beträgt die Abweichung 35 Prozent.

Für das Jahr 2014 hat Berlin nun wieder einmal den erstmaligen Aufbau von 13 automatischen Radverkehrszählstellen angekündigt. Diese sollen an Zwangspunkten wie der Sandkrugbrücke, der Jannowitzbrücke, der Oberbaumbrücke oder auch an der Rummelsburger Bucht gebaut werden.

Bis am Brandenburger Tor in Berlin-Mitte Radfahrer automatisch und täglich gezählt werden, muss man sich wohl noch ein wenig gedulden. Hier sollen täglich mehr als 10.000 Radfahrer hindurchradeln. Im Vergleich zum Kfz-Verkehr scheinen es rein optisch weniger zu sein. Doch alleine beim Parken verbraucht ein Pkw zehn Mal mehr Platz als ein Fahrrad - im fließenden Verkehr werden Fahrräder bezogen auf den Platzverbrauch noch mehr an den Rand gedrängt. Letzeres noch immer auch mit der Begründung, dass für die wenigen Fahrradfahrer gerade irgendwie kein Geld und Personal da sei. Harte Zahlen können Macht sein.

 

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