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Tourtagebuch: BUGA Havelland mit dem E-Bike entdecken

Berlin, 20. April 2015

Erstmals erstreckt sich eine Bundesgartenschau über mehrere Städte. Vom nordwestlich gelegenen Havelberg geht es hinunter bis nach Brandenburg an der Havel. Die offizielle BUGA-Radroute ist 123,4 Kilometer lang. Hinzu kommen eine Express-Route mit 78,7 Kilometern Länge sowie die Radfernwege Havel-Radweg, Havelland-Radweg, Tour Brandenburg und Elberadweg. 500 BUGA-Bikes können auch One Way ausgeliehen werden. Benno Koch hat gemeinsam mit einigen Fahrradtouristen die 60 Kilometer lange Strecke zwischen Rathenow und Brandenburg am Eröffnungstag getestet.

Es ist Samstag Mittag um Punkt 12 am Berliner Hauptbahnhof. An diesem Wochenende wird die offizielle Eröffnung der BUGA Havelland 2015 gefeiert. Pünktlich verlässt unser Regionalexpress RE4 den Tiefbahnhof. Die Sonne scheint, die Nacht war frostig kalt, der Nordwind wird später ordentlich schieben. Jetzt ist der Zug angenehm leer, ein paar Dutzend Fahrgäste wollen zur BUGA. Das eigene Fahrrad konnte diesmal zu Hause bleiben. Nach 53 Minuten erreichen wir Rathenow, wo der alte hölzernde Kaiserbahnhof für die Bundesgartenschau frisch herausgeputzt wurde. An diesem und drei weiteren Bahnhöfen in der Region kann man insgesamt 500 BUGA-Bikes ausleihen - die Hälfte davon sind E-Bikes.

Pascal betreut neue Fahrradstation im alten Kaiserbahnhof. Es ist der erste Tag hier. Ein paar Dutzend Fahrräder blitzen in der Sonne. Wir sind die ersten Kunden. Die neuen Kalkhoff Elektrofahrräder sind der Hingucker: Treten muss man noch alleine, aber bis Tempo 25 unterstützt ein kleiner Elektromotor mit bis zu 250 Prozent die auf die Pedalen gebrachte Kraft. Die Leistung der Akkus hat sich erhöht. Am Ende der Radtour wird nach 60 Kilometern im Standard-Modus noch mehr als die Hälfte der Ladung übrig sein.

Jetzt geht es durch die möglicherweise noch nie so sauber und aufgeräumt wirkende Optikstadt. Die letzte große Ruine in der Innenstadt ist mit einem riesigen Fielmann-Plakat stadtfein gemacht worden. Vor mehr als 200 Jahren stand hier mit der Erfindung der Vielschleifmaschine durch den Theologen Johann Heinrich August Duncker die Wiege der preußischen Optikindustrie. Heute produziert Fielmann als größter Optiker Deutschlands hier mehrere Millionen Brillengläser pro Jahr.

Die BUGA-Gärten befinden sich in Rathenow im Optikpark und auf dem Weinberg. Eine neue Havelbrücke verbindet beide miteinander. Radfahren ist hier verboten. Eine Brücke zum neuen Havel-Radweg westlich des Flusse gibt es dagegen nicht - der Umweg beträgt vom Bahnhof sieben Kilometer. Obwohl das Fahrrad auf der riesigen Fläche der Bundesgartenschau in der Havelregion erstmals eine wichtige Rolle spielt, fehlt im Detail noch das richtig Gespür.

Nach dem Umweg über straßenbegleitende Radwege präsentieren sich nun die einsamen Weiten der Havelauen. Ein strahlend weißes Betonband ist hier bis Bützer der neu gebaute Havel-Radweg. Im Zickzack und oft nah direkt an der Havel.

In Premnitz ist wieder die Zivilisation erreicht. Oder dem, was man in einer 8.000 Einwohner zählenden brandenburgischen Kleinstadt darunter vorstellt. Etwas abseits des offiziellen BUGA-Geländes erinnert eine kleine Bäckerei mit einem schönen Garten ein wenig an den Landhausstil von Laura Ashley: Strandkörbe, Kissen und auf alt getrimmte Bänke. Dazu duftet es in dieser Bäckerei nach frischem Brot und Kuchen, wie es sein muss. Der Bienenstich schmeckt hier noch so wie es sein soll: Mit karamelisierten Mandeln und ohne Pudding.

Wenig später versperrt ein Zaun die Premnitzer Uferpromenade. Und mitten durch die Altneubauten zieht sich der BUGA-Zaun bis zur Steinbrücke. Waren hier nicht mal die alten Wäscheplätze für die Mieter? Heute wirkt die Szenerie mit den hohen Zäunen und dem Wachpersonal bizarr. Auch die Anwohner brauchen jetzt Eintrittskarten für ihre Hinterhöfe. Ein paar Frühblüher und eine Fahrradskulptur locken heute niemanden hinter die Absperrung.

Hat das Modell Zaun plus Wachschutz nicht auch bei der BUGA irgendwann einmal ausgedient? Braucht das wirklich noch jemand, nur um ein paar Tulpen zu bewachen? Die es zuvor auch in schönen langen Reihen entlang des Radweges zusammen mit tausenden Narzissen auch überlebt haben. Wären statt Absperrungen nicht ein paar Sonnenliegen ohne Zaun schöner und billiger gewesen?

Dann geht es schnell aus der Stadt hinaus auf einen neuen straßenbegleitenden Radweg nach Pritzerbe: 2,5 Meter breit und bestens asphaltiert. In Pritzerbe erwartet uns eine perfekt sanierte Altstadt und einen kleine Havelfähre - beschaulich und menschenleer.

Nun verlassen wir die BUGA-Express-Radroute an der Bundesstraße B102 und fahren quer über die Felder in einen Ort mit dem schönen Namen Radewege. Die Wege sind staubtrocken und knöcheltief sandig. Mit dem E-Bike kann man abschnittsweise noch fahren. Und in Radewege wartet tatsächlich ein bestens ausgebauter Radweg: Der alte Bahndamm der Westhavelländer Kreisbahnen führt von hier nach Brielow und dann auf Fahrradstraßen und straßenbegleitenden Radwegen weiter in die Altstadt Brandenburg.

Noch am Vormittag hatte hier Bundespräsident Joachim Gauck die BUGA eröffnet. Jetzt um kurz vor 18 Uhr sind die Straßen der Innenstadt nur von wenigen Menschen bevölkert. In der neuen Fahrradstation am Brandenburger Hauptbahnhof werden wir schon erwartet. Obwohl die Sonne noch hoch steht, ist jetzt die späteste Abgabe für unsere E-Bikes. Und wie immer: Alle sind begeistert von der sanften Unterstützung durch die Elektrofahrräder.

Im Abendlicht geht es nun auf die Suche nach einem guten Restaurant in der Altstadt. An der Jahrtausendbrücke hat sich die alte Werft als Teil der BUGA herausgeputzt und hinter den roten Backsteinfassaden neu erfunden. Wer ein Schnitzel für 18 Euro mag, ist hier im Restaurant gut aufgehoben.

Ein paar Meter am Marienberg hat sich der Wirt der Bismarckterrassen nicht auf den Wettbewerb um die größten BUGA-Busladungen eingelassen. Selbst der Gehweg vor seinem Restaurant ist bis Oktober 2015 fest in der Hand der BUGA. Wer hier einen Tisch aufstellen will, muss nun extra zahlen.

Aber genau hier in den Bismarckterrassen kann eine Radtour für Genießer nicht schöner enden: Die Küche ist frisch und eingespiel. Nach kurzer Zeit stehen die Schnitzel oder der Wels für je 12,90 Euro auf dem Tisch. Dazu liegt ein Hauch der Gründerzeit und der 20er Jahre in der Luft.

Die Stammgäste sitzen heute stadtfein an den Nachbartischen. Später singt Frank Zander Fritze Bollmann - diesmal natürlich nicht live. Aber Frank Zander soll schon hier gewesen sein. Und der häufig betrunkene Volksheld, Friseur und Angler Fritze Bollmann natürlich auch. Und irgendwann verwandelt sich die Szenerie wahrhaftig in eine längst vergangene Zeit: In schneidiger Uniform tritt Bismarck herein, während Königin Luise schon mal die Rechnungen fertig gemacht hat ...

 

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