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Tourtagebuch: Haffrundweg durch Westpommern nach Stettin

Berlin, 5. Mai 2015

Auf offiziell 300 Kilometern geht es auf dem gleichnamigen Radweg einmal rund ums Stettiner Haff. Jetzt sind einige Abschnitte neu asphaltiert worden. Und Stettin ist inzwischen auch für Fahrradtouristen ein Traumziel geworden. In einer inoffiziellen Variante hat Benno Koch gemeinsam mit einem Dutzend Fahrradtouristen den 70 Kilometer langen Abschnitt Ueckermünde-Stettin getestet.

Der RegionalExpress RE3 verlässt um pünktlich um 8:33 Uhr den Berliner Hauptbahnhof. Der Zug in Richtung Ostsee ist am Samstag nach dem Maifeiertag gut gefüllt, aber keineswegs zu voll. Eine Hauptzielgruppe scheinen wie immer Fahrradtouristen zu sein. Die meisten Fahrgäste werden unterwegs in Brandenburg wieder aussteigen. Bereits seit Ostern 2015 sollte an jedem dieser Züge ein zusätzlicher FahrradExpresswagen mit einem für bis zu 60 Fahrräder reservierten Unterdeck hängen - diesmal fehlt er. Natürlich haben auch alle anderen Doppelstockwagen weiterhin ein großes Mehrzweckabteil.

In Pasewalk heißt es umsteigen. Am Gleis gegenüber wartet schon der Triebwagen nach Ueckermünde Stadthafen. Seit Dezember 2014 hat sich hier der Anschluss um eine ganze Stunde verkürzt. Wir erreichen pünktlich um kurz vor Elf den neuen Endbahnhof direkt am Hafen.

Und fast scheint sogar der Anschluss an die Fähre nach Usedom zu passen. Die Barkasse Privall V legt gerade an, um kurz darauf wieder aufs Haff zu fahren. Das Schiff der Oderhaff Reederei Peters verkehrt auch als Kamminke-Shuttle auf die Insel Usedom. Kamminke ist ein kleines Hafendorf im Süden der Insel. Die Mittagsrunde als Fähre gibt's jedoch nur im Juli und August, heute ist nur eine kleine Haffrundfahrt vorgesehen.

Gewöhnlich geht es morgens und abends auf die 80minütige Seereise nach Usedom. Aber: Keiner der Züge aus oder nach Berlin hat einen direkten Anschluss. Und so bleibt die schönste und auch schnellste Anreise auf die Insel zumindest als Tagestour noch ein Traum.

Vielleicht ist auch gerade das Hinterland in Vor- und Westpommern viel spannender. Einen Hauch von Seebad samt einer malerischen Altstadt gibt es auch in Ueckermünde. Ohne Touristenmassen. Und auch die Dörfer in Richtung Stettin präsentieren sich beschaulich. Von dem Trubel in der ersten Reihe an der Ostsee ist hier nichts zu spüren.

Das obligatorische, aber vor allem knusprig frische Fischbrötchen gibt's auch hier direkt vom Kutter. Zwei Kilometer weiter öffnet sich dann am historischen Strandbad die ganze Weite des Stettiner Haffs. Der 20 Kilometer lange Radweg bis zur deutsch-polnischen Grenze bei Rieth ist fast durchgängig asphaltiert. Zwischen Bellin und Vogelsang wurde der straßenbegleitende Radweg gerade erst vollkommen neu gebaut. Und auch der Abschnitt südlich vom Neuwarper See führt neu asphaltiert auf dem Deich entlang.

Die Gegend scheint ein echter Geheimtipp zu sein. Keine große Straße führt hier entlang. Der Blick von einem hölzernen Aussichtsturm reicht kilometerweit übers Wasser bis zum polnischen Neuwarp. Kraniche, Wildgänse und Raubvögel drehen hier ihre Runden.

Das kleine Dorf Rieth wirkt wie aus dem Bilderbuch. Die alten Bauernhäuser und das Gutshaus sind inzwischen Ferienhäuser. Doch alles ist ganz ruhig. Zu ruhig. Das erste Café wirbt für sich mit einem Aufsteller vor dem Garten - und hat geschlossen. Der Inhaber grubbert sich gerade durch die Beete vor seinem Haus. In einer Stunde könnten wir wieder kommen, antwortet der Hausherr auf die Frage nach zwölf Tassen Kaffee. Mal schnell auch jetzt mit einer größeren durstigen und bereits hungrigen Gruppe Umsatz machen, kommt nicht in Frage.

Ein paar Meter weiter wartet der fast leere Biergarten eines Restaurants in der Sonne auf Gäste. Ein paar Motorradfahrer aus Hamburg hatten bereits vor uns bestellt und lange gewartet. Doch auch diese wurden wohl nur ausnahmsweise mit ein paar einfachen Gerichten bedient. Das Restaurant ist drinnen mit wenigen Gästen besetzt. Der Wirtin fällt es schwer auch nur einen guten Tag zu wünschen. Ein Dutzend Fahrradtouristen zur Mittagszeit an einem langen Wochenende passen irgendwie nicht so richtig in ihren Plan. Wann will man hier eigentlich Touristen haben und wann Geld verdienen?

Wir wollen die Gastronomen in Rieth nicht weiter überfordern und fahren weiter. In Westpolen soll es ja in jedem Dorf auch am Wochenende einen offenen Laden geben.

Gleich ist die polnischen Grenze erreicht. Dahinter ist auf dem alten Bahndamm der Randower Kleinbahn im Herbst 2014 ein asphaltierter Radweg nach Neuwarp neu gebaut worden. Obwohl es keinen Wegweiser gibt und der neue Weg in keiner Landkarte auftauch, tummeln sich hier bereits viele Radfahrer. Das Angebot bestimmt auch im Fahrradtourismus sichtbar die Nachfrage.

Kurz vor Nowe Warpno (Neuwarp) entscheiden wir uns dann für die inoffizielle Variante die Haffrundweges. Immer nahe der Grenze geht es in Westpommern auf einer bestens ausgebauten einsamen Landstraße Richtung Süden. Die Szenerie in den endlosen alten Wäldern erinnert eher an eine endlose Straße in Skandinavien. Bis ins 17 Kilometer entfernt gelegene Stolec (Stolzenburg) gibt es nur eine winzige Ansiedlung. Autos begegnen uns kaum. Auch das einstige Rittergut am Großen Mützelburger See ist heute ein Ort ohne jeden Tourismus.

In Stolzenburg ist der alte Damm der Randower Kleinbahn auf unserer Route zurück - aber noch nicht ausgebaut. Erst ein paar Kilometer weiter auf der Höhe von Blankensee ist ein nagelneuer grenzüberschreitender Radweg entstanden. Richtung Osten geht es auf dem einstigen Bahndamm nun asphaltiert nach Dobra (Daber), wo der Einzugsbereich von Stettin schon spürbar ist. Es sind mehr Autos unterwegs, aber auch mehr Radfahrer.

Am Jezioro Glebokie (Glambecksee) ist bereits das Stadtgebiet von Stettin erreicht. Auf sechs Kilometern ziehen sich hier die Stadtwälder und Parks bis zum Stettiner Rathaus entlang. Es gibt gut befahrbare Wald- und asphaltierte Radwege. Einige Ausflugsrestaurants und viele Seen begeistern. Das Freibad Arkonka leuchtet zwischen den Bäumen hindurch. Frisch saniert ist es seit einigen Monaten eines der modernsten Freibäder Polens.

Das Oberża Chłopska ist ein neues Blockhaus direkt am Park. Vollkommen unkompliziert gibt es im Restaurant auch unangemeldet einen Tisch für zwölf Personen. Obwohl das Haus bereits voll mit Gästen ist. Das Personal ist jung und motiviert. Die polnische Küche frisch und nach dem Geschmack der hungrigen Fahrradtouristen. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen es um billig und sparen ging. Stettin ist längst eine Stadt geworden, die richtig Tourismus kann.

Im Stadtzentrum sind in den letzten Monaten viele neue asphaltierte Radwege entstanden. Vom in alter Schönheit restaurierten Rathaus geht es über die drei Orionplätze Richtung Oder und zur neuen Philharmonie. Während die Anordnung der Kreisverkehre irgendwie an das Sternbild Orion erinnern soll, ist die Philharmonie eine Augenweide ganz irdischer Natur. Die Berliner Zeitung befand sogar ganz profan, das Gebäude sähe aus "als hätte Christo ein spitzgiebliges Hansekontor mit weißer Feinripp-Wäsche bezogen".

Von den frisch sanierten Hakenterrassen ging es vorbei am Pommernschloss, am Alten Markt und der neu entstehenden Altstadt zum Hauptbahnhof. Das dieser gerade ebenfalls komplett neu entsteht, versteht sich schon fast von selbst. In einem Land, das mit großen Schritten mitten in Europa angekommen ist. Auf eine überaus angenehme Art. Und nur zwei Bahnstunden von Berlin entfernt.

 

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