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Tourtagebuch: Lost Places - Tagebau Welzow Süd

Berlin, 30. Juni 2015

Am vergangenen Samstag meldete die RBB-Nachrichtensendung Brandenburg Aktuell, in der Region Spremberg wäre ein 48 Kilometer langer neuer Radweg eingeweiht worden. Eine Grafik gab's nicht, einen Link auch nicht. Doch aus der kleinen Nachricht wurde bereits einen Tag später ein atemberaubendes Abenteuer. Eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch beschreibt eine Region zwischen Niedergang und unglaublichen Projekten.

17 Dörfer sind im Tagebau Welzow Süd verschwunden. Die Fläche allein dieses Lausitzer Braunkohlefeldes ist mehr als 200 Mal größer als alle eingezäunten Gärten der aktuellen Bundesgartenschau Havelland 2015 zusammen. Insgesamt 136 Dörfer wurden hier im Süden Brandenburgs bereits der Braunkohle geopfert. Für Welzow Süd standen drei weitere Dörfer mit ihren 810 Einwohnern den Riesenbaggern im Weg. Bis vor wenigen Tagen. Jetzt überlegt auch der Energiekonzern Vattenfall, die Umsiedlungsvorbereitungen zu stoppen.

Es ist Sonntag Mittag. Aus dem Triebwagen am Bahnhof Spremberg steigt niemand außer uns aus. Die Szenerie ist bizarr. Sind wir hier wirklich richtig? Mehr als ein halb zugewachsenes Gleis ist nicht geblieben. Das alte Bahnhofsgebäude ist eine Ruine. Daneben steht eine ganz leicht überdimensionierte Betonkonstruktion als neues Eingangsportal. Ein Fahrkartenschalter ist besetzt. Informationen für Touristen gibt es nicht. Auch kein Hinweis auf den neuen Radweg.

Seit zwei Jahren darf sich Spremberg auch ganz offiziell "Perle der Lausitz" nennen. Schon die Straße vom Bahnhof hinunter ins Spreetal und zum Markt versprüht den Charme einer Gartenstadt. Die Altstadt mit den sanierten Fachwerkhäusern, dem strahlend weißen Kavalierhaus, dem gewagten neuen Bürgerhaus, den Kirchen und dem Rathaus ist eine kleinstädtische Augenweide.

Mehrere Bäckereien haben geöffnet, die Touristinformation nicht. Ein Dutzend andere Fahrradtouristen schauen sich wie wir fragend um. Warum müssen Touristiker eigentlich am Wochenende frei haben, um am Montag um Neun meist vergeblich auf Gäste zu warten? Der neue Radweg ist auch hier kein Thema: Kein Fahrradwegweiser, keine Übersichtstafel. Und auch kein Hinweis auf den Internetseiten der Stadt. Ist der neue Radweg nur ein Phantom?

Dafür lachen uns die Auslagen der Bäckereien ganz real an und locken mit ihrem betörenden Duft. Wir entscheiden uns für das große zweite Frühstück. Samt Erdbeertorte. Eine Entscheidung, die wie immer in den Weiten Brandenburgs die richtige war. In unserem Fall führen die nächsten 20 Kilometer durchs Nichts.

An der Spree geht es hinaus. Das Wasser ist giftig braun. Hier möchte man weder baden und noch paddeln. Es sind die deutlichen Zeichen von mindestens 50 Jahren industrieller Braunkohleförderung.

Die Nachrichtensendung Brandenburg Aktuell nannte Wolkenberg als einen der verlorenen Orte am neuen Radweg. Einen Radweg gibt es nicht. Eine Fahrradwegweisung für einen neuen Radweg auch nicht. Es sind breite und meist autofreie Landstraßen. Bis zum Horizont sieht hier kein Baum älter als zehn Jahre aus. Wir sind bereits auf den zuerst ausgekohlten Flächen des Braunkohletagebaus unterwegs. Und die sollen heute artenreicher sein als vor dem Bergbau.

Mal erstrecken sich riesige Eichenwälder, die immerhin ein Fünftel der neuen Baumarten hier ausmachen. In der gesamten Lausitz soll Vattenfall inzwischen mehr als 30 Millionen Bäume gepflanzt haben. Und vor allem gibt es viel Freiraum, der augenscheinlich viele Greifvögel anlockt.

Vom Wolkenberg hinunter wird der Eindruck noch dramatischer. Vor fünf Jahren wurden an dem 136 Meter hohen Hügel 26.000 Weinreben gepflanzt. Mit der Roten Gutedel soll auch eine historische Sorte aus der Region dabei sein. Mit optimalen Bedingungen in Süd-Süd-West-Ausrichtung und elf Grad Neigung. Natürlich mit der perfekten Mischung aus Ton, Schluff und Sand im Untergrund.

Inzwischen gab es die ersten Ernten und der Weinberg könnte auch irgendwo an der Mosel liegen. Wenn man die Flächen ringsherum mal kurz ausblendet. Am Horizont im Tal stehen noch immer die Riesenbagger. Aber jetzt fehlt hier nur noch die passende Straußwirtschaft. Also ein Gastgarten, in dem es den guten Lausitzer Landwein gibt. Denn Wolkenberg ist einer der Lost Places der Region. Ein erst 1992 im Tagebauloch verschwundenes Bauerndorf, in dem zuletzt 172 Menschen wohnten.

Unterwegs begegnen uns die Landcruiser von Vattenfall. Wer will, kann für ein paar Euro eine Allradtour rund um den Tagebau machen. Meist auf Strecken, die man auch bequem mit dem Rad oder zu Fuß zurücklegen könnte. Aber wir bekommen den nächsten Tipp: Schaut euch die Steinitzer Treppe an!

Auf einem kleinen Parkplatz treffen wir den Vattenfall Geländewagen wieder. Außer den beiden Fahrgästen ist hier niemand. Hinter einem dichten Wald aus alten Bäumen taucht dann eine riesige Stahltreppe auf. Wir sind hier mitten in den Steinitzer Alpen. Mit der Steinitzer Treppe kommt man auf eine Höhe von 170 Metern. Mit einem Schrägaufzug ist die Treppe sogar barrierefrei. Wir werden von einer Mitarbeiterin nicht nur persönlich begrüßt, sondern gleich in die Geheimtipps unterhalb der Treppe eingeweiht: Walderdbeeren!

Vor drei Jahren wurde die Konstruktion eröffnet. Sie erinnert ein bisschen an eine Förderbrücke des nahen Tagebaus. Oder an eine Skisprungschanze. Von oben ist der Ausblick gewaltig. Unterhalb wirkt die Schneise ins Alpendorf Steinitz tatsächlich wie ein Schanzenauslauf. Es ist aber nur der Rodelberg.

Noch können wir uns nicht vorstellen, dass es hier noch echte menschliche Siedlungen gibt. Trotzdem wollen wir nachsehen und folgen dem Abzweig der Landstraße nach Steinitz. Tatsächlich wirkt die Szenerie so aufgeräumt wie ein kleines Almdorf. Ein hundert Jahre alter Dreiseitenhof ist der neue Mittelpunkt des Ortes. Aufwändig saniert sitzt man hier bei Fassbrause und mehr in einer Gastwirtschaft wie sie in Brandenburger Dörfern eigentlich nicht zu finden ist.

Doch im Steinitzhof ist alles anders: Die Betriebskosten zahlt Vattenfall, die Wirtsleute werden von der Stadt Drebkau eingestellt und das Gesamtprojekt wurden von der EU gefördert. Und plötzlich ist tatsächlich Leben im winzigen Dorf.

Klaus Duve ist einer der Gäste. Und heute auch Ortschronist und Wanderführer. Der Nachfahre französischer Glaubensflüchtlinge musste im Zweiten Weltkrieg erneut flüchten und kam so als Hugenotte aus Berlin in die sorbische Lausitz. Später war er hier Polizist und danach Dorfkümmerer.

Seine Liebe zu seiner Region öffnet plötzlich eine ganz neue Sicht: Ich müsse unbedingt zur Quelle des Steinitzer Wassers. 60 Liter pro Minuten sprudeln dort aus dem Boden. Natürlich nicht einfach so: Am Ende der Elster-Kaltzeit vor 320.000 Jahren blieb hier die Endmoräne liegen. Mit bis zu 158 Metern Höhe: Den Steinitzer Alpen!

Dann kam der Tagebau, in dem 40 Prozent des natürlichen Quellgebietes samt Berg verschwanden. Inzwischen wurde die Hügelkette nach dem Tagebau in Anlehnung an ihr einstiges Erscheinungsbild wieder aufgeschüttet und eine riesige, leicht gekippte Tonwanne in den Untergrund eingebaut. Zusammen mit einer Grubenwasserbehandlungsanlage am nahen Weinberg, sollen so nicht nur bis zu 30 Kubikmeter "Ökowasser" pro Minute zur Verfügung stehen, sondern werden über Tonkanäle auch zur neuen Quelle geleitet. Ein perfektes Alpenidyll. Und mit dem Blick von der Almwiese hinter dem Steinitzhof genau das, was gerne als unberührte Natur bezeichnet wird.

Nach dem Hof, der Treppe und der Quelle liegt Duves nächstes Lieblingsprojekt gleich an der Fahrradstraße nach Geisendorf: Bis zu 60.000 Findlinge sollen hier einmal ein Riesenlabyrinth bilden.

Und dann rückt tatsächlich der aktive Tagebau näher. Auf dem Gut Geisendorf stehen wir direkt an der Abbruchkante. Das 400 Jahre alte Gutshaus ist das letzte erhaltene Haus von Geisendorf und inzischen das Kulturforum der Lausitzer Braunkohle. Am Wochenende war Sommerfest und das Leben schien für einen kurzen Moment mit vielen Besuchern zurückgekehrt.

Die Radtour nähert sich ihrem Finale: Riesige Abraumhalden und Förderbrücken sind an den drei offiziellen Aussichtspunkten bis nach Welzow Stadt zum Greifen nah. Ganz unten im Tagebau Welzow Süd wirkt ein normaler Traktor wie ein Spielzeugauto.

Die Stadt Welzow ist vom Tagebau schwer gezeichnet. Von den einst 7.500 Einwohnern leben heute hier vielleicht noch die Hälfte. Die einst prächtige Rathsburg führt einen Dornröschenschlaf, anderen schlichteren Häusern geht es nicht besser.

Im nahen Neupetershain ist auch nichts mehr neu. Auch hier gibt es prächtige Villen zum Schnäppchenpreis. Die Braunkohle hat die alten Strukturen der Lausitz zerstört. Der Bahnhof ist eine Ruine, das Kino und die alte Gastwirtschaft davor auch.

Selbst Einheimische können sich auf Nachfrage nicht mehr an einen geöffneten Getränkeverkauf erinnern. Und doch gibt es ihn: In der nahen Bauernsiedlung in der Waldschänke. Das gute eiskalte Radeberger kostet hier genau 70 Cent. Plus acht Cent Pfand. Und dann fährt auch schon wie aus dem Nichts der nagelneue Doppelstockzug mit dem riesigen Fahrradabteil ein.

Und was macht nun der offizielle neue "Radweg" auf den Spuren der verschwundenen Dörfer? Der führt woanders lang. Es wurde auch kein Radweg neu gebaut, es gibt keine Internetseite und natürlich auch kein Radweg-Logo. Eigentlich noch nicht einmal einen eindeutigen Namen. Auf Nachfrage bei der Tourist-Information Spremberg gibt es aber einen Flyer. Den dann sogar auch als pdf-Datei.

 

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