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Tourtagebuch: BUGA Havelregion - die Nordrunde

Berlin, 14. Juli 2015

Wie kaum eine andere Veranstaltung zuvor ist die BUGA Havelregion 2015 eine riesige touristische Spielwiese - in einer noch jungfräulichen Tourismusregion. Zu den fünf BUGA-Städten Brandenburg an der Havel, Premnitz, Rathenow, Stölln und Havelberg kommen noch zahlreiche Referenzorte. Und ein riesiger Landschaftsgarten dazwischen und drumherum. Eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch beschreibt die BUGA Nordrunde zwischen Rathenow, Havelberg und der Altmark entlang der Elbauen.

Plötzlich ist Leben am Bahnhof Rathenow. Ein paar Dutzend Touristen steigen aus dem Doppelstockzug, der stündlich von und nach Berlin pendelt. Natürlich sind die Züge zur Ostsee in diesen Tagen voller. Doch die kleine Fahrradstation am alten Kaiserbahnhof Rathenow ist inzwischen fast ausgebucht. Insgesamt 500 BUGA-Bikes können hier, am Brandenburger Hauptbahnhof und am Bahnhof Glöwen nördlich von Havelberg ausgeliehen und wieder abgegeben werden.

Ich entscheide mich für eines der E-Bikes. Denn es liegen in anderthalb Tagen fast 200 Kilometer und einige Sehenswürdigkeiten vor mir. Die ersten sind der Optikpark und der Weinberg Rathenow mit dem Bismarckturm. Hier in den eingezäunten rund 30 Hektar großen Gärten ist Rad fahren verboten. Und die Flächen sind riesig. Am Ende werde ich allein hier in zwei Stunden sechs Kilometer zu Fuß unterwegs gewesen sein. Ein Bruchteil der tatsächlich vorhandenen Wege. Vielen älteren Besuchern fallen die Entfernungen sichtlich schwer. Wie wär's mal mit einem BUGA-Konzept inklusive Radwegen auch innerhalb der Gärten?

Der Anfang ist vielleicht schon gemacht: Immer wieder sind große Liegekissen auf den schattigen Wiesen zu finden. BUGA hat inzwischen auch viel mit rumliegen zu tun. Die Kissen gibt's natürlich auch als bemalte bunte Betonskulpturen. Täuschend echt. Ohne rumliegen.

Das architektonische Highlight aller BUGA-Gärten dürfte allerdings die neue Weinbergbrücke sein: 350 Meter lang und 9,2 Millionen Euro teuer überquert die Schrägseilbrücke spektakulär S-förmig die Havel. Den schönsten Blick von oben auf die Brücke gibt's vom nahen Turm der St-Marien-Andreas-Kirche auf der Altstadtinsel. Von der Aussichtsplattform in 51 Metern Höhe reicht die Sicht über das platte Havelland sogar bis zum nächsten Ziel: Dem 109,2 Meter hohen Gollenberg bei Stölln.

Nun steht der ganz große Landschaftsgarten auf der Liste. Einen Fahrradwegweiser am Bahnhof Rathenow gibt es nicht. Offiziell starten hier die beiden BUGA-Radrouten: "Wasser- und naturnah" verspricht die gut 120 Kilometer lange Route von Brandenburg an der Havel über Rathenow nach Havelberg zu führen. Eine knapp 80 Kilometer lange BUGA-Expressroute soll als schnellere Variante meist straßenbegleitend alle BUGA-Städte mit dem Fahrrad erlebbar machen.

"Wo steht denn hier der Fahrradwegweiser?" will ich von den Damen der Touristinfo am Kaiserbahnhof wissen? Ein bisschen fragend schauen sie sich um. Die Fahrradtouristen sollen einfach hier fragen. Und dann gibt's noch ein kleines Faltblatt. Die offizielle Routenführung bleibt also hier ein Geheimnis.

Ich entscheide mich für eine Variante nördlich der Altstadtinsel über die Jederitzer Brücke über den Stadtkanal, die ihre Vergangenheit als Hub-, Klapp- und Zugbrücke noch erahnen lässt. Dann folgt eine Mischung aus Fahrradspuren und straßenbegleitenden Radwegen an der Bundesstraße B102 bis Hohennauen. Den etwas beschaulicheren Umweg über Semlin habe ich wohl übersehen. Das Havelufer auch. Auf den ersten zwölf Kilometern heißt es nur irgendwie rauskommen aus dem Kleinstadtverkehr.

Dann kommt der Abzweig, natürlich auch die offizielle BUGA-Fahrradwegweisung und sofort gibt's nur noch Ruhe und Natur. Dörfer mit bescheidenen Namen wie Wassersuppe und Straßen mit der schlichten Information Kuhtrift beschreiben alles, was man wissen muss. Hier ist nichts. Außer freier Sicht bis zum Horizont. Und mehr Entspannung für Großstädter gibt's wohl kaum. In einem großen Dreieck geht es oft auf gut befahrbaren Betonspuren durch die Wiesen und Weiden. Bis schließlich wie aus dem Nichts ein Düsenflugzeug auf dem Acker steht.

Als am 23. Oktober 1989 eine ausgemusterte IL-62 der Interflug auf der nur 900 Meter kurzen Graspiste in einer riesigen Staubwolke landete, war dies eine kleine Sensation. Bei einer "normalen" Landung werden mit Passagieren und Gepäck rund 2,5 Kilometer Betonpiste benötigt.

Doch in Stölln war alles anders: Hier machte Otto Lilienthal vom nahen Gollenberg mehrere Flugversuche und gilt als "erster Flieger der Menscheit". Hier stürzte er am 9. August 1896 bei seinem letzten Flugversuch aus 15 Metern Höhe ab und starb am nächsten Tag. Die Grasbahn am Gollenberg gilt heute als ältester Flugplatz der Welt. Von wegen Provinz. Es kommt nur auf das Marketing an.

Zur BUGA hat sich das Gelände rund um die IL-62 schick gemacht: Stolz präsentiert sich das Empfangsgebäude des EDOR Airports. In Wirklichkeit ist dies natürlich eine Art Gewächshaus mit angeschlossenem Café. Und neue Bodenplatten davor verraten die Ziele der einstigen Interflug-Maschine: Von Montevideo und allen anderen westlichen und südlichen Destinationen durfen DDR-Bürger vor 1989 natürlich nur träumen. Und plötzlich ist es mitten in der Blütenpracht der Bundesgartenschau genaugenommen schöner als am anderen Ende der Welt. Zumindest für einen kurzen Augenblick.

Wieder außerhalb des BUGA-Zaunes ist überall die Neugierde auf die BUGA-Besucher zu spüren. Natürlich wurden auch hier die wichtigsten Radweglücken geschlossen. Allein in Stölln erwartet man fast 20 Mal so viele Besucher wie bisher.

Aber kommen die Besucher nun wirklich so zahlreich? Im nahen alten Bahnhof Rhinow ist wieder Leben eingezogen. Das Kreativbüro Berlin hat das Anwesen wohl in nie dagewesener Schönheit restauriert. Der Fahrkartenschalter und die Gepäckaufbewahrung machen die Illusion perfekt. Nur Züge gibt's hier nicht mehr. Dafür dürfe man kippeln, lädt mich der Hausherr in die Galerie ein - auf Hockern der besonderen Art. Und BUGA-Gäste? Nein, die hätten noch nicht den Weg hierher gefunden. Diese Einschätzung teile auch die Bäckersfrau im Ort.

Der Bäcker in Rhinow hat sich herausgeputzt. Es ist kurz vor 18 Uhr. Es gibt noch Kaffee und jede Menge Sweets. Die Stimmung ist gut. Und ja, es kommen mehr Gäste, verrät die Bäckersfrau.

Die langen Sommerabende im Havelland sind ein Traum. Schon immer. Es wird immer ruhiger, das Licht wird weicher, die Radwege werden besser. In Strodehne führt ein Abstecher zum Gülper See und zum Fischer. Das Geschäftsmodell heißt hier: Wollhandkrabben. Für asiatische Restaurants. Am Feldrand davor heißt das Geschäftsmodell übrigens unentdeckte Kunst.

Der Kunstgedanke wird später sogar noch einen Schritt weitergehen: Im Dorfteich Kuhlhausen müssen die Frösche sogar vom Blatt quaken. Aktuell geht's noch ein wenig durcheinander. Wie immer bei den ersten Proben.

In Havelberg ist tatsächlich BUGA-Hochsaison: Die Straßencafés sind voll, die Hotels auch. Eigentlich angenehm. Das Flair der vom Havelwasser umflossenen Altstadtinsel ist einzigartig. Die Gärten hoch oben im Dombezirk vielleicht die schönsten aller BUGA-Städte. Und wahrscheinlich gibt es jetzt das erste Mal auch hier so etwas wie richtigen Tourismus. Auch wenn man noch üben muss: Der Ratskeller am Markt ist an diesem Abend zu, die Anzahl der Gästebetten nicht für eine BUGA gedacht.

Doch es ist wie überall: Ein paar Kilometer weiter ist es schon wieder ganz ruhig. Hinter der Elbfähre Räbel liegt Werben direkt in den Auen. Es ist die kleinste Hansestadt der Welt. Mit wohl nur noch 600 Einwohnern. Und die Stadt mit den meisten Weißstörchen: 69 Störche wurden hier 2014 gezählt. Jetzt sind die Jungstörche bereits wieder bei ihren ersten Flugversuchen, bevor es schon im August in den heißen Süden geht.

Und natürlich profitiert Werben von der BUGA. Fahrradtouristen auf dem Elbe- und Havel-Radweg hätten in Havelberg in diesem Jahr kaum eine Chance ein Zimmer zu bekommen. Gunter Zwinzscher ist der Herbergsvater in der Pension Roter Adler am Werbener Markt. Extra für mich schließt er zum Sonnenuntergang noch mal sein Anwesen auf. Und auch die Preise sind fair wie immer. Im Garten wird es am nächsten Morgen den schönsten Ort fürs Frühstück geben.

Die Stadt Werben hat mit dem Biedermeier auch das passende Schauspiel zur Traumkulisse gefunden. Noch immer ein Geheimtipp. Und fast zu schade um ihn zu verraten. Aber vielleicht erwacht ja mit den neuen Gästen eines Tages ein neues Café und eines der längst geschlossenen Restaurants zu neuem Leben.

 

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