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Bahnverkehr Deutschland-Polen: Was wirklich geht

Berlin, 11. September 2015

Grenzüberschreitende Züge: Es ist nach wie vor eine wilde Mischung aus Ankündigungen, Abbestellungen und fehlenden eigenen Erfahrungen. An Konferenzen und Beauftragten mangelt es jedenfalls nicht, wenn es um den deutsch-polnischen Bahnverkehr geht. So behauptete selbst der Lokalsender MDR vor kurzem, man würde aktuell sieben bis acht Stunden mit der Bahn von Dresden nach Breslau benötigen. Richtig war das nie. Aber es sind manchmal winzige Details, die gelöst werden müssen. Benno Koch hat sich mal gekümmert.

Der heutige Tag ist einer dieser Tage der Ankündigungen. Die Presseagentur dpa verkündete die frohe Botschaft, ab Dezember 2015 solle die Direktverbindung mit der Bahn von Dresden nach Breslau wieder hergestellt werden. Und im Sommer 2016 solle ein "Kulturzug" von Berlin in die dann Europäische Kulturhauptstadt Breslau verkehren. Hintergrund war ein deutsch-polnischer Bahngipfel, der am Freitag in Potsdam stattfand.

Doch wie viele Bahnverbindungen gibt es eigentlich aktuell zwischen Deutschland und Polen? "Heute verkehren weniger Züge als zu Zeiten des Kalten Krieges", behauptete selbst der Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Europäischen Parlament, Michael Cramer, nach der Streichung der durchgehenden Züge von Dresden nach Breslau Anfang März 2015. Aber stimmt das wirklich?

Ein Blick ins Kursbuch der Deutschen Reichsbahn von 1989 genügt bereits: Zu DDR-Zeiten gab es gar keinen Regionalverkehr über die Oder und Neiße Richtung Osten. Heute verkehren alleine zwischen Brandenburg und Polen 27 Regionalzüge pro Tag und Richtung: Zwischen Berlin, Tantow und Szczecin, zwischen Berlin, Küstrin-Kietz und Kostrzyn sowie zwischen Forst (Lausitz), Zasieki und Zagan. Zwischen Lübeck und Stettin verkehren sogar sieben durchgehende Regionalexpresszüge pro Tag und Richtung.

Hinzu kommen heute mit dem Berlin-Warszawa-Express vier durchgehende Verbindungen nach Warschau (die auch mal unkompliziert 20 Fahrräder mitnehmen) und eine Direktverbindung nach Gdynia pro Tag und Richtung. Mit gut fünf Stunden Fahrzeit nach Warschau sind diese Züge fast doppelt so schnell wie die Bahnverbindungen von Berlin nach Wien, obwohl sich die Kilometerzahl nur geringfügig unterscheidet.

Mehr Züge sind vor allem in die Oder-Metropole Stettin wünschenswert. Besteller dafür ist der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Aber es sind eben bereits heute mehr Bahnen unterwegs als während des "Kalten Krieges", als in den 1980er Jahren das Kriegsrecht in Polen und Reisebeschränkungen der DDR einen normalen Reiseverkehr zwischen den beiden "Bruderstaaten" über die "Oder-Neiße-Friedensgrenze" ohnehin nahezu unmöglich machten. Zwar gab es damals noch einige Fernzüge. Doch die verkehrten meist nachts, benötigten Stunden für die Grenzabfertigung und waren oft auf die Bedürfnisse der in der DDR stationierten Sowjetsoldaten und deren Heimaturlaube abgestimmt. Auch die täglich zwei schnellen Beamtenzüge, die bis zum 1. September 1939 verkehrten, gehören eher ins Reich der Legende, was den "normalen" Fernverkehr zwischen beiden Städten betrifft. Sie waren die schnelle und teure Ausnahme für wenige Fahrgäste.

Etwas komplizierter sieht es in Sachsen aus. Auf den ersten Blick. Seit der Einstellung der täglich drei durchgehenden Züge des Dresden-Wroclaw-Express am 1. März 2015 haben sich die Wege tatsächlich verlängert. Aber nicht auf sieben bis acht Stunden. Wer zum Beispiel um 13:42 Uhr in Breslau startet, ist um 17:59 Uhr in Dresden. Fahrzeit 4:17 Stunden. Und wer um 11:34 Uhr in Breslau startet, ist um 17:13 Uhr in Berlin. Fahrzeit 5:39 Stunden. Schneller als zu Zeiten des durchgehenden Berlin-Wroclaw-Express (Wawel), der einmal täglich verkehrte und bereits im Dezember 2014 eingestellt wurde. Wie kann das sein?

Wer die Verbindungssuche von www.bahn.de nutzt, muss manchmal genauer wissen, wie das System Bahn funktioniert. So waren alle benötigten Regionalzüge und der benötigte Ersatzbus über die Neiße bereits immer korrekt eingetragen. Angezeigt wurden diese jedoch nur mit dem Zwischenziel "Zgorzelec Miasto". Dies zu ändern dauerte nur vier Wochen. Und vier Mails. Wenn man weiß, wen man fragen sollte.

Nachdem drei Versuche in drei Wochen über das Kontaktformular von www.bahn.de unbeantwortet blieben und gescheitert waren, ging die Anfrage an die Pressestelle der Deutschen Bahn: "Herzlichen Dank für Ihren Hinweis. Innerhalb der nächsten zwei Wochen werden wir den Fehler beheben", hieß es dort umgehend und unkompliziert Anfang August 2015.

Und plötzlich können auch ganz normale Fahrgäste ganz normal die schnellsten Bahnverbindungen zwischen Berlin, Dresden und Breslau abfragen. Wenn jetzt noch die Fahrpläne der Regionalzüge in Görlitz und Zgorzelec aufeinander abgestimmt werden würden, dann würden die Wege und Fahrzeiten zwischen Deutschland und Polen wieder ein Stück kürzer. Ganz ohne Konferenzen, Neuinvestitionen und mehr Geld. Mal sehen, vielleicht reichen diesmal drei Mails.

 

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