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Lost Places: Weinlese am Wolkenberg

Berlin, 8. Oktober 2015 [zuletzt geändert am 9.10.15 um 16:00 Uhr]

26.000 Rebstöcke stehen seit fünf Jahren auf einem 136 Meter hohen Hügel. Natürlich in idealer Süd-Süd-West-Ausrichtung bei elf Grad Neigung. Mit der perfekten Mischung aus Ton, Schluff und Sand im Untergrund. Jetzt ist die Weinlese im vollen Gange. Es soll ein guter Jahrgang werden. Was so normal klingt, spielt in einer der bizarrsten Landschaften Europas. Am Rande des aktiven Tagebaus Welzow Süd. Am Sonntag, 11. Oktober 2015 verrät Benno Koch unglaublichsten Ausflüge durch den goldenen Fahrradherbst.

Der Weinberg heißt Wolkenberg und ist einer der Lost Places der Lausitz. Denn eigentlich ist Wolkenberg ein erst 1992 im Tagebauloch verschwundenes Bauerndorf, in dem zuletzt 172 Menschen wohnten. Der Braunkohletagebau war hier schneller als anderswo durch. Der Hügel gehört zu den Steinitzer Alpen. Eine bis zu 158 Meter hohe Endmoräne, die am Ende der Elster-Kaltzeit vor 320.000 Jahren hier liegen blieb. Nun sind die Alpen künstlich neu entstanden. Selbst das alte Quellgebiet ist wieder da. Unten im Dorf Steinitz sprudeln 60 Liter Wasser pro Minute in einen kleinen Bach.

In diesen Tagen läuft nicht nur die Weinlese. Auch die Entscheidung über die Zukunft der Lausitzer Braunkohletagebaue steht bevor. Vattenfall als Eigentümer von Welzow Süd und anderen Tagebauen, Kraftwerken und Stauseen in der Lausitz will sich von einer der umweltunfreundlichsten Formen der Energiegewinnung verabschieden. Alleine im Tagebau Welzow Süd sind 17 Dörfer verschwunden. Die Fläche dieses einen Tagebaus ist 200 Mal größer als alle eingezäunten Gärten der am Wochenende zu Ende gehenden Bundesgartenschau (BUGA) in der Havelregion.

An der Ausschreibung Vattenfalls hat sich nun sogar Greenpeace beteiligt, die das Abenteuer Braunkohle endlich beenden wollen. Mit Sicherheit ein gelungener PR-Coup und vielleicht die Chance für die Region, ausgerechnet hier einen sanften Übergang hin zu regenerativer Energiegewinnung zu schaffen. Mit Greenpeace Energy hat der Umweltverband seit 16 Jahren einige Erfahrungen am Energiemarkt sammeln können und inzwischen mehr Stromkunden als der Landkreis Spree-Neiße Einwohner, in dem der Tagebau Welzow Süd liegt.

Diese rund 40 Kilometer kurze Radtour verbindet Spremberg, Welzow Süd und Altdöbern. Kaum eine Landschaft ist gezeichneter durch die riesigen Tagebaulandschaften. Spremberg präsentiert sich rund um den Markt liebevoll saniert. Aber bereits ein paar Meter weiter fließt das giftig braune Wasser der Spree durch die Stadt. Es ist das Grubenwasser aus längst ausgekohlten Tagebauen, in denen das Grundwasser wieder steigt. Aber auch aus aktiven Tagebauen, aus denen Grundwasser abgepumpt wird.

Außerhalb der Stadt ist davon nichts zu sehen. Aber auch hier ist scheinbar kein Baum älter als zehn Jahre. 30 Millionen Bäume sollen in der Niederlausitz in den einstigen Tagebaulandschaften neu gepflanzt worden sein. Augenscheinlich riesige Eichenwälder, die noch immer viel Platz für Greifvögel bieten. Eine einzigartige Landschaft, die praktisch bei Null ganz neu entsteht.

Hinter einem dichten Wald aus alten Bäumen taucht dann eine riesige Stahltreppe auf. Wir sind hier mitten in den Steinitzer Alpen. Mit der Steinitzer Treppe kommt man auf eine Höhe von 170 Metern. Mit einem Schrägaufzug ist die Treppe sogar barrierefrei. Vor drei Jahren wurde die Konstruktion eröffnet. Sie erinnert ein bisschen an eine Förderbrücke des nahen Tagebaus. Oder an eine Skisprungschanze. Von oben ist der Ausblick gewaltig. Unterhalb wirkt die Schneise ins Alpendorf Steinitz tatsächlich wie ein Schanzenauslauf. Es ist aber nur der Rodelberg.

Tatsächlich ist die Szenerie dann unten im Tal so aufgeräumt wie in einem kleinen Almdorf. Ein hundert Jahre alter Dreiseitenhof ist der neue Mittelpunkt des Ortes. Aufwändig saniert sitzt man hier bei Fassbrause und mehr in einer Gastwirtschaft wie sie in Brandenburger Dörfern eigentlich nicht zu finden ist.

Doch im Steinitzhof ist alles anders: Die Betriebskosten zahlt Vattenfall, die Wirtsleute werden von der Stadt Drebkau eingestellt und das Gesamtprojekt wurden von der EU gefördert. Und plötzlich ist tatsächlich Leben im winzigen Dorf.

Dann geht es auf den Radwegen der Niederlausitzer Bergbautour nach Altdöbern. Am Altdöbener See ist die Rekultivierung scheinbar schon weit vorangeschritten. 2017 soll der See vollständig geflutet sein. Doch gerade hier wird die Problematik des Braunkohleabbaus in diesen Tagen besonders sichtbar. Aktuell wird geprüft, ob jährlich 200.000 Kubikmeter Eisenhydroxidschlamm aus den umliegenden Tagebauen in den 70 Meter tiefen See eingespült werden sollen. Der Schlamm gilt als "nichtgefährlicher Abfall".

Natürlich wartet unterwegs ein gutes Café und am Ende ein Restaurant - auf einer entspannten Radtour für Genießer.

 

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