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Saale-Radweg: Naumburg-Merseburg

Berlin, 20. Oktober 2015 [zuletzt geändert 23.10.15 um 20:00 Uhr]

Schlösser, Burgen und Domkirchen reihen sich hier an der Saale wie an einer Perlenkette aneinander. Ruhig, beschaulich und inzwischen fast immer asphaltiert verbindet der Saale-Radweg die schönsten Orte. Gerade jetzt, wenn die Sonne noch einmal durch den Nebel bricht und die Auenwälder in allen Herbstfarben zum Leuchten bringt. Am Samstag, 24. Oktober 2015 verrät Benno Koch die schönsten Entdeckungen in Sachsen-Anhalt zwischen Naumburg und Merseburg.

Wer mit dem Zug durchs Saaletal fährt, erlebt ganz großes Kino. Besonders jetzt im Indian Summer. Und möchte hinter jeder Flussbiegung am liebsten sofort die nächste Burg erklimmen. Oder zumindest den Lokführer bitten, einen Fotostopp einzulegen. Und auch eine andere Zug-Geschichte wird in diesen Tagen noch immer erzählt: Wie selbst bei geschlossenen Fenstern der Smog durch jede Ritze drang. Das Chemiedreieck entlang der Saale gehörte mit Merseburg oder Leuna vor einem Vierteljahrhundert zu den dreckigsten Regionen Europas.

Das wahre Kino findet heute auch hier auf dem Fahrrad statt. Die Industrieanlagen im Chemiedreieck sind längst Vorzeigefabriken. Die Saale hat eine "gute Wasserqualität" erreicht. Bad Dürrenberg oder Bad Kösen waren sowieso schon immer Luftkurorte. Und mitten hindurch führt der Saale-Radweg.

Diese rund 50 Kilometer kurze Radtour beginnt in Naumburg. Irgendwann im 11. Jahrhundert zog der Bischof von der Weißen Elster hierher an die Saale. Mit dem Dom St. Peter und Paul will Naumburg mit aller Macht auf die UNESCO-Weltkulturerbeliste. Der erste Versuch ist gerade gescheitert. Und so bleibt das wunderbar geschlossene Stadtbild mit der vielleicht kürzesten Straßenbahn Deutschlands noch ein echter Geheimtipp.

Die Stadt kann sich aber auch mit Friedrich Nietzsche schmücken, der hier seine Jugend verbrachte und ab 1854 das Naumburger Domgymnasium besuchte. Natürlich besteht auf dieser Radtour ausreichend Zeit für Philosophie. Zum Beispiel wenn nach rund zehn Kilometern am anderen Saaleufer die Burg Goseck im Nebel auftaucht.

Die ehemalige Stammburg der Pfalzgrafen von Sachsen ist eigentlich schon mystisch genug. Doch ausgerechnet dahinter wurde vor ein paar Jahren ein angeblich fast 7.000 Jahre altes Sonnenobservatorium ausgebuddelt. Die Kreisgrabenanlage wurde 1991 bei Luftaufnahmen entdeckt und ist inzwischen rekonstruiert. Zur Sonnenwende im Sommer und im Winter fiel das Licht am Beginn des 5. Jahrtausend vor Christi genau durch eines der Tore ins Zentrum der Anlage, wodurch astronomische Beobachtungen möglich wurden. Rund 2.000 Jahre vor der Errichtung von Stonehenge. An diesem Samstag ist jedenfalls erstmal das Ende der Sommerzeit. Ausgerechnet das konnte man damals in der Steinzeit noch nicht vorhersehen.

Zehn Kilometer weiter wartet hoch über Weißenfels das Schloss Neu-Augustusburg. Die Herzogresidenz aus dem Jahre 1660 fiel nach der Niederlage Napoleons und dem Wiener Kongress wie halb Sachsen im Jahre 1815 an Preußen. Statt Kantaten von Bach gab es nun auf dem Kasernenhof ganz unromantisch preußischen Drill. Heute wirkt die Anlage ein ganz klein wenig zu groß.

Nach weiteren 15 Kilometern ist Bad Dürrenberg erreicht. Dort gilt ein 636 Meter langes und zwölf Meter hohes Bauwerk als Deutschlands längstes zusammenhängendes Gradierwerk. Ein Holzgestell wird mit Reisig gefüllt und damit die Oberfläche maximal vergrößert. Darüber wird die Sole aus einer Salzquelle in der Nähe geleitet, um diese aufzukonzentrieren und damit Salz zu gewinnen.

Irgendwann kam man auf die Idee, das Einatmen der salzhaltigen Luft entlang der Gradierwerke als eine Art Seeluftersatz zu vermarkten und so Atemwegserkrankungen zu lindern. Nachdem 1763 die erste Solebohrung Dürrenberg einen stetigen Solefluss mit mehr als zehn Prozent Salzgehalt beschert hatte, wurde 1845 das erste Badehaus errichtet und 1935 reichte es dann erstmals für den Titel "Bad".

1964 war es dann hier am Rande des Chemiedreiecks vermutlich bereits viel zu dreckig, um noch an saubere Seeluft zu denken. Rund 40 Jahre fiel der Kurpark und die Trinkhalle in eine Art Dornröschenschlaf, bis im Jahre 2006 mit der Verleihung des Prädikats Staatlich anerkannte Heilquelle die alte Tradition zur neuen Blüte gebracht wurde.

In einem Umfeld, das mit dem Salzamt aus dem 15. Jahrhundert und dem Schachtturm über der Dürrenberger Saline von 1764 als besonders authentisch gilt. Dass mitten im Kurpark irgendwann eine 8.000 Jahre alte Schamanin ausgegraben wurde, erscheint an diesem Ort schon fast als selbstverständlich.

Nun folgen mit Leuna und Merseburg zwei Orte, deren Wandel vom maroden Vorhof zur Hölle zum modernen Chemiestandort (Leuna heute: 9.000 Beschäftigte, 95 Prozent weniger Umweltbelastungen im Vergleich zu 1989 und 70 Prozent der produzierten Güter werden per Bahn transportiert) und zur wiederwachten Domstadt genaugenommen unvorstellbar war.

Vor genau 1.000 Jahren wurde der Grundstein für den Merseburger Dom geleget. Für Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde von Luxemburg soll Merseburg einer der Lieblingsorte gewesen sein. Heute ist die Stadt stolz darauf, nicht nur mit dem Domschatz Gäste aus ganz Europa und selbst aus Australien und Japan anlocken zu können.

Natürlich wartet unterwegs ein gutes Café und am Ende ein Restaurant - auf einer entspannten Radtour für Genießer.

 

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