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Tourtagebuch: Abenteuer im Biosphärenreservat

Berlin, 10. April 2016



Trotz einiger Reste urwüchsiger Natur sei die Gegend vor allem eine Kulturlandschaft. Gemeint ist das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Wir stehen fast knietief im Wasser und im Schlamm. Ein offizieller (Rad-)Wanderweg führt zu einer unter Wasser stehenden Holzbrücke. Die abgestorbenen Wälder ringsherum verschwinden langsam in neuen Seen. Umgestürzte Baumriesen versperren den Weg. Die Szenerie ist gespenstisch: "Das musst Du unbedingt amerikanischen ,back to the roots' Touristen als Survivaltour anbieten." Eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch beschreibt einen unglaublichen Fahrradausflug durch die Uckermark in den Barnim.

Es ist Anfang April. Die Sonne scheint und vertreibt langsam den Nachtfrost. Der lange Triebzug auf dem Weg von Berlin in die Uckermark ist praktisch unbekannt und fährt am Samstag Vormittag fast leer durch eine sanft hüglige Landschaft. Die meisten Ausflügler wollen zur Ostsee und drängen sich in den Doppelstockzügen davor und danach. Als wir eine gute Bahnstunde nördlich von Berlin am Haltepunkt in Seehausen aussteigen, sind wir die einzigen Menschen weit und breit.

Die kleine Gruppe Fahrradtouristen hatte sich auch diesmal für die übliche Mischung aus Rad fahren und Genuss entschieden: 50 Kilometer entspannt quer durch die Uckermark, ein gutes Café unterwegs und ein ebenso gutes Restaurant am Schluss sowie ein paar unspektakuläre Sehenswürdigkeiten aus halb zerfallenen Gutshäusern, viel zu großen Feldsteinkirchen und natürlich endloser Natur am Wegesrand. Und dann sollte es plötzlich viel abenteuerlicher werden, als es jede Tourismuswerbung erlauben würde.

Hier am Bahnhof Seehausen führt der Radweg Berlin-Usedom entlang. "Radweg" ist natürlich übertrieben: Es ist eine Radroute, die oft auch kleine ruhige Landstraßen nutzt. Aber die Bevölkerungsdichte ist hier eh geringer als in Irland oder an anderen Enden der Welt. Jener überregionale Radfernweg garantiert daher in Brandenburg zwar keine autofreie, aber dafür eine fast durchgängig asphaltierte Piste.

Wer sich jedoch an die Landschaften zwischen den wenigen Radfernwegen erinnert, kommt schnell mit den Überresten der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren in Berührung: Sand- und Feldsteinwege aus den Resten skandinavischer Granitfelsen, 240 Seen und die "Augen der Uckermark": Unzählige kreisrunde wassergefüllte Feldsenken aus den einst hier liegengebliebenen Toteisblöcken.

Am Oberuckersee ist alles noch ganz friedlich. Der Huberhof ist hier ein Stück bayrischer Gastfreundschaft mitten in Brandenburg. Und mit der großen Obstbaumwiese hinterm Haus direkt am See etwas ganz besonderes. Doch auch kurz vor Mittag ist hier alles ganz still.

Zunächst Radwege und dann immer schmaler werdende Landstraßen führen nun gut asphaltiert nach Gerswalde. Auf den umliegenden Feldern halten sich Kraniche am frischen Grün schadlos und die ersten Frühblüher wagen sich aus der Deckung.

In Gerswalde dominiert die riesige verschlossene Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert die leere Dorfmitte. Hier könnte man jetzt einen Western drehen. Ein alter Dorfladen verspricht ein paar Meter weiter mit einer Kakteensammlung im Schaufenster genau dieses Klischee: "Dorfmitte productions Filmproduktion".

Am Dorfrand passen die Reste der Wasserburg von 1239 ins Bild. Neben ein paar alten Feldsteinmauern ist hier die Zeit im kleinen Museum vermutlich irgendwann um 1980 stehen geblieben. Für einen Euro öffnet sich der Blick in alte Klassenzimmer und Küchen, auf schwarze Schreibmaschinen und Apothekerzubehör und allem, was die DDR so übrig ließ. Ob es denn in der Region ein neues Café, einen neuen Radweg oder überhaupt was Neues gäbe? Nein. Mit 19 Einwohnern pro Quadratkilometer ist die Region hier drei Mal dünner besiedelt als Irland.

Nach Friedenfelde wird uns die Landstraße empfohlen, wir nehmen den kürzeren Feldweg. Der ist sogar als "Radweg" ausgewiesen. Auf den drei Kilometern klärt sich schnell die Frage, ob Radwege immer asphaltiert sein müssen. Na klar, wenn man wirklich Fahrradtouristen haben möchte. Hier rumpelt es auf Sand und Feldsteinen ordentlich. Doch wer die Kraft hat, sich nicht nur auf sein Rad und den Weg zu konzentrieren, entdeckt hier eine fantastische Natur. Ein glasklarer Bach schlängelt sich durch den Wald. Seine Ufer sind jetzt von einem Teppich aus Buschwindröschen bedeckt. Der Sound der wiedererwachten Vogelwelt schlägt jedes Entspannungsvideo auf dem heimischen Flachbildschirm. Den Duft gibt's gratis dazu.

Der Salon im Gutshaus Friedenfelde ist eine kulinarische Oase in den Weiten der Uckermark. Drinnen durftet der Bio-Dinkel Flammkuchen. Natürlich sind auch die Kuchen und Torten selbstgemacht. Draußen stehen vor der DDR-grauen Fassade ein paar Bänke. Und nicht überraschend: Fast alle Gäste sind hier im weiten Niemandsland mit dem Fahrrad angereist. Doch gut 20 Gäste gleichzeitig überfordern die Gastgeber. Rund acht Kilometer weiter soll es das nächste Gasthaus geben.

Alt Temmen ist eigentlich noch schöner gelegen als Friedenfelde. Es gibt wieder ein Gut. Diesmal sogar in Teilen auch äußerlich renoviert. Aus dem ursprünglichen Rittergut und der einstigen LPG ist wieder das Gut Temmen geworden. Wunderschön zwischen dem Klaren See und dem Düstersee gelegen. Doch das was auf den ersten Blick wie ein Gasthaus im alten Gutshaus wirkt, ist nur ein Hofladen mit ein paar Gästezimmern.

Es ist kurz vor 15 Uhr. Der Hofladen hat samstags bis 14 Uhr offen – dann ist Wochenende. Die Verkäuferin ist zufällig noch auf dem Gut, aber es gäbe leider nichts mehr. Kein Essen, kein Kuchen, kein Kaffee. Selbst die Hausgäste hätten sich ihre eigenen Lebensmittel mitgebracht, die sich nun in der Küche stapeln. Aber wäre es nicht irgendwie total unschön, wenn neun Fahrradtouristen zu Hause allen Verwandten, Freunden und Kollegen erzählen würden, dass sie in der Uckermark und eben auch auf dem Gut Temmen fast verhungert und verdurstet sind? Doch diesmal wird ein kleines Wunder wahr und extra für uns wird noch mal Kaffee gekocht und die hauseigenen Wurstspezialitäten über den Tresen gereicht. Ein Lächeln auf allen Seiten macht sich breit. Das kann schon mal weitererzählt werden.

Doch dann wird es richtig abenteuerlich. Wohl kaum ein normaler Tourist wird je Dörfer wie Neu Temmen oder Poratz erblicken. Die Wege dorthin sind Feldsteinparadiese pur. Und landschaftlich unbeschreiblich schön. Versteckte Weiden, Gutshäuser mit freiem Blick über kleine Täler, alte Wälder, romantische Fachwerkkirchen. Hier haben sich einige Großstädter aus den alten Katen ihr Traumferienhaus gebaut. Trotz der SUVs vor den Fachwerkfassaden ist es hier ganz still.

Bis zum Gasthof am alten Gutshofspeicher sind es nun noch acht Kilometer. Doch es sollen die abenteuerlichsten Kilometer aller bisherigen Radtouren in Brandenburg werden. Kurz vor einem Gehöft mit dem schönen Namen Luisenau zweigt ein offizieller Wanderweg zum Großen und Kleinen Prüßnicksee ab. Mitten durch die Seen soll eine kleine Brücke über einen Bach führen. Doch bereits zuvor stehen große Waldflächen unter Wasser. Die alten Baumriesen sind längst abgestorben. Die Szenerie mutet bizarr und schaurig schön an. Kurz vor der Brücke sind einige Bäume umgestürzt. Ein paar Baumstämme liegen wild verstreut im Wasser und markieren den Weg.

Jetzt kommt das, wofür andere beim Managertraining und auf Survivaltouren viel Geld bezahlen: Eine Lösung suchen. In diesem Fall entscheidet sich der Tourenleiter selbst die Schuhe auszuziehen und die Räder der anderen Fahrradtouristen durch den Bach zu tragen. Doch nicht alle kommen trocken ans andere Ufer.

Der nahe Gasthof in Parlow bietet dann mit den Weiden vor der Terrasse so etwas wie das Panorama zu Jenseits von Afrika. In diesem Fall mit Lämmern im Vordergrund. Und Maränen aus den Klarwasserseen der Umgebung auf den Tellern. Die Küche ist hier frisch und die Gastfreundschaft groß. An diesem Abend ist das Restaurant ausgebucht. In einer Lodge im Niemandsland. Nur für den offenen Kamin war es diesmal zu warm. Natürlich ist jetzt die Begeisterung über das gemeinsam überstandene Abenteuer grenzenlos. Und die Idee genau damit amerikanische Touristen zurück zu ihren Wurzeln zu locken, ist vielleicht gar nicht die schlechteste. Nur mal so zum Beispiel als Abwechslung zu den endlosen Maisfeldern in Iowa.

Das Rezept für großartigen Tourismus in Brandenburg ist einfach. Alles beginnt mit einer guten Küche und viel Gastfreundschaft – dann kommen die Gourmets überall hin. Und wenn es wie in diesem Fall Rad fahrende Gourmets sind, dann nehmen sie sogar ein Survivalabenteuer in Kauf. Allerdings muss man es auch nicht übertreiben: Auch Feldsteinpflasterwege lassen sich fahrradfreundlich sanieren. Dann kommt nicht jeder mit dem Allradjeep. Schließlich haben Fahrradtouristen mehr Kalorien verbrannt und eindeutig mehr Hunger.

Und noch eine Erkenntnis war überraschend: Weniger als zehn Kilometer entfernt von Parlow liegt das UNESCO-Weltnaturerbe Grumsin. Ein alter Buchenwald zwischen Seen und Mooren. Jetzt beginnt dort ganz zart so etwas wie Tourismus. Aber so mal unter uns: Unsere Strecke war spektakulärer und abwechslungsreicher. Bitte nicht weitersagen.

 

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