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VeloBerlin 2016: Männermode im 21. Jahrhundert

Berlin, 16. April 2016

Andreas Geisel ist Verkehrssenator der Stadt und macht mit einer Gastrede auf der VeloBerlin die Besucher fassungslos: "Ich würde auf vielen Straßen Berlins niemals Rad fahren." Angenommen der Mann hätte auf einer Automobilmesse "Autofahren ist lebensgefährlich, im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 3.475 Menschen durch Autos getötet, aus Sicherheitsgründen fahre ich daher Rad" gesagt, der Mann wäre sofort rausgeflogen. Und hätte lebenslänglich Hausverbot bekommen. Benno Koch fährt auf jeder Straße dieser Welt Rad und hat sich zwischen Mode und Genuss auf der Fahrradmesse umgesehen.

Natürlich ging Geisels Fauxpas nicht nur auf Twitter viral: "Nach deutlich über zehn Jahren mit SPD-Verkehrssenatoren ist das eine Bankrotterklärung für die Fahrradstadt", findet Stefan Gelbhaar von der bündnisgrünen Opposition. Das Vertrauen sei verspielt und es sei sehr traurig solche Worte vom Verkehrssenator zu hören, waren andere fassungslose Reaktionen. Doch vermutlich hatten die meisten Besucher in den Messehallen die Rede gar nicht gehört. Zu verlockend war das wahre Leben, in dem das Fahrrad eine immer größere Rolle spielt.

Die VeloBerlin füllt sich am ersten Messetag schnell. Und die Aussteller haben genauso schnell die Lacher auf ihrer Seite. Da ist ein Elektromobil mit dem schönen Namen kickTrike mit gleich fünf Kästen Limonade unterwegs - natürlich nicht nur für den Herrentag geeignet. Kleiner Schönheitsfehler: Mit den fehlenden Pedalen fehlen genaugenommen die Grundeigenschaften eines Fahrrades.

Ein paar Meter weiter hat Vaude ernst gemacht: Die Fahrradpacktaschen leuchten in den schönsten Farben. Und sind 100 Prozent PVC-frei. Denn bei der Verbrennung von PVC in Müllverbrennungsanlagen entstehen giftiger Chlorwasserstoff, Dioxine und weitere gefährliche Schadstoffe. Das neue Material mit einer Beschichtung aus Polyurethan der "Hot Couture Fashion Bags" ist nicht nur umweltfreundlicher, sondern fasst sich ähnlich griffig und robust an wie frühere PVC-Taschen und ist genauso wasserdicht.

Natürlich belehren auch Helmhersteller nicht mehr ihre Kunden, sondern wollen sie gewinnen. In diesem Fall sind die Melon Helmets eher Lifestyle mit bunten Farben und frechen Ideen.

Die wohl überraschendste Innovation sind die stylischen Blinkerhandschuhe. Mit verschiedenen Modellen für Sommer, Winter und Übergangszeiten sind die nicht nur wirklich fahrradtauglich. Mit dem durch LEDs leuchtenden Zeigefinger beim Abbiegen, ist der Traum von ET jetzt auch auf dem Rad Wirklichkeit geworden - und der Abbiegewunsch nun auch für nachfolgende Autofahrer unmissverständlich sichtbar.

Außerhalb der Messehallen ist ein Testparcours für alle nur denkbaren Fahrräder aufgebaut. Mit einem 45er E-Bike von Koga durch die Versorgungstunnel des Messegeländes zu fahren, ist ein einzigartiger Spaß. Die Mountainbikes von Riese & Müller geben sich mit 25 km/h zufrieden, begeistern aber nicht weniger durch Carbonriemen-Antrieb und stufenloser Automatikschaltung von Nuvinci.

Mit Ben Weide kommt nun eine Geschichte, wie sie vielleicht nur Berlin schreiben kann: Herrenkollektionen und Dachziegel überschreiben die Prenzlauer Nachrichten das einzigartige Konstrukt. Petra Hoyer ist Geschäftsführerin zweier Unternehmen. Mit ihrem Suiddy ist sie nun in der Fahrradszene angekommen. Wo früher eine klare Trennlinie zwischen Jackett und Kapuzenpullover bestand, gibt es das Ganze heute all-in-one. Natürlich bei 30 Grad waschbar und unfassbar chic zwischen aktiver Bewegung auf dem Rad und stilsicherer Erscheinung auf der Baustelle. Oder im Büro. Männermode für das 21. Jahrhundert heißt ganz bescheiden die Idee des jungen Modelabels.

Das große Finale gab's natürlich nur für die wahren Genießer. Das Ei - also der meisterliche Fahrradanhänger l'oeuf - ist eine Gourmetküche, wie es sie in Brandenburg selten gibt. Deshalb kann man sie auch mieten und überall mit hinnehmen. Vielleicht sollte man das aber zunächst auf dem nächsten Firmenevent oder einer anstehenden Hochzeit ausprobieren. So viel sei verraten: Ganz billig lässt sich die Inszenierung der guten Küche nicht machen. Doch auch diesmal übertrifft die Realität die Verheißungen der Speisekarte: Die Brennnesselsuppe, der Wildkräutersalat, die frische Tagliatelle und der New York Cheesecake sind ein Gedicht. Bitte weitersagen.

 

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