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Tourtagebuch: Teambuilding zwischen Spree und Neiße

Berlin, 31. Oktober 2016



Zuerst mussten nur ein paar nicht ganz perfekte Ergebnisse Berlin-Brandenburger Verkehrspolitik bezwungen werden. Und dann kam auf der unfreiwilligen Radtour entlang der Spree die Sonne raus. Die Fischer an den Peitzer Teichen liefen zur Höchstform auf. Dahinter wurden die alten Wälder auf dem Weg zur Neiße mal wieder zu Kleinholz verarbeitet. Die Braunkohlelöcher nebenan noch tiefer, länger und breiter ausgekohlt. Mehr als 70 Jahre alte Brückenruinen bezwungen. Um schließlich am Kamin in einem Blockhaus am Waldrand das würdige Finale zu feiern. Was für ein Tag! Eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch beschreibt eine ganz gewöhnliche Radtour für Genießer.

Dagegen ist ein Manager Survival Training vermutlich nur ein kalter Abklatsch. Kann man wirklich nur mit einem Fahrrad in Berlin starten und die ganze Welt entdecken? Also von Berlin durch Brandenburg nach Polen. Und dabei noch so viele Abenteuer erleben, Menschen kennenlernen, Grenzen testen und nicht zuletzt so zusammenwachsen? Andere würden es Teambuilding nennen. Wenn man weiß, wie es geht.

Es ist das letzte Wochenende im Oktober. Der Wetterbericht macht den Menschen wie so oft Angst vor die Tür zu gehen. Also richtig nach draußen. Mit Bewegung an frischer Luft. Doch eine kleine Gruppe von Fahrradtouristen hat sich zum Peitzer Fischzug verabredet. Natürlich alles ganz harmlos. Das Leben draußen ist heute so einfach wie nie zuvor.

Der verspätete Fernverkehr der Bahn blockiert wie immer die eigentlich pünktlichen Regionalbahnen im Berliner Hauptbahnhof. Die Stadtbahngleise für die S-Bahnen sind gesperrt. Fahrgäste mit Rollkoffern, gerne größer als Fahrräder, testen die zu kleinen Mehrzweckabteile der nun als Ersatzverkehr genutzten Züge der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) nach Cottbus.

Auch wenn es anders erscheint: Die Züge sind halbleer. Die 1. Klasse ohne jeden Fahrgast ist immer noch ein Affront, den augenscheinlich niemand braucht. Und die Mehrzweckabteile sind gerade für Fahrgäste ohne Fahrrad und ohne Rollkoffer wie das Paradies – wenn man über zwei Klappsitze gelehnt die Beine ausstrecken kann. Im Oberdeck der Doppelstockwagen sind viele Plätze frei. Freundliche Durchsagen des Personals gibt es keine.

Fahrräder sind eigentlich nur unsere im Zug. Im Ostbahnhof ist auch der Spuk der Ersatzfahrgäste vorbei. In Königs Wusterhausen ist der Zug halb leer. Trotzdem ist ausgerechnet der offizielle Tourarzt mit seinem Liegerad am Einstieg gescheitert.

In Cottbus hat unser Regionalexpress RE2 noch Verspätung – wie fast immer. Diesmal sind es knapp zehn Minuten. Die Züge sind nicht nur zu klein und zu kurz, sondern auch deren Beschleunigung ist wohl aus praxisfernen Gründen vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) zu bescheiden bestellt worden. Wlan gibt’s nicht. Smartphone-Empfang entlang der Strecke bleibt ein Wunschtraum.

Und so versucht die ODEG-Zugbegleiterin vergeblich, die Anschlusszüge in Cottbus ein paar Minuten warten zu lassen. Warum dieses Steinzeitprozedere mit Anrufversuchen ohne Empfang überhaupt notwendig ist, bleibt unklar. Selbst auf der offiziellen VBB-Website werden die Züge in Echtzeit mit Verspätung gelistet. Automatisiertes Warten am Umsteigebahnhof mit einer kleinen Software zu organisieren, dürfte für ein Berliner Startup eine schöne Fingerübung sein.

Cottbus ist eine grüne und schöne Stadt. Wenn man aus den urigen Katakomben des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Empfangsgebäudes auf der Altstadtseite die Treppen hochsteigt, steht man vor dem noch vorhandenen Bahnhofsgebäude der Spreewaldbahn. Der letzte Personenzug ist hier längst abgefahren: In der Nacht vom 3. auf den 4. Januar 1970 soll es zuletzt von Cottbus Spreewaldbahnhof nach Straupitz gegangen sein. Natürlich bei dichtem Schneetreiben. Fahrzeit für die 31,4 Kilometer kurze Strecke: Rund 1:45 Stunden. Heute ist der Bahndamm der einstigen Spreewaldbahn nach Burg abschnittsweise als Radweg asphaltiert. Und Fahrradtouristen sind hier manchmal sogar schneller als die alten Züge unterwegs.

Noch nicht für immer abgefahren sind die Züge von Cottbus nach Peitz. Doch diesmal waren aufgrund der Verspätung unseres Zuges aus Berlin nicht mal mehr die Rücklichter zu sehen. Das Team aus elf Fahrradtouristen musste die erste Entscheidung treffen: 45 Minuten auf den nächsten Zug warten oder 18 Kilometer zusätzlich nach Peitz radeln? Die Entscheidung fiel einstimmig und kurzentschlossen: Natürlich Rad fahren!

Nach ein paar Nebenstraßen ist die Spree und der offizielle Spree-Radweg erreicht. Es hat geregnet, der Untergrund ist rutschig. Anders als die umliegenden Straßen ist der Radweg nicht asphaltiert. Wer sich umweltfreundlich bewegt wird bestraft. Natürlich ist alles ganz harmlos – hält aber offensichtlich andere Radfahrer davon ab hier Rad zu fahren.

Kurz darauf kommt die Sonne raus. Die bunten Laubwälder leuchten jetzt am schönsten. Und außerhalb der Kernstadt geht es asphaltiert und mit Rückenwind zu den Peitzer Teichen. Die Maustmühle ist nach 15 Kilometern oder 60 Minuten überraschend schnell erreicht. Ein schönes Restaurant mit freundlichen Mitarbeitern direkt am Wasser. Die heiße Schokolade bleibt aber leider auch nach dem zweiten Versuch in der Mikrowelle kalt.

Der asphaltierte Spree-Radweg unter alten Bäumen auf einem Deich zwischen den Teichen gehört zu den schönsten Radweg-Abschnitten in ganz Brandenburg. Am Hälterteich bereiten sich die Möwen, Reiher und Adler schon auf das Finale beim Abfischen vor. Irgendwas bleibt immer liegen. Von den Peitzer Fischern ist noch nichts zu sehen.

Ein paar Hundert Schaulustige sind zu dem Spektakel angereist. Das in Wahrheit auf dem Gelände des einstigen Hüttenwerkes hinter einer Mauer an ein paar Dutzend Ständen nur dem einen Zweck dient: Dem großen Fressen. Übergewichtige Damen warten auf die frischen heißen leckeren in Puderzucker gewälzten Quarkbällchen. Übergewichtige Herren bilden lange Schlangen vor der unwiderstehlichen Fischfriteuse, die knuspriges Filet verspricht. Und natürlich am Würstchengrill, falls man keinen Fisch mehr runterkriegt. Frisch mit flüssiger Butter bestrichene warme Plinsen gibt es ein paar Stände weiter. Hunger muss hier niemand leiden.

Doch dann schlägt die Stunde der wahren Helden: Ein Dutzend Fischer und die Spreewälder Gurkenkönigin steigen endlich ins kalten Wasser. Mit Stangen und Netzen werden die Karpfen in die Enge getrieben, mit einem großen Köcher am Kranhaken an Land geholt und lebend in die Wassertanks auf zwei Lkw verladen. Der Fang dieser Tage muss für Weihnachten und den ganzen Winter reichen. Das dürfte kein Problem sein: Während zu DDR-Zeiten hier noch bis zu 3.500 Tonnen Karpfen pro Jahr gezüchtet wurden, sind es heute noch 500 Tonnen. Kann man Karpfen eigentlich wieder cool und sexy machen? Die Show der Fischer hätte das Zeug für mehr.

Das Ensemble aus Hüttenwerk, Teichen, Altstadt und Festung ist eine Perle. So der historische Gebäudekomplex des Königlichen Hüttenwerkes Peitz mit Ursprüngen im Jahre 1554, als hier erstmals Raseneisenerz abgebaut und später in Hochöfen in Kanonenkugeln verwandelt wurde. Die bereits 1898 stillgelegten Gießereihallen bilden heute die älteste funktionstüchtige Eisengießerei Deutschland. Eine beeindruckende Zeitreise.

Dann geht die Reise hinaus über die Felder nach Jänschwalde. Hier üben sich die Kinder bereits auf dem Spielplatz mit Riesenbaggern. Naja, an diesem Samstag Nachmittag sind es zehn spielende Fahrradtouristen. Nummer elf kommt ein paar Kilometer später hinzu: Der offizielle Tour-Doc hat es mit dem dritten Zug und seinem Liegerad tatsächlich bis zum Abgrund des Braunkohletagebaus Jänschwalde geschafft. Jenseits jeder Pillenmedizin steht nun der gesunden Bewegung und bester medizinischer Expertise direkt vom Internisten nichts mehr im Wege.

Auch andere Experten mit anderen Expertisen laufen jetzt zur Hochform auf: Ob da wohl Pfifferlinge direkt vom Fahrrad aus eingesammelt werden können? Angeblich wachsen ja in diesem Herbst in Brandenburg keine Pilze. Doch hier leuchten die Pfifferlinge mit ihren gelben Hüten ordentlich durchs Dickicht. Doch die mitreisende Mikrobiologin muss korrigieren: Es hat leider nur zum Falschen Pfifferling gereicht. Frisch geschult von den besten Pilzsachverständigen ist die Frau gerade aus Süddeutschland zurück. Da bleibt kein Pilz lange in der Deckung.

Gibt es eigentlich auf Radtouren wie diesen langweilige Lebensläufe? Das ist so gut wie ausgeschlossen. Von der Architektin gibt es die neuesten Information zu den ältesten Lehmfachwerkhäusern in Brandenburg. Über die besten Integrationsschulen Berlins kann man sich auf dem Laufenden halten. Und die Tipps vom Fahrradexperten gibt’s sowieso gratis dazu.

Auf dem Aussichtspunkt Grießen weht uns der kalte Wind aus dem 90 Meter tiefen Abgrund ins Gesicht. Wer hier über dem Braunkohletagebau Jänschwalde einmal auch nur ein paar Minuten verbracht hat, wird die gewaltige Zerstörung von riesigen Kulturlandschaften nicht mehr vergessen. Allein hier sind sechs Dörfer im Tagebau verschwunden. Zuletzt Horno, dessen bewaldeter Hausberg inzwischen mit Baustraßen durchzogen jeden Tag ein bisschen mehr den Holzerntemaschinen zum Opfer fällt.

Dann geht es steil hinab ins Neißetal. Der Bahnhof Grießen ist Teil der einstigen 30 Kilometer langen Bahnlinie Forst-Guben. 1904 eröffnet wurde der Personenverkehr  hier bereits 1981 eingestellt und bis 2006 als Oder-Neiße-Radweg ausgebaut. Direkt am Weg liefert das Wasserkraftwerk Grießen heute etwa so viel Strom wie eine Windkraftanlage vor 20 Jahren. Aber fürs E-Bike soll's wohl reichen.

Doch hier in Grießen und entlang der gesamten Neiße gibt es vor allem ein Thema: Die alten Brücken. Vor 1945 überquerten mindestens 66 Brücken die Neiße. Wiederaufgebaut sind 70 Jahre später erst 33 Stück. Kurz hinter Albertinenaue steht ein halb zerstörtes Relikt hinüber nach Markosice. Eigentlich fehlt hier nur eine kurze Rampe auf deutscher Seite. Und falls der TÜV fragt: Ein paar Brückengeländer, die Hälfte der Pflastersteine, die Beleuchtung könnten auch mal erneuert werden – aber der Stahlbeton weigert sich zusammenzubrechen.

Hier muss das Team über sich hinauswachsen: Über Kopf werden die Fahrräder gemeinsam geschoben, getragen und gezogen. Dann ist das Abenteuer am anderen Ufer perfekt! In Markosice sind die Einwohner gerade fleißig mit dem einsammeln des Herbstlaubs beschäftigt: „Dzień Dobry!, Guten Tag!“ freuen sich alle über die von der Brandenburger Politik wohl nicht so ganz gewünschten Grenzgänger. Zumindest ist ein normales Zusammenwachsen ohne Brücken eine echte Herausforderung.

Die Landstraßen hier in der Woiwodschaft Lebus sind breit und leer. Kurz vor Gubin sind ein paar Autos unterwegs. An der gigantischen Umgehungsstraße wurde eine Querung für Radfahrer irgendwie vergessen – ein breiter Trampelpfad lässt aber keine Zweifel, dass hier viel Fahrrad gefahren wird.

Kurz darauf erscheint am Waldrand ein riesiges Blockhaus. Ganz so, wie es Touristen in der Werbung versprochen wird: Die Architektur ist beeindruckend. Der Kamin knistert wohlig warm. Natürlich gibt es eine Bar und urige Bänke davor. Die Küche vom Nachbartisch verspricht keine Wünsche offen zu lassen. Und die Bedienung ist aufgeschlossen und freundlich. Die Toiletten sind sauber und duften frisch. Wo in Brandenburg können elf Gäste unangemeldet in ein Restaurant gehen?

Das Bier ist nach ein paar Minuten frisch gezapft auf dem Tisch. Um die Küche zu testen, werden elf verschiedene Hauptgerichte bestellt: Bigos mit frischem Brot, Schmalz und Gurken, Leber mit Zwiebeln, Schweizer Schnitzel mit ganz viel Käse, frischer Tatar, natürlich Forelle und alle möglichen Variationen davon und mehr. Meine Angst war groß: Hatte nicht mindestens ein Nutzer in einer Google Rezension das Restaurant als Fress-Puff bezeichnet und kleinlich mit einem Stern (weniger geht wirklich nicht) den Laden niedergemacht? Doch so kann sich das virtuelle und reale Leben unterscheiden: Es war diesmal von der Küche bis zur Gastfreundschaft alles perfekt.

Und so konnte das Team der Fahrradtouristen wie in einem Märchen der Gebrüder Grimm die gemeinsamen Abenteuer des Tages Revue passieren lassen. Am alten Rathaus in Gubin gab es noch den obligatorischen Espresso (bitte noch mal beim Italiener nachfragen!) und im Bahnhof Guben füllte sich endlich mal wieder die Empfangshalle mit ein paar Menschen. Übrigens auch eine Zeitreise.

 

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