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UNESCO-Weltnaturerbe Grumsin

Berlin, 3. November 2016 [zuletzt geändert am 4.11.16 um 18:30 Uhr]

Mitten im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin gibt es noch mal eine Steigerung vom Inbegriff einzigartiger Natur. Die UNESCO erklärte vor fünf Jahren die Buchenwälder des Grumsin zum Weltnaturerbe. Seitdem entwickelt sich das zarte Pflänzchen Tourismus hier vielleicht einen Hauch kräftiger als zuvor. Am Sonntag, 6. November 2016 verrät Benno Koch die farbenfrohsten Wege zwischen tiefen Wäldern und offenen Feldern.

Die Region ist der Inbegriff von Macht, Jagd und einzigartiger Natur. Als hier im Herbst 1898 Kaiser Wilhelm II. erstmals aus dem Zug stieg, um in der Schorfheide auf Jagd zu gehen, bekam der Mythos ein Gesicht. Das Ensemble im norwegischen Landhausstil ist heute Brandenburgs schönster Bahnhof. Wie in einem Märchen präsentiert sich der perfekt sanierte Kaiserbahnhof einsam inmitten scheinbar endloser Wälder.

Diese Radtour startet am Kaiserbahnhof Joachimsthal und führt auf 55 Kilometern durch den Grumsin nach Schwedt (Oder). Während der Kaiser vor bald 120 Jahren von hier mit seiner Kutsche zum zehn Kilometer südwestlich am Werbellinsee gelegenen Jagdschloss Hubertusstock aufbrach, liegt das neue Juwel Grumsin heute zehn Kilometer nordöstlich hinter dem Grimnitzsee.

Der Radweg Tour Brandenburg führt hier bestens asphaltiert unter alten Buchen am Seeufer entlang. Unterhalb eines Hügels hat sich unmittelbar neben dem Radweg eine Silberreiher-Kolonie angesiedelt - ein Paradies auch für Birdwatcher. Und mal so unter uns: Die Szenerie hier außerhalb des UNESCO-Reservats Grumsin ist fast noch schöner als im Totalreservat. Das muss aber unter uns bleiben.

In Althüttendorf wird es dann noch mystischer: Die Germanischen Schicksalsgöttinnen Urd (Schicksal), Verdandi (Werdend) und Skuld (Schuld) ziehen ihre unsichtbaren Fäden mitten über den Dorfplatz.

Auf dem Weg nach Altkünkendorf folgen ein paar rumplige Straßen. Noch holpriger führen ein paar alte Feldsteinstraßen in den Grumsin hinein. Die wenigen Naturliebhaber kommen daher meist mit dem Auto - Radfahren ist ihnen zu anstrengend. 1661 begann hier der Bau eines ersten Wildzaunes. Das was heute als besonders naturnah empfunden wird, war über Jahrhunderte ein planmäßig angelegtes Jagdgebiet mit Zaunsetzerstellen, Vorwerk, Meierei und Försterei.

Die Rumpelstrecke ist nur kurz. In Altkünkendorf hat im Oktober 2015 im alten Speicher die Brennerei Grumsin eröffnet. Immer sonntags kann man sich hier vom schlichten Korn über den Scheurebe Brand bis zur hochprozentigen Birne, Kirsche und natürlich Quitte durch alles trinken, was die verlassenen Streuobstwiesen der Umgebung so hergeben. Muss man aber nicht: Kaffee und Kuchen und nur mal gucken ist auch erlaubt.

Kurz vor Wolletz ist wieder der hier bestens ausgebaute Radweg Berlin-Usedom erreicht. Die alten Wälder und klaren Seen sind kaum vom Grumsin zu unterscheiden. Und einsam ist es hier sowieso.

Und mitten in dieser Einsamkeit ist ein alter Dorfkonsum zu neuem Leben erwacht. Mit viel Engagement wird hier möglich gemacht, was woanders unmöglich scheint. Natürlich werden auch die Burger selbst gemacht. Nicht nur die Patties. Gehen die Zutaten zur Neige, wird der Jäger losgeschickt und ein im Biosphärenreservat biologisch-dynamisch aufgewachsenes Wildschwein zur Strecke gebracht.

Und die Liste der einsamen Perlen lässt sich noch erweitern: Etwas nördlich ist der Lennépark von Görlsdorf eine soeben wiederentdeckte Perle. Auf anderthalb Kilometern schlängelt sich im Tal der Welse ein mit viel Liebe zum Detail wieder herausgearbeiteter Landschaftspark an den Fundamenten des 1945 abgebrannten Schloss Görlsdorf vorbei in den Tiergarten.

Etwas südlich davon macht seit Anfang 2015 Sarah Wiener mit einem neuen Projekt auf sich aufmerksam. Das Hofgut Kerkow sieht nicht so idyllisch aus. Der Charme der einstigen LPG lässt sich nicht leugnen. Aber mit ökologischer Landwirtschaft soll hier einiges besser gemacht werden.

Dann öffnen sich die Landschaften endgültig und die sanften Hügel führen hinab ins Odertal. Auf dem Weg dorthin überrascht in der Alten Schmiede Pinnow seit diesem Frühjahr ein neues Café mit selbstgemachten Torten, Kuchen und Eis.

Kurz darauf bilden die Ruinen des einstigen Rittergutes Hohenlandin eines der bizarrsten Ensembles Brandenburgs. Vor allem die jüngere Geschichte hinter den Ruinen ist unglaublich. Das Herrenhaus im Tudorstil von 1860 soll am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 noch ganz passabel ausgesehen haben. Auch der Park, der wie nicht anders zu erwarten, ein paar Jahre zuvor ganz persönlich von Peter Joseph Lenné umgebuddelt worden sein soll.

Als dann nach dem Ende des Krieges Flüchtlinge im Schloss wohnten und später Schüler hier paukten, war das Anwesen auf den Messtischblättern längst verschwunden und das Land für Neubauern mit ein paar Strichen parzelliert. Irgendwie ist bereits zu dieser Zeit der Wintergarten abhanden gekommen und hat ein paar Schrottdieben ein kurzes Glück beschert. Als 1977 die letzten Mieter auszogen, war das Dach längst undicht, die oberen Etagen seit Jahren nicht mehr nutzbar.

Ende der 1990er Jahre begannen der damalige Student Peter Strzelczyk und seine Kommilitonen sich für die romantischen Ruinen zu interessieren. Als sie das Schlossgut erworben hatten, stellten sie entsetzt fest: Ihr Flurstück endete genau an der Mauerecke des Schlosses. Lediglich die Ruinen der Brennerei und ein riesiger historischer Bullenstall waren nun in ihrem Besitz. Das Schloss gehörte noch immer der Gemeinde. Ein jahrelanger Streit begann.

Das Schloss verfiel weiter im Zeitraffer. Der Rest auch. Irgendwann durchzog ein Zaun das Anwesen und versperrte die Zufahrt zu Brennerei. Ein Gericht machte dem Spuk ein Ende. Dann sollte eine neue Stromleitung zur Brennerei gelegt werden - der Einfachheit halber über das Schlossgelände: Der Antrag wurde abgelehnt. Das Landleben muss wirklich wunderbar sein. Das hat inzwischen auch Strzelczyk erkannt. Und züchtet hier nun eine Herde Schafe und Ziegen. Letztere meckern zwar auch, sind aber sonst irgendwie umgänglicher.

Wenn der Mond längst aufgegangen ist, wartet am Ende einer schönen Herbst-Radtour für Genießer diesmal der offene Kamin in einer ruhigen Blockhaussauna. Und ein Sportschwimmbad. Ganz freiwillig natürlich. Und gleich nebenan gibt es ein gutes Restaurant.

 

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