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Tourtagebuch: Vom Krimicafé ins InnFernow

Berlin, 6. März 2017



Anfang März machte sich eine kleine Gruppe Fahrradtouristen auf den Weg. Auf einen Weg, der so neu ist, dass noch nicht einmal ein Bürgermeister ein Band durchschneiden konnte. Eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch beschreibt eine ganz gewöhnliche Radtour für Genießer.

Die in Wahrheit wie immer unglaubliche Geschichte beginnt in Gransee. Ein Bilderbuchort mit vollständig erhaltener mittelalterlicher Stadtmauer. Diese umschließt makellos sanierte Bürgerhäuser und Handwerkerhöfe, eine riesige zweitürmige St. Marienkirche und ein Zisterzienserkloster. Natürlich gibt es einen Pulverturm und ein richtiges Stadttor. Gleich hinter dem Tor wartet viel unzersiedelte Natur. Und wer nett fragt, bekommt sogar den Schlüssel zur Stadt.

Was sich andere Städte in Brandenburg sehnsüchtig wünschen, ist in Gransee schon immer vorhanden: Die Bundesstraße B96 führt auf dem Weg zur Ostsee ordentlich als Ortsumgehung außen an der Stadtmauer vorbei. Es gibt einen richtigen Bahnhof mit richtigen Zügen, die einmal pro Stunde in 45 Minuten nach Berlin pendeln.

Ein perfekter Traum für jeden Tourismusmanager mit Altstadthotels, gemütlichen Cafés, Gourmet-Restaurants, Künstlerateliers, Radwegen ringsrum und natürlich die Sauna danach. Und jetzt musst du ganz tapfer sein: Aufwachen! Es war nur ein Traum.

Es begann schon 1811. Da wo sich andere Orte beeindruckende Denkmäler, sagen wir mal mit stolzen Herrschern oder manchmal auch mit attraktiven Frauen, auf den Marktplatz stellen, hat sich Preußens Baumeister Schinkel anders entschieden: Für einen guseisernen Sarg.

Die Geschichte ist traurig, Königin Luise von Mecklenburg-Strelitz starb jung mit 34 - kein Alter zum Sterben. Vom Schloss Hohenzieritz in Mecklenburg-Strelitz wurde der Sarg Luises ins Berliner Schloss Charlottenburg gebracht. Eine Nacht stand er auf dem Markt in Gransee.

Aber die Königin der Herzen, schlicht die Preußische Madonna, beeindruckte mit ihrer Schönheit sogar Napoleon. Der Glanz des blühenden Lebens der schönen Königin hätte also auch auf Gransee abfärben können - ohne Sarg.

Es ist ein bewölkter Sonntag mit ein paar Nieseltropfen bei zehn Grad Celsius. In Gransee ist gerade Mittag. Tatsächlich sind ein paar Touristen unterwegs. Die St. Marienkirche hat zu, der beeindruckende Turm auch. Es gibt eine Gaststätte mit dem schönen Namen Huckeduster in der Altstadt für Frühaufsteher - und um 14 Uhr hat der Wirt schon wieder Mittagsruhe. Ein beschauliches Altstadthotel gibt es nicht. Ein Marktcafé auch nicht.

Doch dann das Wunder: Marina Hillebrand steht gerade am Backofen. Es gibt warmen Blechkuchen mit Grütze, glutenfreien Käsekuchen, manchmal auch Fenchel-Birnen-Tarte oder Schwedische Apfeltorte à la Petra. Wer möchte kann sein eigenes Rezept mitbringen. Harald Hillebrand ist derweil am Siebträger einer professionellen Kaffeemaschine zu Gange - natürlich mit ausgesuchten Kaffeesorten.

Das Konzept der Hillebrands heißt Café & Bücherei. Seit ziemlich genau einem Jahr gibt es das Projekt an jedem Wochenende von 10 bis 18 Uhr. Als Zweitjob. Ganz ohne Fördergelder. Mit Lesungen. Und so als Idee, um am Wochenende - wenn die Touristen kommen könnten - auch Bücher verkaufen zu dürfen.

Das ist aber erst die halbe Wahrheit: Was von außen irgendwie unscheinbar wirkt, hat drinnen noch eine zweite Geschichte - Hausherr und Barista Harald Hillebrand war in einem früheren Leben Kriminalkommissar, schrieb irgendwann seinen ersten Roman und ist heute mit seiner Oberhavel-Krimireihe dem vermeintlichen Mörder im Dorfkrug auf der Spur. Wenn er jetzt noch auf die Idee käme sein Geschäft schlicht Krimicafé zu nennen, wäre der Erfolg in Gransee wohl nicht mehr aufzuhalten.

Und wie war das mit dem Schlüssel zur Stadt? Den gibts für einen Euro im Heimatmuseum. Und der Schlüssel passt zum Ruppiner Tor und zum Pulverturm. Romantisch und mit einem schönen Ausblick über die Dächer Gransees.

Nördlich der Stadtmauer liegt der neue Traum von Gransee: Der Stechlinseebahn-Radweg. Die einst 23 Kilometer lange Bahnlinie nach Neuglobsow ist in den letzten Jahren zum Radweg ausgebaut worden. Zwei neue Abschnitte sind 2,5 Meter breit asphaltiert worden.

Vom Zisterzienserkloster Gransee bis zum einstigen Bahnhof Schulzendorf sind es acht Kilometer bester Asphalt. Sichtbare Wurzelschutzfolien lassen auf eine die Garantiezeit überdauernde Lebensdauer hoffen.

Unterwegs ist auf diesem Abschnitt nichts. Außer verlockenden Spargelfeldern, jetzt im Frühjahr großen Kranichkolonien direkt am Radweg und einem Schlachtfeld von 1316. Wie immer ging es auf letzterem um Erbstreitigkeiten. Und schließlich sollen die mecklenburgisch-dänischen Truppen zu Fuß die vermeintlich stärkeren Brandenburger Truppen auf ihren Pferden und in ihren schweren Rüstungen besiegt haben.

Vom Bahnhof Schulzendorf bis nach Menz folgt dann eine Mischung aus meist ruhigen Landstraßen und von Wurzelaufbrüchen durchzogenen Radwegen einer früheren Förderperiode. Das alte Problem: Fahrradverkehr wird in Brandenburg nie aus einem Guss gefördert, eine zeitnahe Pflege und Wartung von Radwegen gibt es nicht. Leider auch beim Stechlinseebahn-Radweg nicht.

Der rund fünf Kilometer lange Radweg von Menz nach Neuglobsow wurde aber bereits saniert und ist ein Musterbeispiel wie es gehen kann.

Im vergangenen Mai dachten sich die Touristiker vor Ort dann auch eine offizielle Eröffnung zusammen mit der Radsport-Legende Täve Schur aus. Also immer wieder Sport statt Tourismus auf Radwegen? Ist das nicht so, als ob Formel-1-Piloten wie Nico Rosberg oder Sebastian Vettel einen frisch sanierten Straßenabschnitt auf dem Berliner Kudamm eröffnen würden? Oder auch das Autobahndreieck Barnim?

Fahrradtouristen haben keine Zeit für Radrennen. Denn gleich am Ortsausgang von Menz wartet die nächste Attraktion: Eine Koppel voll mit Rückepferden. Die tonnenschweren sanften Kaltblüter werden hier noch gelegentlich zum waldbodenfreundlichen Rücken von gefällten Baumstämmen in den umliegenden Wäldern eingesetzt.

In Neuglobsow ist schließlich der einstige Endbahnhof der Stechlinseebahn erreicht. Der Ort ist Anfang März im tiefen Winterschlaf. Weniger von Seiten der Touristen, die sich vereinzelt in das Herz des Naturparks Stechlin-Ruppiner Land gewagt haben. Vielmehr von Seiten der Cafés und Restaurants ist kein Lebenszeichen erkennbar. Wie wäre es mal mit einem neuen gastronomischen Traum am offenen Kamin? So würden sich hier auch trübe Wintertage mit Ausflügen verbinden lassen.

Nun ist ein Abschnitt des Radweges Berlin-Kopenhagen an der Reihe: Wie über riesige Wellen führen die Fahrradstraßen sanft hüglig und meist asphaltiert durch die Wälder nach Steinförde und schließlich nach Fürstenberg (Havel). Und hier am Südufer des Röblinsees erfindet sich die Stadt gerade neu.

Noch sind die Kasernen und maroden Villen im einstigen Sperrgebiet nicht ganz verschwunden. Sogar ein Lenin-Denkmal hat hier mit dem Charme der Vergänglichkeit überlebt. Andere Villen sind bereits vermutlich so schön wie nie zuvor saniert.

Auch Sascha Fernow hat Fürstenberg verändert. Aus einem heruntergekommenen Eckhaus direkt an der Bundesstraße B96 hat der Mann seit anderthalb Jahren das Café und Gästehaus InnFernow gezaubert. Sein Engagement ist ungewöhnlich. Es gibt Manufaktureis von Eis-Engelchen, Himmelpforter Kaffee und natürlich Burger von glücklichen Rindern aus Brandenburg bis Argentinien. Und eben außergewöhnliche Gastfreundschaft.

Fernow ist ein Musterbeispiel dafür, wie es in Fürstenberg funktionieren kann: Bewusst ist er von seinem beschaulichen Wohnort Marienthal an die angeblich zu stark befahrene B96 gegangen. Hier sieht ihn jeder und sein Geschäft ist am Sonntag Abend Anfang März voll. Wie immer entscheidet die Qualität und nicht die angeblich gute oder schlechte Lage. Und obwohl hier oben viel über Wassertourismus geredet wird, sind seine Übernachtungsgäste überwiegend Fahrradtouristen.

Vielleicht gelingt es der Stadt noch den Fehler anderer Kommunen in Brandenburg mit Millionen schweren neuen Ortsumgehungen zu verhindern. Statt mit einer neuen Straße den Lärm nur in andere schöne Gegenden zu verlagern und die intakte Natur in der Wald- und Seenlandschaft neu zu zerschneiden, ist richtige Verkehrsplanung viel wichtiger.

Wie nahezu überall in Brandenburg sind die innerstädtischen Radwege nicht der Rede wert - niemand fährt hier freiwillig mit dem Fahrrad zum Bäcker. Mehr als die Hälfte der Autofahrten hier gehen auf das Konto von Einheimischen. Der Bahnhof mit den stündlichen Zügen nach Berlin ist für die meisten Fürstenberger auch ein Buch mit sieben Siegeln. Und just an diesem Abend fährt ein langer Güterzug mit vielleicht 50 Lkw an uns im Bahnhof vorbei. Die Bahnstrecke Berlin-Rostock wurde gerade für sagenhafte 850 Millionen Euro saniert.

Und wie geht es mit dem Stechlinseebahn-Radweg weiter? Der ist sicherlich schon mal ein Aufsteiger des Jahres im Land Brandenburg. Und er hat das Zeug für einen Radweg des Jahres - wenn die alten von Wurzelaufbrüchen durchzogenen Abschnitte jetzt auch saniert und die letzten Lücken geschlossen werden.

 

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