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Tourtagebuch: Mit Luther durch die Elbauen

Berlin, 12. März 2017

Wer Mitte März auf dem Elberadweg in Sachsen-Anhalt unterwegs ist, hat diesen praktisch für sich alleine. Und auch der in diesem Jahr wichtigste Ort im Lande kann noch Luft holen: Lutherstadt Wittenberg bereitet sich auf 500 Jahre Reformation vor und zieht bereits erste Neugierige an. Eine neue Seite im Tourtagebuch von Benno Koch beschreibt eine ganz gewöhnliche Radtour für Genießer.

Alle reden in diesen Tagen von Reformation. Wenn es gut geht, steht an deren Ende die Trennung von Staat und Religion. Vor 500 Jahren stand der Augustinermönch Martin Luther mit 95 Thesen am Anfang. Dann kam erst einmal verdammt viel Elend. Dass irgendwann einmal eine unbeschwerte  Radtour entlang der Elbe auf der Liste der Freiheiten stehen könnte, überstieg die Erkenntnis der damaligen Zeit.

Eine kleine Gruppe Fahrradtouristen wollte es wissen. Von Lutherstadt Wittenberg ging es rund 40 Kilometer über Elster (Elbe) nach Zahna. Und so mal unter uns: Noch bevor sich die Mücken in den Elbauen zurückmelden, ist jetzt hier eine der schönsten Zeiten des Jahres angebrochen. Nicht nur weil Rad fahren immer schön warm hält. Auch weil jetzt die spannendsten Geschichten noch jungfräulich direkt am Radweg liegen. Und Vorsicht: Auch die Toilettenkultur im Lande ist Teil der Geschichte.

Vor allem Lutherstadt Wittenberg stand wohl noch nie so im weltweiten Interesse wie in diesem Jahr: Hier begann vor 500 Jahren die Reformation der christlichen Kirche. Im Rückblick eine einzigartige Erfolgsgeschichte und wohl komplett anders gelaufen als von Luther gedacht.

Und schon jetzt lässt sich im ordentlich aufgehübschten Wittenberg praktisch alles zu Geld machen: Die Lutherwurst (die Geschichte dieser unglaublichen Verbindung einer ganz normalen Bratwurst mit Luther ist ganz doll an den Haaren herbeigezogen - und funktioniert am mobilen Fahrrad-Rischka-Wurststand vor Ort offensichtlich bestens), die Luthertoilette (die zwar nicht so heißt, aber mit lauter Musik, Fahnen aus aller Welt, einem Fahrradschlauchautomat und einer langen Besucherschlange direkt gegenüber der Thesentür bereits jetzt einen der größten Umsätze der Stadt erwirtschaftet) und allem anderen, bei dem man jetzt einfach nur Luther vor den Namen zu setzen braucht.

Auf dem Elberadweg geht dann es linksseitig "bergauf" nach Elster (Elbe) schnell aus der Stadt hinaus. Schon im Grünen und direkt an der Elbe überrascht ein riesiger Intersport-Store mit Café, Fahrradladen und der wohl besten Toilette weit und breit - ohne Luther.

Dann folgt in den Elbauen ein einzigartiges Schauspiel aus weiter Natur, Wildvögeln, viel Wasser in der Elbe und frisch gefällten Auwäldern - der Biber übernimmt hier die Funktion der Motorsäge kunstvoll und gnadenlos. Falls der Lauf der Natur so weitergeht, sind die letzten Weiden bald Kleinholz.

In Mühlanger zeigt sich die ganze Zwiegespaltenheit des Landes Sachsen-Anhalt mit dem Fahrradtourismus: Weil die Hauptstraße mit einem Notweg als Elberadweg wegen Bauarbeiten gesperrt ist, werden die Fahrradtouristen hier ganz ausnahmsweise auf den sonst gesperrten wahren und bestens ausgebauten Elberadweg (also der so genannte Deichverteidigungsweg) "umgeleitet". Hier haben wohl normalerweise Anlieger ein Problem mit Fahrradfahrern zwischen ihrer Behausung und dem freien Elbeblick. Der einzig glaubhafte Grund für den "normalerweise" mit einer Schranke versperrten Weg an der Elbe.

In Elster (Elbe) wurde gerade mächtig in den Hochwasserschutz investiert: Die Deiche und Wege sind nagelneu - und die Fähre und der Gasthof gerade außer Betrieb. Letztere beide sollen aber Anfang April wieder zur Verfügung stehen. Bis dahin sind ein Eiscafé, eine Bäckerei und ein Asia-Imbiss wenige Meter oberhalb des Fähranlegers keine zweite Wahl - ganz im Gegenteil: Hier wird mit selbstgebackenen Kuchen und Torten und professionellen Kaffeemaschinen eine auffällig überdurchschnittliche Qualität geboten. Der Elberadweg hält immer ein paar Überraschungen parat.

Die folgen auch gleich auf dem Weg zur Külsoer Wassermühle: In einem Nordwestbogen geht es nun von der Elbe weg durch beschauliche Dörfer und weite Landschaften. Bestens asphaltiert, nahezu autofrei und auf der normalen fahrradtouristischen Landkarte ein weißer Fleck.

Das Café in der Külsoer Mühle ist noch immer beschaulich gelegen - aber diesmal springt der Funke nicht über. Stattdessen geht es zurück in die Sonne und weiter nach Bülzig, wo der offizielle Radweg Berlin-Leipzig erreicht ist. Offiziell heißt auf dem Abschnitt bis Zahna: "Wassergebunden" durch den Schlamm.

Zahna selbst strahlt wie aus dem Ei gepellt: Die Hauptstraße ist seit dem vergangenen Jahr komplett neu gestaltet und saniert. Das Rathaus ist sowieso eine Perle. Und der ganze Ort versprüht den unzerstörten Charme einer längst vergangenen Zeit.

Das scheinen aber weder Touristen noch Einheimische zu wissen. Im Ratskeller Zahna - dem ersten Haus am Platze - sind wir die einzigen Gäste. Die Kellnerin ist mit dem "Ansturm" trotzdem etwas unvertraut, aber auf ihre Art gastfreundlich. Das Essen wird frisch gekocht, ist aber einfach. Das Ambiente drinnen kommt leider nicht an die Fassade ran - und um beim Thema Toiletten zu bleiben: Der DDR-Charme und -Geruch ist hier fast perfekt konserviert. Aber trotzdem: Der Ratskeller muss eine Chance bekommen und zu seinem Glück gezwungen werden.

Glück hat Zahna auch dringend nötig. Aber die Akteure vor Ort müssen jenem Glück nun mit der neuen Straße auch ein wenig unter die Arme greifen: Der Brauereiladen hat am Wochenende zu, der Zahnaer Hof und sein Restaurant tagsüber auch, ein Café gibt es nicht, die Kirche als Kulturdenkmal und deren burgähnlicher Turm sind irgendwie geschlossen, die Tradition der Likör-Destille Zahna nicht nachvollziehbar - auch wenn die einstige Produktionsstätte westlich vom Bahnhof Zahna seit zwei Jahren geschlossen ist.

Aber die Geschichte des Eggvocaat, des Zinnaer Klosterbruder, natürlich des guten Blue Curacao, gerne Prima Sprit mit 95 Prozent Alkohol und nach der Wende der Fläminger Jagd aus der VEB Likörfabrik Zahna kennt vermutlich nicht nur jeder DDR-Bürger. Das Ganze nett verpackt nicht in einem Museum, sondern in einer lebendigen Erlebnis-Destille muss einfach funktionieren! Und mit Aufgeschlossenheit und Gastfreundschaft kommt dann auch die gerne verklärte glückliche Vergangenheit zurück - natürlich nur im besten Sinne.

 

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