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Spargeldörfer, Highlands und Militärbahn

Berlin, 20. April 2017 [zuletzt geändert am 21.04.17 um 19:30 Uhr]

Südwestlich von Berlin erstreckt sich der Naturpark Nuthe-Nieplitz. Die Landschaften sind geprägt von einst riesigen Truppenübungsplätzen und Sperrgebieten des Kalten Krieges. Heute erinnern hier ebenso riesige Highland-Rinderherden schon mal an die schottischen Lowlands. Das ist natürlich geheim. Aber am Sonntag, 23. April 2017 verrät Benno Koch ausnahmsweise die beschaulichsten Entdeckungen im Fahrradfrühling.

Der russische Schlafwagen ist inzwischen ein romantisches Hotel. Schon vor vier Jahren diente das riesige Bahnhofsgelände den amerikanischen The Monuments Men um George Clooney als Kulisse. Der fiktive Bahnhofsname Le Bourget steht noch immer an einer alten Stahlbrücke. Ganz anders im Inneren der Kathedrale der Königlich Preußischen Militär-Eisenbahn: Im historischen Wartesaal wird seit zwei Jahren französische Küche serviert. Ganz bodenständig.

Diese rund 50 Kilometer kurze Radtour führt diesmal mit Rückenwind von Seddin nach Zossen. Sie könnte Teil des theoretischen Radweges Rund um Berlin sein. Ist sie aber nicht. So wie jene offiziell als Regionalpark Fahrradroute bezeichnete Strecke nie systematisch ausgebaut wurde, so gibt es hier im und rund um den Naturpark Nuthe-Nieplitz kein Fahrradkonzept. Also keines, was nachhaltig ausgebaute, asphaltierte Radwege abseits der Landstraßen systematisch mit den Bahnhöfen der Region verbindet.

Trotzdem ist es natürlich und sogar überraschend schön möglich hier Routen für Tagesausflüge zu finden. Wenn man sich auskennt. Am Anfang ist es noch einfach: In Seddin, Kähnsdorf oder in Stücken werben alle Gasthöfe und offenen Höfe mit Beelitzer Spargel. Einen ausgebauten "Spargel-Radweg" gibt es aber auch hier nicht.

Dann prägen riesige Highland Rinderherden auf saftigen Weiden bis zum Horizont das Bild und machen die Reise nach Schottland inzwischen entbehrlich. Die Illusion der Lowlands gibt es auch direkt vor der Berliner Haustür.

Und auch im dazugehörigen Dorf Blankensee ist die Idylle kaum zu übertreffen: Ein Schloss aus dem Jahre 1740, ein Bauernmuseum in einem Mittelflurhaus von 1649, der Park natürlich von Peter Joseph Lenné, jeder Menge malerischer Bauernhäuser mit leuchtenden Frühblühern im Vorgarten und einer richtigen Landbäckerei in der Ortsmitte, wo seit mehr als 100 Jahren die Brote mit Natursauerteig gebacken und die Brötchen handgeformt werden.

Die Strecke führt nun auf einem straßenbegleitenden Radweg in die Friedensstadt Glau. Der Name verrät es schon: Auch hier waren im Kalten Krieg riesige Sperrgebiete - 60 Jahren militärische Nutzung haben auch heute noch sichtbare Spuren hinterlassen. Auf einem 160 Hektar großen einstigen Truppenübungsplatz dürfen sich heute etwas südlich im Glauer Tal Mufflons und Hirsche so naturnah wie möglich vor den Augen der Naturparkbesucher bewegen.

Nun erreicht der Naturpark Nuthe-Nieplitz die Kleinstadt Trebbin, wo sogar ein richtiger Bahnhof und Regionalzüge zurück nach Berlin warten. Doch im zweiten Teil dieser Radtour locken noch geheimere Geheimnisse.

Durch das offene Luch geht es jetzt in den Wald. Die Namen der Fließe verändern sich vom harmlosen Amtsgraben über den beherrschbaren Moorgraben bis zum Vorsicht gebietenden Schießplatzgraben und schließlich bis zum Ende der bekannten Welt am Sperrgebietsgraben. Selbst Markierungen für einen Wanderweg fehlen. Die ersten Bunker erscheinen. Namen wie Behrendts Grab, Scharfer Winkel und Fauler Brückenhorst scheinen nicht zu viel zu versprechen. Doch keine Angst: Geschossen wird hier schon lange nicht mehr, die Wege sind besser befahrbar als viele offizielle Radwege und spätestens in Kummersdorf ist man zurück in der Sicherheit der bekannten Zivilisation.

So bekannt, dass im Koster Alexanderdorf in der dortigen Hostienbäckerei schon die Oblaten für Papst Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. gebacken worden sein sollen.

Wieder gut versteckt im Wald befindet sich ein paar Kilometer weiter der Bahnhof Rehagen. Inmitten eines einzigartigen Ensembles aus zugewachsenem Lokschuppen, Gleisen, Bahnsteigen, einer Bahnhofsbrücke und natürlich dem riesigen Klinkergebäude des Bahnhofes von 1897. Historische Eisenbahnwagen machen die Illusion perfekt. Und drinnen warten der Espresso und die frische Küche von Christophe Boyer, dem französischen Gründer und Inhaber des Bahnhofes Rehagen.

Den Abschluss dieser Radtour macht der Nottekanal-Radweg. Ein Relikt aus den 1990er Jahren, als der Trampelpfad eine der ersten grünen Strecken abseits des Autoverkehrs war. Unter alten Bäumen führt ein Abschnitt heute als inzwischen besser befahrbarer Kiesweg von Mellensee nach Zossen. Immer in Sichtweite der rostigen Gleise der einstigen Königlich Preußischen Militär-Eisenbahn.

 

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